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Johannes Schaafs zweiter Kinofilm "Trotta" - seit den frühen 60er Jahre drehte der auch als Schauspieler aktive, gelernte Theater-Regisseur, Fernsehfilme - lief 1971 erfolgreich in den Kinos und wurde mit einer Vielzahl bundesdeutscher Filmpreise bedacht, geriet aber trotzdem schnell wieder in Vergessenheit. Ein nicht seltenes Schicksal deutscher Filme an der Schnittstelle zwischen dem Ende des traditionellen Kinos der 50er und 60er Jahre und der aufkommenden Unterhaltungs-Filmindustrie, die zunehmend von Hollywood-Produktionen bestimmt werden sollte. Anders als Schaafs Kino-Erstling "Tätowierung" (1967), der stilistisch unmittelbar auf den sich verändernden Zeitgeist der aufkommenden Studentenunruhen reagierte, erfüllte "Trotta" mit einer Mischung aus ruhig inszeniertem, qualitativem Schauspieler-Kino, historischen Kulissen und seriös integrierten modernen Stilmitteln wie Eberhard Schöners von einem Synthesizer interpretierte Wiener Caféhaus-Musik und erotischen Nuancen gleichgeschlechtlicher Liebe, Anfang der 70er Jahre angesagte Kriterien. Zudem eignete sich der Roman des jüdischen Autors Joseph Roth "Die Kapuzinergruft", herausgegeben 1938, als ideale Vorlage, da er die Phase bis zum Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland beleuchtete – eine inzwischen generell akzeptierte, zeitkritische Thematik.

Mit Doris Kunstmann und Rosemarie Fendel war „Trotta“ zwar prominent besetzt, aber der restliche Cast setzte sich aus in Deutschland wenig bekannten ungarischen Darstellern zusammen, da der Film größtenteils in Ungarn gedreht wurde – dort fand Schaaf noch vermehrt die Überbleibsel der vergangenen K.u.K.-Monarchie und des Österreichs der folgenden Jahre bis 1938 vor. „Die Kapuzinergruft“ beginnt mit dem Ausbruch des 1.Weltkriegs 1914, womit Joseph Roth in seinem letzten Roman den Faden seines 1932 veröffentlichten „Radetzky Marsch“ wieder aufnahm, der den Zeitraum der K.u.K.-Monarchie bis zu deren Ende 1918 an drei Generationen der Familie Trotta beleuchtete. Doch obwohl mit Franz Ferdinand Trotta (András Bálint) erneut ein Mitglied dieser Familie im Mittelpunkt stand, war „Die Kapuzinergruft“ keine konkrete Fortsetzung, denn „Radetzky Marsch“ endete mit dem Tod des letzten Trotta – damit auch das Ende des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn symbolisierend - während es sich bei Franz Ferdinand Trotta um den Abkömmling eines parallelen Familienzweigs handelte.

Joseph Roths Intention für „Die Kapuzinergruft“ lag nahe. Nachdem er nach dem Ende des 1.Weltkriegs schon einmal den Niedergang seiner Heimat erleben musste – der Autor wurde 1894 in Brody geboren, damals zu Österreich-Ungarn gehörend, ab 1919 polnisch und heute in der westlichen Ukraine liegend – wiederholte sich die Geschichte wenig später. Österreich wurde Teil des großdeutschen Reiches und vollendete damit den Untergang einer Epoche. Der 1.Weltkrieg steht am Anfang dieses Endes, weshalb Schaafs Film mit dessen Ausbruch beginnt, den er mit einer großartig geschnittenen Szene akustisch und optisch erfahrbar werden lässt. Während ein Offizier mit schneidender Stimme die Notwendigkeit der Kampfhandlungen nach einer langen Phase des Friedens herausschreit, unterbricht der Film dessen Rede staccatoartig mit feiernden Jung-Offizieren, die sich gegenseitig zuprosten. Die Szene endet mit dem dissonanten Klang ihrer zusammenstoßenden Gläser. Ein noch mehrfach im Film erklingender Ton, zu dem Schaaf jeweils die Handlung symbolisch einfrieren lässt – eine wegen ihrer markanten Eigenständigkeit in Erinnerung bleibende, sehr gelungene filmästhetische Umsetzung.

Einen Augenblick lang, kurz vor dieser Szene gönnt der Regisseur dem Film einen einzigen spielerisch ausgelassenen Moment, den er im Gellért-Bad in Budapest aufnahm. Dessen homoerotische Attitüde mit den sich balgenden jungen Offizieren vermittelt einen letzten melancholischen Blick auf eine vergangene Zeit. Dagegen strahlen die hektischen Feierlichkeiten, mit denen viele Soldaten vor ihrem Einsatz an der Front noch schnell ihre Hochzeit begehen, nur wenig Freude aus. Die Hochzeitsnacht von Trotta misslingt entsprechend, da dessen alter Hausdiener einen Infarkt erleidet. Seine frisch vermählte Ehefrau Elisabeth (Doris Kunstmann) verlässt ihren Mann noch in derselben Nacht, da dieser nicht bei ihr weilt. In der ursprünglichen Drehbuchfassung spielte der 1.Weltkrieg noch eine wesentliche Rolle. Nicht hinsichtlich irgendwelcher Kampfhandlungen – Joseph Roth und in Konsequenz daraus auch Johannes Schaaf verzichteten auf jede Form des Aktionismus – sondern in der Beschreibung der langjährigen russischen Kriegsgefangenschaft, in die Trotta gerät. Schaaf folgte dem Rat Maximilian Schells, mit dem er das Drehbuch überarbeitete, auf die Kriegsphase zu verzichten, und blendete vom Hurra-patriotischen Beginn unmittelbar zur Ankunft der nach dem Krieg demoralisierten Soldaten über.

Diese Entscheidung war konsequent, denn „Trotta“ unterscheidet sich besonders durch den Verzicht auf vertraute Klischees, erklärende Details und eine zugespitzte Dramatik von typischen Historien- oder Romanverfilmungen, der dem Film trotz des offenkundigen historischen Bezugs eine bis heute spürbare Zeitlosigkeit verleiht. Nicht die tatsächlichen Ereignisse spiegeln den Niedergang wider, sondern die Figur des „Trotta“, in dessen hübschem Gesicht sich Sympathie, Passivität und Hilflosigkeit vereinen. Trotta bleibt immer freundlich, zuvorkommend und geduldig – selbst der unschöne Geschlechtsakt mit der ihm überlegenen, kalkulierenden Elisabeth wirkt mehr ungeschickt als erzwungen – während um ihn herum die ihm bekannte Welt zusammenbricht. Damit gelang Johannes Schaaf der Spagat zu der damaligen, sich ebenfalls im Umbruch befindenden Gegenwart. Viele Figuren – der Traditionalist, der Proletarier, der Kommunist – ließen sich problemlos in die Entstehungszeit des Films transportieren, aber besonders Rosemarie Fendel als Almarin verkörperte sowohl optisch, als auch in ihrem selbstbewussten, emanzipierten Auftreten beide Phasen ideal.

Während sie die richtigen Schlüsse aus den Veränderungen zieht, verschwindet Trotta einfach, nicht einmal fähig, sein Leben selbst zu beenden – zurück bleibt ein Film, der aufs trefflichste Geschichte und Gegenwart vereinte und damit seine Wirkung bis heute nicht verlor. (9/10)

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