Eine Abirrung im narrativen Sinne, mit einem Drehbuch aus Sodom und Gomorrha, dem korrumpierten Sündenpfuhl eines großstädtischen Bahnhofsviertels, in dem die Verführung in affektiver Ergänzungsbedürftigkeit ebenso viel Platz einnimmt wie das Verbrechen und die "unnatürliche" Irreführung fern der christlichen Vollkommenheit.
Abseits dem Weltkatechismus der römisch-katholischen Kirche wird in Oh, My God – ein schon symptomatischer Ausruf, der gut und gerne auch nach dem Betrachten einzelner abstrakter Szenen oder gleich dem Gesamtkontext kundgetan werden kann – der Lagebericht einer verschiedenen Zeit und Kultur in einer recht wechselhaften Form des bigotten Spießbürgertums dargeboten. Der frostige Platz der Verwirrung heißt hierbei Hong Kong, Mitte der Achtziger, ein von wohl Schwefelrauch umhüllter Ort der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem man zwar vor lauter karger Tristesse und höllischem Dampf die Hand nicht vor den Augen sieht, dem aber mit der freizügig-schmutzigen Massenproduktion von Sex entgegen gesteuert wird. Der ganz persönliche Klimax lauert an jeder Ecke, und selbst der entlegenste Fetischist kommt zu seiner wahren Berufung, wenn auch im triebaufgeladenen Umfeld von Bigamie, Prostitution, Voyeurismus, Exhibitionismus, Transvestitismus oft mit der säuerlichen Note gegebener Vagheit.
Denn, nicht nur die Figuren im Film verkleiden sich, tarnen ihre eigentliche Bestimmung, ihr Vorhaben und Vorlieben hinter einer täuschenden Maskerade, in dem Kleider Leute machen, auch das Szenario wandelt sich bei Tag und Nacht. Nach außen hin herrscht Zucht und Ordnung, law & order, die durch Übung zur Fertigkeit gewordene Kunst von Kriminalfilm und Thriller, in dem die Aufdeckung einer Missetat einhergeht mit dem Heranpirschen und Dingfestmachen des Mannes im Hintergrund. Eine schon didaktische Typenerzählung mit unverwechselbaren Anfangs- und Schlussformeln, in der die Verteilung der Rollen von Polizist auf der einen Seite, dem Rechtsbrecher auf der anderen und dem unschuldigen und irgendwie auch wehrlosen Durchschnittsmenschen zwischen allen Stühlen entsprechend den konventionellen Figurenschablonen mit all ihren anhängenden Plotsträngen erfolgt. Doch hierbei wird die Rationalität der Aussage von Erlaubt und Verboten ebenso, wenn auch nur vorübergehend, dann aber umso deutlicher ins Gegenteil verkehrt wie eine logische Stimmigkeit, die Durchsichtigkeit und die Eindeutigkeit klassischer world of crime Dramaturgie. Denn, leider Gottes, die Frau im Zentrum der Begierden und damit auch im Mittelpunkt des nebulösen Geschehens ist in Wahrheit ein Mann:
Gauner Ma Lun [ Ku Feng ] und sein Partner Po San Ka wollen zusammen einen Ölscheich um dessen Diamantenvorkommen bringen, bieten sich zum Schein während einer Auktion gegenseitig hoch und lassen dann die Ware von dem schwer bewaffneten "Killer" [ Lau Jun-Fai ] rauben. Dieser kann trotz erbitterter Gegenwehr und anschließender Verfolgung auch mit dem Motorrad fliehen, verliert dabei aber die Beute in einem Nachtclub, wo sie unwissend von den Sängerinnen und Hostessen um Ellen Yeung Ming - sing [ Stephen Tung Wai ] in einem Schminkkoffer aufbewahrt wird. Als der "Killer" mitsamt seinen Mannen die gewaltsame Nachforschung nach dem Gut betreibt und dabei auch keinen Gefangenen unter den Amüsierdamen macht, wird er bei einem Mord vom Spanner Kau Yan - chi [ Wu Ma ] beobachtet. Währenddessen krallt sich der Schwarzmarkthandel um Uncle Wing [ Fung Ging-Man ] und Crosseyed To [ To Siu-Ming ] die Hehlerware. Inspector Lui [ Lo Lieh ], von seiner Frau [ Pauline Wong ] öfters Mal als "Superman" benannt, übernimmt die Ermittlungen und wird ebenso wie Ellen in die Gefahrenlinie gezogen.
