In einer langen, etwa fünfundzwanzigminütigen Einleitung zeigen uns Alfred Hitchcock und seine Drehbuchautoren Sidney Gilliat und Frank Launder Menschen in einem Hotel. Besagtes Hotel befindet sich irgendwo im Bergland Ost- bzw. Mitteleuropas, und die Menschen warten auf einen Zug, der sich aufgrund eines Lawinenabgangs verspätet hat. Das klingt nicht sonderlich spannend (und ist es ehrlich gesagt auch nicht), aber dank Hitchcocks souveräner Regie sind selbst scheinbar nebensächliche Szenen wie diese unbedingt sehenswert, zumal die Hauptcharaktere (und einige sehr kauzige Nebenfiguren) äußerst geschickt und gewitzt in die Geschichte eingeführt werden.
Mit der Abfahrt des Zuges nimmt dann auch der Film Fahrt auf. Iris Henderson (Margaret Lockwood) reist nach London, um sich dort zu vermählen. Begleitet wird sie von der alten Miss Froy (Dame May Whitty), mit der sie sich im Hotel angefreundet hat. Iris ist leicht benommen, da ihr kurz vorm Einsteigen ein Blumentopf auf den Kopf gefallen ist. Miss Froy kümmert sich um die junge Frau, und nach einer Tasse Tee im Speisewagen schläft Iris im voll besetzten Zugabteil erschöpft ein. Als sie erwacht, ist Miss Froy verschwunden. Iris erkundigt sich bei den anderen Fahrgästen, wo denn die alte Dame sei, erntet aber nur erstaunte und verständnislose Gesichter: denn niemand scheint sich an Miss Froy erinnern zu können. Lediglich der Musiker Gilbert (Michael Redgrave), den sie bereits im Hotel unter eher unangenehmen Umständen kennen gelernt hat, schenkt ihr Glauben. Zusammen gehen sie der Sache auf den Grund...
Abgesehen vom immens hohen Unterhaltungswert (der Film macht einfach einen Riesenspaß!) beeindruckt The Lady Vanishes mit einer nahezu perfekten Symbiose von Humor und Spannung. Witz & Thrill, Romantik & Suspense, Fun & Dramatik... die Balance stimmt einfach haargenau. Der Hauptschauplatz des Filmes ist so simpel wie perfekt: ein fahrender Zug. Das verstärkt natürlich sowohl das Mystery- als auch das Suspense-Element und sorgt zudem für eine leicht klaustrophobische Stimmung. The Lady Vanishes ist ein Film, den man sich unbedingt mehrmals ansehen sollte, begeistert er doch mit Details, die einem ansonsten leicht entgehen könnten. Die Schauspieler sind allesamt großartig, und die Chemie zwischen Margaret Lockwood und Michael Redgrave ist atemberaubend (man meint fast, die Funken sprühen zu sehen). Das Tüpfelchen auf dem i sind dann noch Hitchcocks versteckte Spitzen auf die politische Situation, die technisch einwandfreie Umsetzung (trotz des geringen Budgets) und der zum Teil wunderbar makabre britische Humor. The Lady Vanishes mag vielleicht nicht zu Hitchcocks besten Werken gehören, zu seinen vergnüglichsten zählt der Film aber allemal.
PS: Die Grundthematik des Filmes wird übrigens in der Episode Into Thin Air der TV-Serie Alfred Hitchcock Presents (1. Staffel, Folge 5) variiert. Dort verschwindet Patricia Hitchcocks Mutter spurlos in einem Pariser Hotel, und alle bestreiten, daß sie überhaupt eingecheckt hat.