Truffaut: „The Secret Agent“ (1936) erzählt die Geschichte von Ashenden, einem Geheimagenten - John Gielgud -, der in die Schweiz geschickt wird, um einen Spion auszuschalten, von dem er nicht weiß, wie er aussieht. Er gerät an den Falschen und bringt irrtümlich einen harmlosen Touristen um. Der wirkliche Spion - Robert Young - stirbt am Ende des Films zufällig, als ein Zug in die Luft fliegt. Ich habe den Film nur einmal gesehen und nur eine vage Erinnerung daran. Er ist nach Somerset Maugham - nach einem Stück oder einem Roman?
Hitchcock: Er ist nach zwei Kurzgeschichten von Maugham, aus dem Sammelband „Ashenden“, in dem verschiedene Abenteuer dieser Figur vereint sind, und außerdem nach einem Stück von Campbell Dixon, das ebenfalls eine Bearbeitung dieser Kurzgeschichten ist. Wir haben also zwei von Ashendens Abenteuern vermengt, „The Traitor“ und „The Hairless Mexican“, und daraus eine Spionagegeschichte gemacht. Aus dem Stück haben wir die Liebesgeschichte genommen. Der Film war voll von Ideen, aber im Ganzen etwas mißglückt. Ich glaube, ich weiß auch warum. In einem Abenteuerfilm muß die Hauptperson ein Ziel haben, das ist von vitaler Bedeutung für die Entwicklung des Films und dafür, daß der Zuschauer wirklich teilnimmt. Er muß den Helden unterstützen, ich möchte fast sagen, ihm Helfen, ans Ziel zu gelangen. In „The Secret Agent“ hat der Held zwar eine Aufgabe zu vollbringen, aber die ist ihm zuwider, und er versucht, ihr auszuweichen.
Truffaut: Ja, er soll jemand umbringen.
Hitchcock: Er soll einen Menschen töten, und er will das nicht. Das ist ein negatives Ziel, und das Ergebnis ist ein Abenteuerfilm, der nicht vorankommt, der leerläuft. Die zweite Schwäche des Films ist seine Überdosis an Ironie, Ironie des Schicksals. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern: Als der Held sich schließlich darauf einläßt, die Ausführung des Mordes zu übernehmen, irrt er sich in seinem Opfer und tötet einen anderen. Für das Publikum war das schlecht. [...]
Einer der interessanten Aspekte des Films ist, daß er in der Schweiz spielt. Ich habe mich gefragt: Was gibt es in der Schweiz? Milchschokolade, die Alpen, Volkstänze und Seen. Mit diesen Elementen, die für die Schweiz typisch sind, habe ich den Film gefüttert.
Truffaut: Deshalb also haben Sie das Nest der Spione in einer Schokoladenfabrik untergebracht. Dasselbe Prinzip haben Sie in „To Catch a Thief“ [„Über den Dächern von Nizza“] angewandt, wie französische Kritiker herausgefunden haben: das Carlton in Cannes, der Blumenmarkt in Nizza, die Verfolgung um die Grande Corniche. [...]
In dem Buch, das Claude Chabrol und Eric Rohmer über Sie geschrieben haben haben, weisen sie nach, daß in „The Secret Agent“ etwas zum erstenmal vorkommt, das es später ständig gibt, nämlich, daß der Schurke als jemand erscheint, der sehr chic, vornehm, gut erzogen, nett und verführerisch ist.
Hitchcock: Allerdings. Die Einführung des Schurken stellt einen vor immer neue Probleme, vor allem im Bereich des Melodrams, das seiner Natur nach schnell altmodisch wirkt und ständig modernisiert werden muß. Zum Beispiel sollte in „North by Northwest“ [„Der unsichtbare Dritte“] der Schurke, James Mason, der mit Cary Grant um Eva Marie Saints Gunst kämpft, sehr verbindlich und vornehm sein. Aber zugleich mußte er auch drohend wirken, und das ist schwer miteinander zu verbinden. Deshalb habe ich dann den Bösen in drei Personen aufgeteilt: James Mason, gutaussehend und verbindlich, sein finsterer Sekretär und der dritte, der Blonde, der ungeschlachte und brutale Handlanger. [...]
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von Francois Truffaut, Heyne-Verlag