Joseph Conrad war mit seinem Roman „Secret Agent“ (nicht zu verwechseln mit dem vor „Sabotage“ gedrehten gleichnamigen Spionagethriller!) der Ideengeber für Hitchcocks letzten Streich für Gaumont-British, bevor das Studio aus finanziellen Gründen schließen musste.
In seinem rund fünfzigjährigen Schaffen als Regisseur hatte Alfred Hitchcock unzählig viele Menschen sterben lassen und kein Mensch regte sich großartig darüber auf. Man kennt das ja: In fast jedem Thriller wird ein Protagonist getötet, das dient der Spannung, das erwartet man einfach von einem Film des Genres. 1936 indes erregte Hitchcock die Gemüter vieler empörter Kinogänger, indem er sich in „Sabotage“ etwas Ungeheuerliches erlaubte: Ein Kind von maximal zwölf Jahren kommt darin um, und das nicht etwa beiläufig außerhalb des Kamerafokus - das hätte man dem Regisseur vielleicht noch gerade so durchgehen lassen -, nein: Das Publikum war vielmehr hautnah dabei. Da zittert man knapp zehn Minuten mit diesem tolpatschigen sympathischen jungen Mann namens Stevie (Desmond Tester) mit, weil der ein Paket mit sich herumschleppt, in dem eine Zeitbombe deponiert ist. Dieses Paket soll er bis spätestens 13.45 Uhr am Picadilly Circus abgestellt haben, dort soll nämlich die Bombe hochgehen. Eigentlich wäre das die Aufgabe seines wesentlich älteren Schwagers Verloc (Oscar Homolka) gewesen, der als Kinobesitzer nicht genügend Geld verdient, um seiner Frau (Sylvia Sidney) und Stevie, ihrem Bruder, ein weniger ärmliches Leben zu bescheren, weswegen er heimlich ein Doppelleben als Saboteur führt, wofür er zusätzlich bezahlt wird. Doch weil Verloc auf Schritt und Tritt beschattet wird und keinen Verdacht auf sich lenken will, schickt er lieber Stevie los, der natürlich nicht weiß, dass er in Lebensgefahr schwebt, solange er das Paket in seinen Händen trägt.
Der Weg zum Picadilly Circus gestaltet sich dann zu einer echten Zitterpartie für den Zuschauer: Der hitchcocksche Suspense steigt ins Unermessliche, der Minutenzeiger der Kirchturmuhr nähert sich unerbittlich der Neun, während Stevie ständig aufgehalten wird oder sich durch eine große Straßenparade zum Trödeln verleiten lässt. Und trotzdem drängt sich einem im Hinterkopf der Gedanke auf, dass er es schon irgendwie rechtzeitig schaffen wird, immerhin ist er ein Kind. Ein fataler Irrglaube: Mitsamt den anderen Passagieren fliegt der Bus, in dem Stevie gerade sitzt, in die Luft - keine Überlebenden. Man kann sich die schockierten Reaktionen vor siebzig Jahren immer noch sehr gut vorstellen, der Tod eines unschuldigen Kindes liegt nun einmal tausend Mal schwerer im Magen als der Tod eines Erwachsenen. „[E]in schwerer Fehler“ sei dies gewesen, diktierte Hitchcock Truffaut später in dessen Interviewbuch. Ob er die Sequenz ernsthaft bedauerte, ist fraglich: Sicherlich ist sie - insbesondere für die Drehzeit - äußerst gewagt (in Hollywood hätte man ihm eine derartige Szene mit ziemlicher Sicherheit nicht gestattet), aber logisch und konsequent - schließlich ist allgemein bekannt, dass Terroristen bei ihren Anschlägen auf nichts und niemanden, auch auf zivile Opfer, Rücksicht nehmen und mit viel Risiko vorgehen - und in der Form ebenfalls in der Romanvorlage enthalten. Außerdem ist sie für den weiteren Verlauf zwingend notwendig, sonst würde die Geschichte nicht mehr funktionieren. Abgesehen von ihrem grausamen Inhalt erreichte Hitchcock meines Erachtens mit diesen zehn Minuten in Sachen Suspense erstmals nahezu hundertprozentige Wirkung. Noch beschlich mich beim ersten Zusehen das Gefühl, es ginge einen Tick intensiver, aber die Höchstform würde er schon bald erlangt haben.
