Nach der Schließung des Gaumont-British-Studios, das nach „Sabotage“ bloß noch als Verleihorganisation fungierte, unterschrieb Hitchcock einen Zwei-Filme-Vertrag für die unabhängige Produktionsfirma Gainsborough, für die er bereits seine ersten fünf Filme herstellte („The Pleasure Garden“, „The Mountain Eagle“, „The Lodger“, „Downhill“ und „Easy Virtue“).
„Jung und unschuldig“ entstand nach dem erst kurz vorher erschienenen Roman „A Shilling for Candles“ von Josephine Tey. Hitchcock modelte ihn komplett um, ließ etliche Passagen streichen und stellte das junge Paar Robert (Derrick de Marney) und Erica (Nova Pilbeam, die entführte Tochter aus „The Man Who Knew Too Much“) ins Zentrum der Handlung, während es in der Vorlage lediglich die Nebenrollen bekleidete. Das Ergebnis ist sozusagen ein zweites „Die 39 Stufen“, nur ohne den ganzen Spionage-Schnickschnack. Wieder befindet sich ein Mann auf der Flucht vor der Polizei, weil er verdächtigt wird, eine Schauspielerin mit dem Gürtel seiner Regenjacke erdrosselt zu haben. Es wäre eigentlich ein Leichtes für Robert, sich selbst zu entlasten, könnte er denn seine Regenjacke mit Gürtel vorlegen, nur wurde die ihm leider gestohlen. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach dem Dieb zu begeben. Dabei hilft ihm die Tochter des Polizeichefs, Erica.
Die Exposition erinnert nicht rein zufällig an „Sabotage“, denn für das Drehbuch zeichnete abermals - zum vierten Mal in Folge - Charles Bennett verantwortlich. Dort wie hier steht ein Verbrechen am Anfang: Wir wohnen einem heftigen Ehekrach bei. Er wirft ihr vor, ihn mit „Boys“ zu betrügen. Scheinbar um abzukühlen, begibt er sich nach draußen auf den Balkon, wo ein Gewitter am Strand tobt. Plötzlich beginnen seine Augen unkontrolliert zu zucken. Abblende. Hellichter Tag, vermutlich nur wenige Stunden später. Wir als Hitchcock-Vielseher ahnen bereits, was passiert ist, und sehen uns sofort bestätigt: Die Frau ist tot. Ihre Leiche wird ans Ufer gespült, mit ihr ein Gürtel. Sie wurde ermordet. Ganz klar: Ihr Mann war der Täter. Ein Strandgänger, unser Held, entdeckt die Frau und nähert sich ihr. Erschrocken eilt er davon, um Hilfe zu holen. Wie der Zufall es will, kommen just in dem Moment zwei Frauen vorbei. Als sie auf die Leiche aufmerksam werden und den Mann so weglaufen sehen, ziehen sie ihre eigenen Schlüsse. Kurz darauf erscheint ein Polizist, der Mann wird trotz aller Beteuerungen festgenommen. Fünf von achtzig Minuten sind gerade vergangen, schon sind wir mittendrin im Geschehen und haben die klassische Hitchcock-Situation, erst recht, als wenig später mit dem Regenmantel der MacGuffin etabliert wird.
Allerdings stellt sich im Nachhinein die Frage, ob er überhaupt der MacGuffin ist. Kann es nicht sein, daß vielmehr der Mord an der Schauspielerin diese Funktion übernimmt? Der Verdacht könnte einem beinahe kommen. Recht bald, nämlich sobald Robert mit Witz und auch etwas Glück aus dem Gerichtsgebäude türmen konnte, verläßt „Jung und unschuldig“ den Thriller-Pfad und biegt in eine andere Richtung ab: Er setzt den Fokus auf die allmählich sprießende Liebe zwischen Robert und Erica, zunächst nur Helferin wider Willen. Der Romanze nähert sich Hitchcock dabei mit einer Zärtlichkeit, wie man es eigentlich gar nicht von ihm kennt. Sind seine Filme sonst gern erotisch aufgeladen, voller sexueller Anspielungen und Zweideutigkeiten (wie es z.B. auch „Die 39 Stufen“ war), nicht zuletzt durch formatsprengend attraktive, sinnliche Schauspielerinnen wie Madeleine Carroll oder Grace Kelly unterstützt, so ist dieser von einer erstaunlichen Sanftheit. Da paßt die Besetzung der weiblichen Hauptrolle mit der 18-jährigen Nova Pilbeam wie die Faust aufs Auge. Sie gibt ein wirklich zartes und schutzbedürftiges Erscheinungsbild ab, stellt einen völlig anderen Frauentyp als die beiden im Vorsatz genannten dar, da würde es unglaubwürdig wirken, wenn sie sich mit dem Helden anzügliche Wortgefechte liefern müßte, der mit Derrick de Marney jedoch auch nicht so aussieht, als könnte er auch nur einer Fliege etwas zuleide tun. Man muß lange suchen, einen Hitchcock-Film zu finden, in dem beide Hauptfiguren liebenswürdiger sind als diese zwei unverschämt sympathischen Geschöpfe hier (und wird wahrscheinlich nicht fündig werden).
