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Die Zeit ab 1980 scheint keine angenehme in HK gewesen zu sein; diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man sich Filme wie Brothers from the Walled City, On the Wrong Track, Man on the Brink, Cops and Robbers oder Gun is Law einmal zu Gemüte führt. Gesetzt in der Gegenwart vermitteln sie allesamt ein sehr pessimistisches, fast schon nihilistisches Bild vom Jetzt und gleich miteingliedernd auch für die Zukunft. Die Vergangenheit stellte die Weichen für eine scheinbar unwiderlegbare Finsternis; die Neuorientierung der abwandernden Wirtschaft, die ersten Gespräche zwischen den Premiers des Vereinigten Königreichs und der VR China über die Rückgabe des gepachteten Gebietes und die steigende Kriminalitätsrate erschufen zusammen mit anderen Faktoren ein hoffnungsloses Porträt der kommenden Zeit.
Damals produzierte Filme verlegten sich etwa auf eine Phantasiewelt, in der sich Helden mit ihren stetig siegreichen Waffen und Kampfkünsten der Widersacher erledigten oder die jungen Leute mit grosser Klappe und fintenreichem Geschick gegen alle Hindernisse wehrten. Mit der aufkommenden New Wave Welle wurden aber auch vermehrt die realpolitischen, gesellschaftlichen und sozialen Strukturen des gerade jetzt ablaufenden Präsens aufgezeigt. Keine schöne Stimmung, sondern voller Depression, Melancholie und Gewalt; wenn man sich nicht nachträglich mit über zwei Dekaden Abstand die Filme ansehen würden, könnte Einem selber Angst und Bange werden.

Auch Murderer Pursues atmet eine unangenehme Stimmung; zwischendurch fühlt man sich fast wie einer der handelnden Figuren: Geknebelt bis zum Würgreiz, ein Stück Stoff tief in den Rachen geschoben. Gefesselt. Mit brühend heissen Wasser übergossen.
Ganz so schlimm ist es dann nicht, nur Regisseur Wong Chung ergeht sich schon von Beginn weg in einer Geschichte voller Unkenrufe; nicht so sehr an dem Erzählrahmen von Kriminellen und Polizisten interessiert, sondern sie nur zum Aufzeigen der schwarzseherischen Situation nutzend. Seine Personen haben vom Start weg nur wenig Chance auf eine Änderung ihrer Lebensperspektive; der Beginn in einem Flüchtlingslager zeigt bereits eindringlich zukünftige Repressalien auf. Der Anfang vom Ende:

Ein Trupp Vietnamesen ist eingepfercht; das Lager erinnert in all seinen Eckpunkten mehr an ein Gefängnis statt einem vorübergehenden Aufenthaltsort für Asylsuchende. Wärter. Umzäunung. Der überragend hohe Männeranteil. Die Bildung von verfeindeten Gruppierungen trotz des gleichen Schicksals. Die Gängeleien und Angriffe untereinander.
Ah Shen [ Danny Lee ] führt als „Grosser Bruder“ eine kleine Einheit von Kumpanen an, darunter Ah Hu [ Parkman Wong ], Ah Ma [ Lam Shung-Ching ] und Ah Chang [ Ray Lui ]. Als sie während einer gewalttätigen, tödlich verlaufenden Auseinandersetzung die Flucht antreten, wird die Truppe getrennt.
Ah Chang macht sich zu seinem Onkel Su [ Kent Cheng ] auf, der ihm seine Geburtsurkunde geben und damit ein ganz neues Leben eröffnen kann.

Der entscheidende Faktor dabei die Herkunft, Ah Chang ist Halb – Chinese. Da in den folgenden vier übersprungenen Jahren zwischen 1976 und dem heutigen 1980 keine weiteren Einflüsse eine Rolle spielen – das Interne Werte- und Normensystem der konfliktorientierten Bande fällt ja auch weg - , muss man annehmen, dass nur auf diese Merkmale der Beeinflussung Rücksicht genommen wird. Die Soziodemografischen Angaben bei Ah Chang sorgen dafür, dass er anders als die Übrigen bereits Wurzeln in HK hat und deswegen auch in der Lage ist, sie zu vertiefen und festigen. Er gehört hierher, während die Anderen Fremde sind und Fremde bleiben werden. Aussätzige. Ob sie jemals vorhatten, im Gegensatz zum nunmehrigen Polizisten Ah Chang auch einmal ein geregeltes Leben als integrierter Normalbürger zu führen, steht nicht zur Debatte. Diesbezüglich macht es sich die Handlung einfach; Fragen werden keine indiziert, sondern Glück und Pech des Scheideweges vorherbestimmender Provenienz als bestätigt angenommen. Liegt damit ja auch so falsch nicht. Das Kausalmodell der ethnischen Zugehörigkeit und dem Ort der verbrachten Adoleszenz ist mit entscheidend für das Hineinrutschen in delinquente peers; Ah Shen und seine verbliebene Mannen gelangen als Juwelenräuber erneut in die Handlung und begründen damit die endgültige Abspaltung vom ermittelnden Ah Chang. Nur auf einem alten schwarzweiss Foto ist er noch Teil von Damals. Auch hier also wie so oft Cops VS Robbers, die später gängige Bloodshedthematik im Anklang der Konflikte zwischen zwei Parteien, die sehr viel gemeinsam haben und dennoch unabänderlich auf verschiedenen Seiten stehen. In einem inhaltlichen Fauxpas kommt Ah Chang ausgerechnet durch die Erwähnung eines anderen Filmes auf die offenkundigen Zusammenhänge.

