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Ende der 30er stand für Alfred Hitchcock bereits fest, dass er England verlassen und in die USA übersiedeln würde, um die folgenden Filme in Hollywood zu produzieren. Allerdings ließ er sich von Co-Produzent Charles Laughton zu einem letzten Dreh im Königreich überreden, unter der Vorraussetzung, dass Laughton die Hauptrolle übernehmen würde. Somit kamen zwei eigensinnige Künstler zusammen, wobei sich Laughton augenscheinlich besser durchsetzen konnte.

1819 in der Grafschaft Cornwall: Das Jamaika-Inn ist eine Kaschemme und ein Umschlagplatz für die Strandräuber unter Leitung des Wirtes Joss (Leslie Banks). Als seine Nichte Mary (Maureen O'Hara) hier auftaucht, durchkreuzt sie seine Pläne, zumal der eigentliche Boss Sir Humphrey (Laughton) bereits ein Auge auf die junge Dame geworfen hat…

Die Mischung aus Abenteuer und Krimi zählt zu den wenigen Streifen, die Hitchcock selbst nicht sonderlich mochte, weil einerseits der Dreh mit dem exzentrischen Laughton recht anstrengend war und andererseits das veränderte Drehbuch ihm kaum eine Möglichkeit gab, die Geschichte um Kniffe und Enthüllungen zu erweitern. Der typische Cameo des Meisterregisseurs bleibt ebenso aus, wie ein finaler Twist, denn die beiden Wendungen sind jeweils erahnbar und werden relativ früh in die Waagschale geworfen.

Entsprechend geht es nur darum, wer über wen wie viel Bescheid weiß und in welcher Situation er oder sie den Trumpf auszuspielen vermag. Die Abläufe bei den Piraten, welche die Schiffe mit falschen Lichtsignalen an die Riffs locken, entfalten nur wenig Dynamik und da die Fronten überdies rasch geklärt sind, ist es an Laughton, die Eigenheiten seiner schizophren veranlagten Figur in vollen Zügen auszuspielen, was einer völlig überzogenen, obgleich zuweilen unterhaltsamen Selbstdarstellung gleichkommt. Sein selbstgerechter Friedensrichter chargiert zwischen charmant und arglistig, zwischen Süffisanz und Arroganz und immer nah am Wahnsinn.

Gegen seine Präsenz kommen die wenngleich treffend besetzten Mimen nur schwerlich an. Maureen O'Hara angelt sich dennoch die Sympathien als mutige Waise, deren Charakter sich phasenweise etwas zu aufopferungsvoll um die vermeintlichen Opfer der Gauner kümmert, während Banks als kruder Anführer final eine ambivalente Position einnimmt und somit zumindest ansatzweise interessant erscheint.

Dabei geben die Sets nicht übermäßig viel her, zumal ein Großteil in Studios gedreht wurde und das Peitschen der Gicht oftmals künstlich aussieht, während die ankommenden Schiffe wie Miniaturen durchs Wasser schaukeln. Die Kostüme geben da schon mehr her und auch die permanenten Sturmgeräusche rund um die Kaschemme verleihen dem Geschehen eine leicht irreale Note. Der Score trägt indes nichts zur Dramaturgie bei, da er ausschließlich gen Anfang und Ende zum Einsatz kommt.

Das große Miträtseln fällt bei diesem Hitchcock also so ziemlich flach, die simple Geschichte gibt nicht allzu viel her und auch spannende Momente halten sich in Grenzen. Dass Laughton hier nahezu jede Szene an sich reißt, ist Fluch und Segen zugleich, denn für nuancierte Zwischentöne seitens anderer Figuren bleibt erst gar kein Platz und somit wirkt die Geschichte letztlich unnötig aufgebläht und entfaltet sich als nur bedingt kurzweilig.
6 von 10

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