Herumgeschleiche im düsteren Hausflaur, ein Zeuge ohne credibility, ein Mord ohne Leiche.
Im Grunde ist dies zwar hemdsärmlige modern day action in grotesker Realität, aber im Einzelfall weder populistisch noch populär und schon optisch ein wenig diffus, unscharf verschwommen im konturlos unfertigen Dunkel einfallender Abenddämmerung. Das Zwielicht der letzten Rätsel, das blinde Vertrauen in das illusionär Offensichtliche, aber so nicht Vorhandene und die weichgezeichneten, mal beißenden, mal verächtlichen Albtraumbilder wirken sich zu einem riesigen schummrigen Schatten aus, der nicht nur die Spelunken und Hinter-, sondern auch die Wohnzimmer als Stille Reserve zu einer fragwürdigen Grauzone ohne wirklich erkennbare Kontraste macht. Die fragilen Stellen im Weltbild wollüstigen Charakters werden nur von glimmenden Leerstellen und sowie einem fahl leuchtendem Hoffnungsschimmer durchsetzt, der für Manche aber gleich die nächste Erschütterung mit sich bringt. Denn Ellen, die anmutige, auf ihre hilflose Art attraktiv wirkende und zumindest den Beschützerinstinkt von Brunfthirsch Lui auslösende damsel in distress, die Jungfrau {f} in Nöten, heißt in Wahrheit Allan und ist schwul. Ein kleiner, aber feiner Unterschied, der dem erst nicht nur diensteifrigen, sondern auch zusätzlich liebes- und geltungsbedürftigen Cop in ein Gewirr aus Fassungslosigkeit, dann schamvolle Betretenheit, dann Desorientierung mit negativen Unterton stürzt.
Allerdings zielt dies trotz einen tränenreichen Ausbruch in der obligaten Regennacht nicht auf ein Drama mit ernsthafter Kenntnisnahme eines Emanzipationsversuches und den Grundproblemen "irrationaler" Weltbeziehungen, sondern sowohl im Inhalt als auch der Ausführung auf etwas stumpf Lustiges in der Art einer übersteigerten Burleske zwischen närrischer Disziplinlosigkeit und libidinösem Sog hin. Eine Liebesgeschichte wie bei Philemon und Baucis trifft auf eine Aufklärungsfabel über Satyr und Hermaphrodit und deren unheilige Allianz, in der der Intersexuelle oder in genauer gesagt der Homosexuelle in der Beziehung zwar keusch bleiben muss, ihm aber als Quäntchen Toleranz und Sittliche Bescheidenheit der Güte und Herablassung zumindest die Zugabe einer selbstlosen Freundschaft winkt. Wenn er sich denn seiner "Vermummung" entledigt, wie ein Mann bewegt und wie ein Mann verhält. Amüsant oder doch lächerlich, politisch herrlich unkorrekt, zweideutiger Spott oder doch einige vor Verhöhnung knarzige Zacken unter der Grenze des Guten Geschmacks; das erinnert ein wenig an den thematisch ähnlich gelagerten, mit den Anleihen eines Slashers noch deutlicher spielenden und auch einige Qualitäten weit mehr überzeugenden He Lives By Night [ 1982 ].
Auf jeden Fall ohne die feine Empfindung für das Richtige selbst und leichtsinnig aus dem Gewissen geschoben ist die folgende Verwandlung von Ellen zurück zu Allan mithilfe ihres neuen maskulinen Partners Lui, der Ihr oder doch eher Ihm in vor Verlegenheit ungehobelter Kameraderie mit dem richtigen Gang, dem Gewichte stemmen und forschen Pistolen zücken die erste, entscheidend patriarchal codierte Lektion in Sachen viriler Männerdomäne aufzeigt. Schritt Zwei in der verworrenen Philister-Phantasie um des egoistischen Interesses willen wäre natürlich der Gang ins Bordell, um die Abkehr vom bisherigen Fehlverhalten endgültig zelebrierend zu feiern, aber vorher kommen noch Scherze über Diventum, Geschlechtskrankheiten, die Freuden und Leiden der Travestie, und die heilsame Warnung vor der Ungastlichkeit ungewöhnlicher Neigungen: Ellen wird nicht nur von der als Lederlümmel kostümierten Killertruppe verfolgt, sondern zwischendessen auch bevorzugt von Ausländern bis hin zur Belästigung angegraben und ist zudem als isoliertes Wesen unbarmherzig auslesender Züchtung ganz einsam und allein in ihrer sozialen Halbwelt-Existenz.