Über diesen „Bloody Street“ und seine Ingredenzien herrscht Unkenntnis, aber der hiesige Regisseur Wong gestaltet die Atmosphäre trist und monoton. Defätismus, Langeweile und Frust gestalten die modern day Existenz. Ständig beengte Verhältnisse schliessen sogar das Polizeirevier mit ein; in den Wohnungen stapeln sich die zum Leben nötigen Gegenstände in und übereinander. Strassen lassen nur wenig mehr Freiraum zu, die kompakte Bevölkerung wuselt durch die meist schäbig anmutenden Gegenden. Luft zum Atmen und Raum fürs Alleinsein findet man exemplarisch für das Setting nur auf ausserhalb abgelegenen Orten wie einem Schrottplatz.
Die Inszenierung ist stark nachtaktiv; in der Dunkelheit geschehen die wichtigsten Dinge, aber auch am Tage scheint analog der Hoffnungslosigkeit und trüben Aussichten kaum die Sonne. Mangelnde Ausleuchtung kleidet das farbarme Geschehen in einen dumpfen Brei aus Braun-, Grau- und Schwarztönen; dass blasse Weiss bringt keine Kontraste ein. Anzeichen für ein rosiges, ein besseres Morgen fehlen sogar in der Optik; welche ebenso wie der betrachtete Themenkreis mehr an das problemoriertierte, desillusionierte US Kino der 70er erinnert. [ Auch hier wieder dieses Merkmal auffallend; HK Filme ticken mit einer nachgestellten Uhr. Die Martial Arts Epen der 70er z.b. erinnern desöfteren an die Technicolor Western der 60 ebenso wie an die bis dahin populären Monumental- und Sandalenfilme im Cinemascope.]

Die Zeiten haben sich geändert. Onkel Su – ebenfalls Polizist beim CID und auch an den dienstlichen Nachforschungen beteiligt – verfügte zu seinen Anfangstagen über eine viel höhere Aufklärungsrate als sein Neffe; als Beispiel gesteigerter Kriminalität und folglicher Resignation bekommen die vietnamesischen Gauner nicht wirklich Probleme mit der Polizei, sondern mit Leuten von der Konkurrenz. Ein frisch entlassener Killer will seinen Bruder rächen und nimmt sich Einen der Vietnamesen nach dem Anderen vor; beim scheinbar ewig dauerndern Finale auf einem Häuserdach unter einem Wald von Fernsehantennen offenbart sich die grösste Schwäche des Filmes am Deutlichsten. Wong suhlt sich im Kampf des Lebens und exerziert dann auch das Ausscheiden daraus als eine Qual; keine Erlösung, nur ein Wechsel von einer desolaten HorrorSphäre in die Andere. Der lokale Albtraum kann im Epilog als einziges Merkmal nur eine Collage aus den verschiedenen violenten Auseinandersetzungen erstellen; mehr hat sich als Aussage nicht ergeben und mehr kann auch nicht hinein gedeudet werden. Der rudimentäre Stoff erfährt auch niemals eine Auflockerung, oder wenigstens eine Form von Anreiz; selbst die wenigen Actionszenen wirken abstossend und andere Formen der Unterhaltung sind erst recht nicht gegeben.
Das Transkript von falsch verstandenen Idealen, fehlgeleitetem Ehrgefühl, mangelnder Kommunikation ist tatsächlich zu minimalistisch bis fast hin zu öde präsentiert, um wirklich etwas auslösen zu können. Da helfen einige spätere Stars im Frühstadium nur begrenzt als Stimulanz.

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