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Die Reise von Linnet und Simon durch Ägypten hätte so schön sein können. Die reiche Lady und der aus einfachen Verhältnissen stammende Bursche verbringen ihre Flitterwochen zwischen den Weltwundern, doch funkt ihnen immer wieder Simons Ex Jacqueline dazwischen, die ihnen überall aufzulauern scheint. Sie hat nie überwunden, dass Linett ihr die große Liebe ausgespannt hat.
Doch das ist nicht das einizige Problem, denn als das Paar ein Schiff für eine Nilkreuzfahrt entert, lernt man nach und nach, dass so ziemlich jeder auf dem Kahn einen Grund hat, Linnet nach dem Leben zu trachten. Irgendwann liegt die Dame dann auch ermordet in ihrer Kabine und ein weiterer Passagier beginnt seine Ermittlungen, denn auch Detektiv Hercule Poirot befindet sich auf dem Schiff.

Bis es dazu kommt, dauert es allerdings eine ganze Weile. Und diese füllt Regisseur John Guillermin damit, dem Publikum die ganzen illustren Figuren näherzubringen. Alle bekommen Zeit und Raum, um sich zu präsentieren und ihre Charakterzüge zu offenbaren. Dabei arbeitet das Skript sehr zielgerichtet und beschreibt die Gesellschaft meist auf das zukünftige Opfer bezogen, legt die Beziehungen zu diesem frei und so hat man später eine ganze Schar an Verdächtigen, an denen sich Poirot abarbeiten kann. Das gescheht alles in einer Ruhe, wie man sie in modernen Filmen nur noch selten findet und doch ist es zu keiner Minute langweilig.

Der gemächliche Stil ist einer der Stärken dieser ersten Verfilmung der Geschichte für's Kino, fließt dahin wie das Wasser des Nils und kommt nicht aus der Ruhe, was bei der herrschenden Hitze durchaus passend ist. Gedreht wurde unter anderem vor Ort in Ägypten, was bei Temperaturen von bis zu über 50 Grad nicht der größte Spaß war. Allerdings merkt man das dem Ensemble nicht an und dieses wartet mit vielen bekannten Namen auf.
Peter Ustinov beerbt Albert Finney aus der vorangegangenen Verfilmung von Christies „Murder on the Orient Express“ (1974) und gibt den belgischen Detektive Hercule Poirot grundsympathisch. Ihm durch die Ermittlungen zu folgen macht nicht nur Spaß, da er durchaus Humor einfließen lässt, Ustinovs gewitzte Art bereichert einfach die Szenerie und seine Auftritte sind immer gelungen. Auch der Rest vom Cast überzeugt. Lois Chiles, die ein Jahr später in „Moonraker“ (1979) an der Seite von Roger Moore zu sehen war, spielt die Linnet durchaus charmant und doch entschlossen. Durch Bette Davis, Angela Lansbury und Maggie Smith bekommt man noch drei exaltierte Figuren präsentiert, immer etwas undurchsichtig, schrullig und zum stimmigen Gesamtbild beitragend. David Niven als Poirots quasi-Unterstützung bleibt immer etwas die zweite Geige, seine stilvolle Art passt aber stets in das Szenario. Mia Farrows Art entspricht eben der ihrigen und ihre Hibbeligkeit kann szenenweise etwas anstrengend sein, insgesamt gibt sich das Ensemble aber keine Blöße und ist mit ein Grund, warum der Film so gut funktioniert. Es sind eben gestandene Akteure, das merkt man in jeder Minute.

Der Plot selbst und der Aufbau sind dabei so klassisch wie es nur geht. Der Kreis der Verdächtigen wird etabliert, die Motive liegen quasi schon vor dem Mord offen auf dem Tisch und nach der Tat wird reihum befragt, unterstellt, vermutet und am Ende schließlich vor versammelter Mannschaft aufgeklärt. Das wirkt so sehr aus dem Lehrbuch des „Whodunnit“ - aber eben nur, weil Christie das hier perfektioniert hat. Man kennt die Mechanismen und Abläufe, gerade aus geistigen Nachfolgern wie „Knives Out“ (2019), aber hier bekommt man es gekonnter und stimmiger präsentiert. Und dazu noch mit einem Ende, dem ein gewisser Nachhall innewohnt.
Und ist der Film auch grundsätzlich hübsch bebildert, wirken die Lichtsetzung und die Schattenwürfe, gerade in Innenräumen, bisweilen unnatürlich. Kein großer Kritikpunkt, jedoch fällt es immer wieder mal auf, was dem Genuss im Gesamten allerdings nicht abträglich ist.

Ich bin ja eher kein Krimifan. Aber es gibt doch ein paar Filme dieses Genres, die mich begeistern können. Und die erste Verfilmung von Agatha Christies „Death on the Nile“ gehört da definitiv dazu. In seiner Struktur quasi eine Blaupause für das Genre wird diese mit einem exzellenten Ensemble garniert und schafft es, trotz des begrenzten Raums und des gemächlichen Tempos, zu keiner Minute zu langweilen. Licht und Schatten sind im wörtlichen Sinne nicht immer gelungen, insgesamt bekommt man hier aber einen sehr sehenswerten Vertreter seiner Art.

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