Die Szene außen vor gelassen, setzt Hitchcock mit „Sabotage“ seinen langsamen, aber stetigen Aufwärtstrend fort. Der Film, nach den letzten nicht ohne Humor auskommenden Werken überraschend düster daherkommend und mit einer allgegenwärtigen pessimistischen trostlosen Grundstimmung versehen, weiß von vorne bis hinten zu gefallen: Angefangen bei der außerordentlich gelungenen Exposition (eine der besten des Regisseurs), die dem Zuschauer ohne große Worte innerhalb der ersten Minuten alle nötigen Vorkenntnisse vermittelt, fortgeführt mit dem absolut realistisch gezeichneten Milieu und den glaubwürdig, nicht nach Schwarz-Weiß-Schema skizzierten Figuren. Hauptprotagonist Verloc ist dabei nicht von Anfang an der Buhmann: Bevor er sich nach dem missglückten Attentat gegenüber seiner Frau wie ein - pardon - unsensibles Arschloch benimmt, so dass man für ihn nichts anderes mehr als Hass aufbringen kann und ihm den Tod an den Hals wünscht, kann man durchaus vereinzelt Mitleid für ihn empfinden, immerhin widerstreben ihm die gewalttätigen Sabotageakte und er führt sie sichtlich nur des lieben Geldes wegen aus.
Außerdem wird uns ein genauer Einblick in die ungewöhnlich strukturierte Verloc-Familie gestattet - ungewöhnlich strukturiert ist sie deshalb, weil es im Haushalt weder Mutter noch Vater gibt, nur Stevie, seine doppelt so alte Schwester, die für ersteren eine Art Mutterrolle einnimmt, und deren nochmals etwa doppelt so alten Ehemann, der wiederum wie das Familienoberhaupt erscheint. Eine interessante und nicht alltägliche Konstellation, womöglich auf Hitchcocks eigene Biographie verweisend, denn sein Vater starb früh und seine Geschwister waren deutlich älter als er und verließen ihr Zuhause relativ schnell, Hitchcock wuchs als Einzelkind auf.
Weiterhin beinhaltet der Film nach der langen Einleitung und dem ausführlich geschilderten Explosionsschock nach gut einer Stunde eine heute noch gern zitierte Mordsequenz (ich will an dieser Stelle mal nicht zu viel verraten, deshalb bleibe ich bewusst vage), die Bilder gleichsam unendlich zurückhaltend wie meisterhaft und ohne jegliche untermalende Musik aneinandergeschnitten, dass die Frage unbeantwortet bleibt, ob es sich bei der Tat in Wirklichkeit nicht vielleicht doch um Suizid handelt. (Es ist möglich, dass der indische „The Sixth Sense“-Regisseur Night Shyamalan den Film ebenfalls gesehen hat, jedenfalls erinnert mich ein Schlüsselmoment in „The Village“ vom Aufbau her [nicht inhaltlich!] frappierend an eben diese Szene in „Sabotage“.) Ein weiterer früher Höhepunkt im umfangreichen Schaffen von Alfred Hitchcock. Abgeschlossen wird die Geschichte mit einem völlig untypischen offenen, in Hollywood in der Form ebenfalls undenkbaren Ende (zumindest in den 30ern und 40ern), es scheint letztlich so, als würde der begangene (Selbst?)Mord auf ewig ungesühnt bleiben, was dem angedeuteten Happy-End einen zart-bitter angehauchten Beigeschmack verpasst.
Dass der Film im Ganzen immer noch ein gutes Stück von Hitchcocks Meisterwerken entfernt ist, liegt einfach daran, dass einem, auch wenn man nicht sagen kann, die Darsteller würden schlecht agieren - da sticht keiner negativ heraus -, das Schicksal der einzelnen Figuren einigermaßen gleichgültig ist. Sylvia Sidney beispielsweise, zum Schluss die einzige echte verbliebene Sympathiefigur, bekleidete zu lange eine Nebenrolle, so dass einem selbst ihre Trauer ob des plötzlichen Todes ihres Bruders nicht wirklich so nahegeht, wie es der Fall gewesen wäre, hätte Hitchcock ihrem Charakter zuvor mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Grundsätzlich fehlt mir auch ein bisschen Witz, der die bierernste Storyentwicklung ohne Ausflüge in den humoristischen Bereich etwas hätte auflockern können.
Die positiven Aspekte in „Sabotage“ überwiegen aber deutlich. Nicht eines der bedeutendsten Hitchcock-Werke und auch nicht eines seiner berühmtesten, geschweige denn, populärsten, dafür jedoch für mich sein gelungenstes in der Gaumont-British-Ära. Betrachtet man seine mit genügend Humor gewürzten Spionageabenteuer „The Man Who Knew Too Much“, „Die 39 Stufen“ und „Secret Agent“ sowie seinen beiden anschließenden, fast als locker-leicht zu bezeichnenden Thrillern „Jung und unschuldig“ und „Eine Dame verschwindet“, stellt man fest, dass es nicht so recht in Hitchcocks sechsteilige Agentenfilmreihe passen will. Das soll aber niemanden daran hindern, einen Blick zu riskieren. Für Hitchcock-Fans natürlich ein Muss, wenigstens die zwei Spannungssequenzen in der zweiten Hälfte dürften ihre Herzen höher schlagen lassen. 7/10.
(Originalartikel auf kinetoskop.de)