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von Stefan M

Interview Truffaut/Hitchcock

Truffaut: „The Lady Vanishes“ [„Eine Dame verschwindet“] war Ihr vorletzter englischer Film. Ich nehme an, daß Sie damals schon Kontakte mit Hollywood hatten, vielleicht, nach dem Erfolg der ersten Fassung von „The Man Who Knew Too Much“ [„Der Mann, der zuviel wußte“], sogar schon Angebote.

Hitchcock: Während ich „The Lady Vanishes“ drehte, bekam ich ein Telegramm von Selznick, der mir anbot, nach Hollywood zu kommen und einen Film zu drehen über den Untergang der Titanic. Nach Beendigung der Dreharbeiten von „The Lady Vanishes“ bin ich zum erstenmal nach Amerika gefahren und zehn Tage dort geblieben. Das war im August 1938. Ich habe das Angebot, diesen Titanic-Film zu drehen, angenommen. Da aber mein Kontrakt mit Selznick erst im April 1939 anfing, hatte ich noch die Möglichkeit, einen letzten englischen Film zu drehen, „Jamaica Inn“ [„Riff-Piraten“].

Truffaut: Mit Charles Laughton als Produzent.

Hitchcock: Laughton und Erich Pommer zusammen. Das ist, wie Sie wissen, ein Roman von Daphne du Maurier. Das erste Drehbuch hat Clemence Dane geschrieben, ein bekannter Stückeschreiber, dann habe ich Sidney Gilliat engagiert, und wir haben zusammen das endgültige Drehbuch gemacht. Dann wollte Charles Laughton seine Rolle noch ausgebaut haben, und er kam mit J. B. Priestley an, der Dialoge dazuschrieb. Ich hatte die Bekanntschaft mit Erich Pommer 1924 in Deutschland gemacht, als ich Drehbuchautor und Dekorateur war für „The Blackguard“. Er war Michael Balcons Koproduzent bei diesem Film. Seitdem hatte ich ihn nicht mehr gesehen.

„Jamaica Inn“ war ein völlig absurdes Unternehmen. Wenn man sich die Geschichte genau anschaut, merkt man, es ist ein Whodunit. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts kommt eine junge irische Waise - Maureen O’Hara - nach Cornwall zu ihrer Tante Patience, deren Mann Joss an der Küste eine Kneipe hat. Es passieren alle möglichen schrecklichen Dinge in dieser seltsamen Herberge, in der Strandräuber und andere Aasgeier wohnen. Diese Leute werden nicht bestraft und werden sogar regelrecht informiert, wenn Schiffe vorüberfahren. Warum? Weil der Kopf dieser Banditen zufällig ein ehrbarer Bürger ist, kein anderer nämlich als der Friedensrichter. Sehen Sie, deshalb war das Unternehmen völlig absurd. Der Friedensrichter hätte normalerweise erst am Ende der abenteuerlichen Geschichte erscheinen dürfen, denn er hielt sich natürlich vorsichtig von allem zurück, und er hatte gar keinen Grund, sich in der Herberge sehen zu lassen. Deshalb war es völlig absurd, den Film mit Charles Laughton in der Rolle des Friedensrichters zu drehen. Als ich das merkte, war ich richtig verzweifelt. Schließlich habe ich den Film doch gedreht, aber zufrieden bin ich nie mit ihm gewesen, trotz des unerwarteten kommerziellen Erfolgs.

Truffaut: Aber die Produzenten waren sich dieser Absurdität nicht bewußt?

Hitchcock: Erich Pommer? Ich bin nicht sicher, ob er überhaupt englisch verstand. Was Charles Laughton angeht, der war ein liebenswürdiger Witzbold. Als wir den Film begannen, bat er mich, erst nur Nahaufnahmen von ihm zu machen, weil er noch nicht heraushatte, wie er sich am besten bewegte, wenn er durch die Dekoration ging. Nach zehn Tagen kam er an und sagte: „Ich hab’s.“ Und er trippelte, sich in den Hüften wiegend, und pfiff dazu einen kleinen deutschen Walzer, der ihm wieder eingefallen war und der ihn zum Rhythmus seines Ganges inspiriert hatte. Ich kann mich noch genau erinnern, ich mach’s Ihnen mal vor. [Leider gibt’s keine Bilder.]

Truffaut: Das ist wirklich sehr hübsch.

Hitchcock: Vielleicht, aber mir war es nicht seriös genug. Ich arbeite lieber anders. Eigentlich verstand er nichts vom Film.

Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von Francois Truffaut

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