Ein Uropa des Splatterfilms
Herschell Gordon Lewis, auch genannt der Godfather of Gore, der Hollywoodpunk längst vergangener Tage und eigentlicher Gründer des Splatterfilms, schuf 1963 mit dem legendären Blood Feast einen Film, der wohl das Publikum in erboste Wahnzustände brachte, zeigte er detailierte Morde, in denen das Kunstblut nur so floss und die Körperteile sich vom Körper trennten. Mit diesem Zeigen hatte er eine derartige Vorreiterstellung und auch Exotenstatus, da kaum ein anderer damals so etwas zeigen wollte.
Das war vor knapp 50 Jahren, doch auch heute ist der Splatterfilm noch immer nicht Salonfähig, wird er in Deutschland immer noch sehr stark zensiert und spöttisch als verdorben abgestuft. Nun mögen die Filme von Lewis wohl in der Tat der Inbegriff des B-Movie sein, denn seine Inszenierungen bauten sich auf effekthascherischen Ekel auf, und nicht unbedingt auf einem monströsen Budget. Geschichtenerzähler ist Lewis ebenfalls nicht, denn vorallem dieser hier vorliegende Film erweist sich als theaterähnliche Choose, vollgestopft mit Widerwärtigkeiten, um die eine mysteriöse Sache gesponnen ist. Zwar kann man der Inszenierung, wenn man so will, einen etwas kritischen Blick gegenüber der Medien und deren Sensationslüsternheit zusprechen, von einem wahnsinnig tiefgründigen Psychobeziehungsdilemma, wie es Lewis selbst tituliert, möchte ich eher nicht reden, auch wenn Lewis förmlich den weiblichen Part als pure Dominanz und im Gegenzug als Spielobjekt propagiert, nur um am Ende den Mann doch als Alphatierchen siegen zu lassen. Vollkommen unerwartet, aber gerade das Ende weiss in seiner Wendung und Mache durchaus zu gefallen.
Und im Gegenzug zum eben erwähnten Blood Feast, dem man heute wohl eher ein müdes Lächeln schenken wird, wohl nur noch für Splatterhistoriker interessant sein dürfte, erweist sich Wizard of Gore auch heute noch als ziemlich harter Splatterfilm, der zwar durch und durch naiv und überschundig präsentiert wird, aber gerade in den explizit graphischen Szenen, voll auffährt. Das Ganze ähnelt dann sehr dem Schundfilm der Marke TROMA "Bloodsucking Freaks", denn auch hier sehen wir ein Theaterstück mit einem Magier, der massenweise Absonderlichkeiten und Grausames an Frauen präsentiert, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Seine Folterungen, Zerteilen einer Frau mit Kettensäge, übergrosser Metallnagel durch den Kopf gerammt, mit einer Stanzmaschine den Pans präperiert und andere Verstümmelungen, reichert er mit der Illusion an, dies nicht wirklich gesehen zu haben, wandeln die Opfer danach putzmunter und unversehrt, aber recht hypnotisch apathisch abwesend umher, um kurz darauf doch durch die Tortur an besagten Stellen zu sterben. Der vermeintliche Krimipart darum gesponnen ist genauso blöd, wie die Annahme, dass möglicherweise ein Psychopath, nicht der manisch glotzende Magier, daran Schuld sein könnte.
Sei es drum, denn Hauptaugenmerk liegt zweifelsohne auf dem kruden Splatterpart, der auch heute noch irgendwo reizt und schockiert, denn gerade die Schwertschluckerszene sieht überzeugend echt aus, ist sie wohl auch. Der Rest vom Fest wird Bildverwöhnten Technikfreaks mit Hang zur Filmperfektion eher nicht zusagen, denn gerade die Darsteller erweisen sich als gutes Kapital für unfreiwillige Lacher, denn Screamqueens, den typischen Schunddarsteller findet man hier zuhauf. Und die Optik ist auch nicht unbedingt das, was man wohl als ästhetisch bezeichnen dürfte, geht Lewis recht spärlich mit Kulissen, Requisiten und atmosphäreschaffenden Szenarien und Stilmitteln um, auch wenn er in wenigen Szenen, ein Gang über einen Friedhof, den roten Farbfilter auspackt.
Wem kann man dieses exotische, wegweisende, aber auch heute eher unfreiwillig komisch anmutende Splatterrelikt, der Sorte extrabillig aber mit ordentlich naivem B-Movie Charme noch empfehlen? Wenigen, aber wer schon an Blood Feast, The Gore gore Girls und 2000 Maniacs gefallen gefunden hat, der sei verpflichtet, diesen Uropa des Splatterschunds zu sehen. Aber bloss nicht mehr allzu ernst nehmen.
Natürlich ist es revolutionär gewesen. Ich glaube, auch wenn man sie damals schon als billigen Schund angesehen hat, war es ein reiner Faustschlag ins Gesicht für die Hippiegeneration, denn Lewis hat Dinge gezeigt, die zuvor niemand zeigen wollte und auch nach Lewis Blood Feast 1963 sich lange noch keiner getraut hat. Lewis ist für mich immer der naive, aber symphatische Hollywoodrebell, der Anführer des sauschlechten Geschmacks und auch wenn die Darsteller grotte sind, der Splatter billig und die Drehbücher panne, Feingefühl fehlt und die Darsteller schlichtweg Hampelmänner sind, kann man die Dinger als Splatterfan einfach nur mögen...
70%