Review

Bisher wusste man ja gar nichts von Geisterkindern aus Deutschland. Ich dachte immer, die kriechen aus irgendeinem Brunnen in Tokio oder entsteigen einem amerikanischen Fernseher.
Hier stehen Geisterkind und Spuk zwar nicht im Vordergrund, doch spätestens mit dem letzten Drittel weiß die Geschichte zu überzeugen, wenn auch eher in Bereichen des klassischen Mystery Krimis.
Und wenn man bedenkt, dass Regiedebütant Daniel Stieglitz lediglich geschätzte 10.000 Euro für die Produktion zur Verfügung hatte, ist das Ergebnis recht ordentlich ausgefallen.

Gegliedert in vier Kapiteln folgen wir Hauptfigur und Schriftsteller Leo, der seit seiner letzten Veröffentlichung unter einer Schreibblockade leidet. Deshalb zieht er in ein ländlich gelegenes, altes Mehrfamilienhaus um, wo sich alsbald merkwürdige Begebenheiten einstellen. Nahezu sämtliche Nachbarn reagieren abweisend, seltsame Geräusche sind zu vernehmen und der tödliche Autounfall der Vormieter (Suff-Vater und schizophren veranlagte Tochter), scheint auch noch nicht gänzlich aufgeklärt zu sein. Bei Recherchen kommt Leo einer bitteren Wahrheit auf die Spur…

…die leider eine äußerst lange Anlaufzeit benötigt.
Denn eine wirklich fesselnde Szene lässt sich erst nach einer Stunde finden, doch bis dahin verplempert man zuviel Zeit. Dabei hätte man die Vorgeschichte zur Hälfte straffen können.
Da stößt besonders Leos Freundin bitter auf, die mit ihrer Anwesenheit ständig Drive aus dem Geschehen nimmt und die Story inhaltlich nicht voran bringt.
Überhaupt hat man besonders im ersten Drittel eher den Eindruck, einer unfreiwilligen Satire beizuwohnen. Overacting oder unbeholfene Gesichter sind bei den Laien an der Tagesordnung. Da lässt man den Hauptdarsteller doch nicht ein so potthässlich hellgrünes Hemd tragen und sich mit Kölnisch Wasser (gibt’s das überhaupt noch?) beschäftigen, um die Zuschauer in angemessene Schauerstimmung zu versetzen.
Bis man überhaupt einen stimmungsvollen Bezug zum Kern des Geschehens aufbaut, fühlt man sich wie in einer typisch deutschen Daily Soap.
Lediglich die Erscheinung eines Geisterkindes im TV(auch, wenn man dieses Stilmittel schon zu oft verwendet hat) und Massen von Würmern in einer Kiste können auf der Schauerseite punkten.

Doch mit der Zeit gewinnt der Streifen an Fahrt, da werden doppelseitige Kinderzeichnungen gefunden, eine Kinderpsychologin aufgesucht, der Tathergang des Autounfalls recherchiert und zudem ein paar wenige Gruseleffekte eingebaut. Diese sind allerdings auf einen selbständig rollenden roten Ball („Shining“) und Kindergesicht in allem, was sich spiegelt (ALLE asiatischen Horrorbeiträge seit „Ring“) begrenzt. Kameratechnisch sauber eingefangen, nur der Schnitt lahmt ein wenig.

Doch in den letzten Zügen weiß der Streifen tatsächlich noch zu überzeugen, denn da widmet man sich in Form von gekonnt festgehaltenen Bildern eines Flashbacks nicht nur der Geschichte des Autounfalls, sondern schickt noch einen zweiten Plot Twist hinterher, der mit dem Titel recht wenig gemein hat und in dieser Form gewiss nicht zu erwarten ist.
Man könnte sogar sagen, er reißt das Ruder noch einmal herum, denn bis dato bewirkte die wenig atmosphärische, statische Inhaltslosigkeit eher Langeweile.
Doch am Ende steht eben kein „Happy End“, sondern leicht mulmige Betroffenheit.

Mit den Darstellern ist das so eine zwiespältige Sache, wie der Verlauf des Streifens an sich.
Hauptdarsteller Matthias Scherwenikas schauspielert zu Beginn so schlecht, als könne er allenfalls Kaffeefahrten moderieren, doch mit der Zeit, wenn sich seine Figur ernsteren Aufgaben widmet, kann er auf solidem Niveau überzeugen. Die übrigen Darsteller agieren leider größtenteils hölzern, so dass der ein oder andere unfreiwillige Schmunzler nicht ausbleibt. Auffallend gut ist hier nur Erwin Leder, der in der Rolle des alkoholabhängigen Vaters durchweg überzeugen kann.

Zum Score müssen auch ein paar Zeilen gesagt werden. Tendenziell ist der gut, nur er beißt er sich mit dem Tempo der Bilder. Während die Hauptfigur in einem Raum steht und hinter einer dunklen Ecke ein Geheimnis vermutet, galoppiert die Musik, als würde Van Helsing versuchen, vor Dracula das Schloss zu erreichen. Das klingt gut, ist auch einprägsam, nur eben nicht dem Geschehen angepasst.

Und das Gesamtgeschehen passt sich leider lange Zeit nicht meinen Erwartungen an. Mit knapp 102 Minuten Laufzeit ist der Streifen eindeutig zu lang ausgefallen und hätte besonders im ersten Dritten deutlich gestrafft werden müssen, zudem bleibt ein ordentliches Mitfiebern lange Zeit aus. Die Schockeffekte wirken größtenteils abgenutzt, nur inszenatorisch ist das ordentlich.
Doch in der letzten Viertelstunde zeigt sich, dass ein gut durchdachtes Script für so manche Überraschung gut ist, so dass der bis dato schwache Gesamteindruck noch einmal herumgerissen wird.

Letztlich finden sich nicht viele brauchbare Regiedebüts aus Deutschland, die mit ihrem Werk sogleich eine clevere Geschichte abliefern. Zwar fallen einige Darsteller eher negativ auf, doch die komplette Produktion wirkt alles andere als amateurhaft. Eine deutliche Straffung mit stärkerem Fokus auf den Kern und insgesamt mehr Tempo könnten Regieneuling Stieglitz bei nachfolgenden Werken jedoch deutlich mehr Punkte einbringen.
6 von 10

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