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Was dem Deutschen sein Edgar Wallace oder sein Karl May, das ist dem Franzosen sein Mantel- und Degen-Film aus der guten alten Zeit, als die Könige noch nicht sofort alle auf dem Schafott gelandet sind, wenn es dem Volk mal so richtig bräsig ging. Während wir Lex Barker und Joachim Fuchsberger anfeuerten, waren die Franzosen so richtig heiß auf eine gut durchtrainierte, heldenmütige Fönwelle: Jean Marais.

Das klingt jetzt despektierlicher als es sein soll, den Marais war ein Multitalent vom Schauspieler über den Autor bis zum Bildhauer, er verband aber auch ausgezeichnet sein maskulines Charisma und sein Darstellungstalent mit seiner ausgezeichneten Physis, wenn er nicht gerade Klassiker wie „Orphee“ oder „La Belle et la Bete“ drehte. Markant ist dabei sein volles, meistens zu einer Welle frisiertes Haar, vorzugsweise in den Historienschinken, wo er damit der gepuderten Adelswelt schon andeutete, dass er ein rebellisches Talent besaß.
Dabei strahlte er noch genug Charme aus, dass ihm Frankreich und die halbe Welt zu Füßen lag und die Einspielergebnisse belegen das überdeutlich.

Im Jahr 1959 kam es schließlich zu einer schicksalsschweren Paarung: Marais unterschrieb für eine berühmte Neuverfilmung einen Swashbuckler-Film: „Le Bossu“ aka „Der Bucklige“, der schon einige Male verfilmt worden war – un d der Regisseur wurde André Hunebelle, ein begabter Glasschöpfer und talentierter Regisseur, der Marais durch ein ganzes Quartett beliebter Mantel-und-Degen-Stoffe und die berühmte Fantomas-Trilogie führen sollte.

Obwohl kein wirklich neuer Stoff, wurde die Attraktivität noch zusätzlich durch das Casting von André Bourvil (der normalerweise nur unter seinem Nachnamen reüssierte, welcher auch ein Künstlername war) als Sidekick befeuert. Bourvil war nach dem zweiten Weltkrieg Frankreichs beliebtester Komiker, bis er Konkurrenz von Louis de Funès und Belmondo bekam – und somit ein Kassengarant. In Deutschland konnte er sich – im Gegensatz zu seinen Kollegen – nie ganz so in Sachen Popularität durchsetzen, zumeist kennt man ihn nur durch seine Rollen in „Die große Sause“ (mit de Funès) oder „Das Superhirn“ (mit Belmondo).

Hier spielt er – langhaariger Fusselperücke – den unfähigen Gauner Passepoil, der von Marais‘ Edelmann Henri de Lagardère einfach eingesackt wird, als dieser wiederum in eine Verschwörung gegen den Duke de Nevers hinein gezogen wird. Marais ist wieder von Scheitel bis zu den Füßen der aufrechte Helfer mit dem schnellen Degen, für den Ehre der einzige Lebenszweck ist. Als der Duke dran glauben muss, flieht er mit dessen unehelichen Kind und Passepoil, was aus dem Film in der ersten Hälfte dann leider zu einer einzigen Odyssee in Richtung auf die spanische Grenze macht. Es wird also viel geritten, gefochten und wieder geritten, wobei die Landschaftsaufnahmen fast schon das Reizvollste an dem Film sind. Anschließend erlaubt sich der Film einen Sprung von gut 16 Jahren, ohne dass die Darsteller auch nur im Mindesten altern.

Was fehlt, ist ein veritabler Schurke, womit „Bossu“ punkten kann, ist der mysteriöse Bucklige aus dem Titel, der stets mehr zu wissen scheint, als er zugeben will und der im Hintergrund die Fäden zieht. Aber alles in allem wirkt der Film eher brüchig in der Erzählung, sicherer in der Action und durchaus ausgezeichnet in der brillianten Optik. Leider hat auch Bourvil in dieser Story nicht allzu viel zu tun, als mütterlicher Trottel ist er zwar niedlich, kann aber nie wirklich glänzen.

Dennoch eroberte „Le Bossu“ (der deutsche Titel „Ritter der Nacht“ ist wohl ausgewürfelt worden und hat wenig Bezug) die Herzen von damals 5,8 Mio. Kinobesuchern in Frankreich, womit er Marais‘ dritterfolgreichster Film wurde. Kein Wunder also, wenn man das Wunder alsbald wiederholen wollte.
Als Abenteuerfilm kann ich aber nur das Urteil „mittelprächtig“ abgeben, auch wenn es für einen verregneten Sonntagnachmittag im Advent immer noch funktioniert. (5/10)

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