So durchströmt den ganzen Film eine unglaubliche Lockerheit. Er verbreitet einfach gute Laune und ist durchtränkt mit heiteren Augenblicken, die es einem nicht schwermachen, locker darüber hinwegzusehen, daß die Inhaltsangabe eigentlich einen Thriller verspricht. Um einen solchen handelt es sich letzten Endes zwar immer noch, doch selbst als Erica einmal in einen Minenschacht zu stürzen droht (eine Ähnlichkeit im Aufbau mit der berühmten Mount-Rushmore-Szene aus „Der unsichtbare Dritte“ ist nicht von der Hand zu weisen), wird das so flott-beiläufig abgehandelt, daß gar keine Zeit für Spannungsentwicklung bleibt. „Jung und unschuldig“ plätschert in einer angenehmen Gemütlichkeit dahin, daß wahre Freude aufkommt. Die Einleitung ist da bereits das Düsterste, was der Film zu bieten hat, alles, was danach folgt, ist völlig gewaltfrei. Keine weitere Leiche mehr, kein einziger Pistolenschuß, ein einziges Mal schwebt jemand in Lebensgefahr (siehe oben) und der Regenmantel-Dieb entpuppt sich als liebenswürdig-hilfsbereiter Straßenpenner. Das ist schon fast kindergerecht aufbereitet, so harmlos geht es zu.
Erfreuen wir uns daher lieber an den amüsanten Randepisoden. Das pure Vergnügen der Zwischenstop bei Ericas Tante, die ihren Geburtstag feiert: Ob sich Robert nun zur Tarnung der Tante mit dem absurdesten Doppelnamen vorstellt, ob er ihr auf die Schnelle als "Geschenk" einen Einrichtungsgegenstand aus ihrem eigenen Haus in die Hand drückt, was die dann mit einem „So etwas müssen wir hier schon irgendwo stehen haben“, oder ob das junge Liebespaar mehrfach verzweifelt versucht, die Party wieder zu verlassen und dabei ständig durch die Tante aufgehalten werden - die Dialoge scheinen teilweise vor Wortwitz überzusprudeln. Dazwischen nimmt sich der Humor immer wieder eine Auszeit und macht Platz für zärtliche Szenen und Gesten, so etwa, als einer von Ericas jüngeren Brüdern seine Hand tröstend auf die seiner sichtlich bekümmerten Schwester legen möchte, um sie dann doch im letzten Moment schüchtern wegzuziehen. Gerade wenn man sich vor Augen hält, daß diesem Film der dunkle „Sabotage“ vorausging, wundert man sich ernstlich, wie einfühlsam Hitchcock inszenieren konnte.
Geschichte geschrieben hat eine waghalsige und unendlich aufwendige Kamerafahrt. Inmitten eines vollen Ballsaals gilt es, den Mörder ausfindig zu machen, von dem wir wissen, daß er sich mit einem auffälligen Augenzucken herumplagt. Wir wissen: Irgendwo in dieser Menschenmenge hält er sich auf. Die Frage ist nur: Wo? Eine bestimmte Person unter unzähligen Anwesenden, die berühmte Nadel im Heuhaufen. Eine mühselige, wenn nicht sogar aussichtslose Suche - eigentlich. Nicht so für die Kamera: In einer einzigen Einstellung steuert sie diese Nadel in Menschenform zielstrebig an, beginnend mit einem Schwenk aus der Totalen über den Ballsaal mit seinen tanzenden Paaren hinweg, bis sie das Orchester anvisiert und sich ihren Weg zu dem schwarz angemalten Schlagzeuger bahnt, während der Sänger einen schmissigen Song über den „Drummer Man“ zum Besten gibt. Sie nähert sich ihm, immer weiter und weiter, und bleibt schließlich wenige Zentimeter vor seinem Gesicht stehen. Close-up auf seine Augen. Dann zwinkert er. Heftig. Mehrmals hintereinander. Wir haben den Mann gefunden. Jetzt müssen ihn noch unsere Helden finden. So wird auf den letzten Metern doch noch Suspense entfacht, wenn auch nur kurzzeitig, denn so kompliziert und atemberaubend die Kamerafahrt, so simpel und wenig aufsehenerregend fällt die Enttarnung aus. Der Mann am Schlagzeug entlarvt sich selbst, indem er aus dem Takt gerät und ohnmächtig wird. Kein Endkampf. Nichts. Eine menschliche Aktion bringt ihn zum Sturz: Er wird ohnmächtig, weil er unter dem Druck zusammenbricht.
Der endgültige Beweis: „Jung und unschuldig“ ist ein Thriller ohne rechten Thrill. Das kann man kritisieren, sollte man aber nicht (dann schon lieber die mehr als drolligen Miniaturbauten wie Spielzeugautos und Modelleisenbahnen, die hier zum Einsatz kommen), weil es Hitchcock augenscheinlich nur vordergründig um eine spannende Geschichte geht. Stattdessen serviert er uns sein womöglich sympathischstes Heldenduo überhaupt und seinen bis dahin warmherzigsten Film, der mich wunschlos glücklich gemacht hat. Spektakulär unspektakulär, so ließe sich der Film treffend zusammenfassen. Und gerade darum zum Liebhaben. 8/10.