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„Ein drittklassiges Land, was erwarten Sie...“

Alfred Hitchcocks „Eine Dame verschwindet“, britisch produziert und im europäischen Schicksalsjahr 1938 veröffentlicht, ist ein Thriller mit komödiantischen Anleihen, der nach dem gleichnamigen, zwei Jahre zuvor erschienenen Roman Ethel Lina Whites entstanden ist – und zugleich ein Kommentar zu Nazideutschland und dem bevorstehenden Zweiten Weltkrieg.

„Ein musikalisches Land!“

Eine Lawine stoppt den Zug von Budapest nach Basel inmitten dem diktatorisch-totalitär regierten Bandrika, die Fahrgäste kehren in einem Gasthof ein. Unter ihnen befinden sich zwei englische Cricket-Fans (Basil Radford, „Jung und unschuldig“ und Naunton Wayne, „Something Always Happens“) sowie ein Pärchen, bestehend aus zwei Personen, die ihren jeweiligen Partner miteinander betrogen haben. Schon länger auf seine Weiterfahrt wartet eine Dreiergruppe um Iris Henderson (Margaret Lockwood, „Fräulein Winnetou“), die in Kürze heiraten will. An ihrer Seite befinden sich der britische Musikhistoriker Gilbert Redman (Michael Redgrave, „Traum ohne Ende“) und die musikalische Gouvernante Miss Froy (May Whitty, „Verdacht“). Diese lauscht einem Straßensänger und pfeift anschließend eine Melodie vor sich hin – dass der Straßensänger kurz darauf erwürgt wird, bekommt sie nicht mit. Zudem wirft jemand einen Blumenkasten auf Miss Froy, der aber Iris trifft. Mittlerweile geht die Zugfahrt weiter und Miss Froy betreut die verletzte Iris. Nachdem Iris ein Nickerchen gemacht hat, ist Miss Froy plötzlich verschwunden. Seltsamerweise will sie auch niemand je gesehen haben und man versucht Iris auf ihre Fragen hin einzureden, sie sei aufgrund ihrer Kopfverletzung verwirrt. In Gilbert findet sie jedoch einen Verbündeten, der sie ernstnimmt. Im Zug taucht eine Art Doppelgängerin Miss Froys auf und Iris zweifelt an ihrem Verstand – oder ist sie tatsächlich einer Verschwörung auf der Spur…?

„Erkennen Sie das Leitmotiv?“

Der Auftakt ist wuselig, denn im Gasthof herrscht reges Treiben. Hitchcock führt in die Figuren ein, ausländisch geführte Dialoge bleiben dabei unübersetzt. Der Humor ist etwas albern und die britischen Cricket-Fans, die sehr mit ihrem unfreiwilligen Aufenthaltsort hadern, kurios spleenig. In diese Szenerie platzen der Mord am Straßensänger und der Anschlag auf Iris, der eigentlich Miss Froy gegolten hatte. Wie man ihr einzureden versucht, dass sie nie eine Miss Froy kennengelernt habe, ist mit jener Manipulationsmethode vergleichbar, die man später als Gaslighting bezeichnen sollte. Doch anstatt etwa seine Spannung daraus zu beziehen, ob wir als Zuschauerinnen und Zuschauer in der Tat lediglich Iris‘ Halluzinationen bezeugten, stellt die Dramaturgie recht schnell klar, dass dem mitnichten so ist.

„Irgendetwas Sonderbares liegt hier in der Luft...“

Spätestens mit dem Auftauchen der falschen Miss Froy ist „Eine Dame verschwindet“ zum beunruhigenden Thriller geworden, der seinen Reiz unter anderem aus der Isolationssituation im Zug und den vielen fremden Menschen um Iris herum bezieht. Wie Iris und Gilbert sich miteinander anfreunden und sich schließlich zusammentun, ist wiederum ganz süß gezeichnet. Auf eine kleine Kampfeinlage im Gepäckwagen jedoch folgt ein aufsehenerregender Zug-Stunt und die Handlung wird angenehm spannend. Das Motiv wird erst am Ende aufgedeckt und der Showdown etabliert einen Belagerungszustand mitsamt Schießerei.

„Was für eine unerfreuliche Reise!“

Bahnchaos, zwielichtige Fahrgäste, Gefahr für Leib und Leben – das klingt nicht nur nach der deutschen Bahn, tatsächlich ist mit Bandrika das Dritte Reich unter der Knute Adolf Hitlers gemeint. Es heißt, Hitchcock habe die Zensur umgehen müssen, die Kritik an der britischen Regierung an Nazideutschland untersagte. Dennoch wollte er auf diese, seinerzeit sicherlich leichter denn heutzutage als Chiffre erkennbare Weise die damalige britische Politik des Stillhaltens und Wegduckens kritisieren, wofür er auch die Rolle eines naiven Pazifisten als Analogie auf die Sinnlosigkeit des Pazifismus gegenüber der NS-Diktatur ins Drehbuch schrieb. Hitchcock sollte Recht behalten.

Aber auch unabhängig von dieser starken politischen Komponente ist „Eine Dame verschwindet“ auf eine gelungene Art very british. Aus seinen humorigen Komponenten überzeugt zumindest der Dialogwitz, die Romanze gegen Ende hingegen hätte es nicht unbedingt gebraucht. Die beiden Cricket-Fans übrigens kamen derart gut an, dass sie – wenn auch im erst im Jahre 1985 – ihre eigene Fernsehserie „Charters & Caldicott“ erhielten. „Eine Dame verschwindet“ zählt sicherlich nicht zu Hitchcocks Top-Riege, ist aber insbesondere im zeitlichen Kontext betrachtet ein sehr interessanter und dabei zugleich unterhaltsamer Film.

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