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Hitchcocks erster Hitchcock

Alfred Hitchcock - mit ihm verbindet man Regiekunst, Spannung, unschuldige Blondinen, Stilkniffe, unterhaltsame Rätsel, zu unrecht verurteilte Männer, ein paar der besten Filme der 50er und 60er. Bis auf die Jahrzente passt auf "The Lodger" schon alles, dem besten frühen Film der Regielegende. Der erste Film, der seine Handschrift trägt und der schon ein paar Andeutungen macht, was für ein Jahrhundertalent da auf dem Regiestuhl Platz genommen hat. In dem Stummfilmthriller geht es um einen neuen Mieter in einem Londoner Wohnhaus. Dieser bandelt mit der Tochter der Besitzer an, kommt den Leuten aber spanisch vor. Sie verbinden ihn schnell mit den jeden Dienstag stattfinden blutigen Morden in Londons nebeligen Gassen... ist es eine unfaire Hetzjagd oder hat der mysteriöse Mieter tatsächlich ein dunkles Geheimnis?

Diese eindeutig an Jack the Ripper angelehnte Story ist die beste Version der oft genug verfilmten "Der Mieter" Vorlage. Hitchcock verpasst ihr Style, Spannung und etliche falsche Fährten - eben alles wofür er später mit seinem Namen stehen sollte. Lustig und spannend zu sehen, wie hier sein späterer Thrillerstil mit dem Stummfilmkino fusioniert, manchmal auch kollidiert. Die Aussagen gegen Lynchmobs und falscher (Vor-)Verurteilung sind ganz groß, vor allem zu der Entstehungszeit. "The Lodger" ist kein filmisches Meisterwerk wie etwa "M" ein paar Jahre später, doch für Hitchcock-Fans ist er ein Must-See ohne Wenn und Aber. Allein die nebelige Atmosphäre der Londoner Gassen und der damach endlose Male wiederholte Twist sind es wert wiederentdeckt zu werden. Ein etwas böseres und zweideutigeres Ende hätte vielleicht noch gut getan... das war dem jungen Hitch dann wohl doch noch etwas zu heikel. Verständlich aber schade.

Stlistische Highlights sind sicher die künstlerischen Zwischentafeln, die Szene in der man den Mieter durch die transparente Decke laufen sieht oder die Badewannenszene, die nicht nur recht freizügig für die damalige Zeit war, sondern die Norman Bates Angriff fast 35 Jahre später erstmals geschickt skizziert bzw. auf den Kopf stellt. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Film vielen Zuschauer 1927 etwas über den Kopf schoss. Inklusive der Darsteller, deren (damals selbstverständliches) Overacting weniger gut gealtert ist als der restliche Stil und das zeitlose Thema Vorurteile. Ein frühes Stück Spannungskino, das (etwas holprig und nicht ohne Längen) Epochen verbindet, das mann gesehen haben sollte. Allein schon um zu spinksen, wo es mit dem britischen Regiewunderkind hingehen konnte/sollte. Der erste wichtige Stopp auf der Hitchcock-Tour.

Fazit: "The Lodger" verbindet das Stummfilmkino mit dem Meister der Suspense und deutet an, was da noch kam. Eine zeitweise seltsame Mischung, aber im Endeffekt eine der besseren Quasi-Jack the Ripper-Verfilmungen aller Zeiten. Plus eine Lehrstunde in Sachen falscher Fährten und Vorverurteilung. Für die 20er seiner Zeit fast schon zu weit voraus.

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