"I was used to the critics' insults, the public outcry, and I started shooting for my personal pleasure exclusively since the others had rejected me. REQUIEM is an attempt to simplify the structure of a film to an extreme. [...] Excluding the – timid – erotic scenes this could be a film for children made by children. It's a fairy tale. [...] REQUIEM is a naive film. The naiveté isn't forced, but reflects my state of mind at the time. That's what makes it so charming."
- Jean Rollin in Virgins & Vampires (1997), Edited by Peter Blumenstock, Seite 41 -
Requiem pour un Vampire schildert die Erlebnisse der beiden Freundinnen Marie (Marie-Pierre Castel) und Michelle (Mireille Dargent), welche nach einigen Irrwegen in einem alten Château landen, das von einem weltverdrossenen Vampir samt Anhang bewohnt wird. Und das ist auch schon die Geschichte, grob formuliert, doch wie so oft bei Rollin gilt auch hier: der Weg ist das Ziel, und dieser Weg ist ereignisreich, aufregend, und einfach wundervoll.
Nach der anfänglichen Hektik (eine Flucht im Auto inklusive Schußwechsel) befinden wir uns (und mit "wir" meine ich Kenner des Rollin'schen Oeuvres) bald auf vertrautem Terrain, und mit langen, ruhigen Bildkompositionen verabschiedet sich Rollin von der Realität und entführt die beiden jungen Protagonistinnen (und mit ihnen natürlich auch den Zuseher) in ein phantastisches Märchenland, in dem nichts unmöglich scheint, und wo sich die Logik in der Unwirklichkeit eines Traumes verliert. Mit so kraftvollen wie atemberaubenden Bildern (Cinematography by Renan Pollès) entfacht Rollin einen unwiderstehlichen Sog, der den Verstand geschickt umschifft, dafür jedoch die Gefühlswelt in Aufruhr versetzt und schließlich mit sich reißt.
Man möchte eintauchen in diesen Traum, mit Marie und Michelle über strahlend grüne Wiesen spazieren, malerische Friedhöfe erkunden, jeden Winkel des düsteren Châteaus erforschen, und einfach nur dem berührenden Klavierspiel einer Vampirin lauschen (das einzige, das man missen möchte, ist die berüchtigte, etwa fünfminütige Sequenz Mitte des Filmes, in der einige an die Wand gekettete Schönheiten von den Helfern der Vampire vergewaltigt werden; aber selbst diese im Grunde unangenehmen Szenen haben einen surrealen Touch, der die Wirkung zum Glück beträchtlich abmildert).
Rollin weiß um die Kraft seiner Bilder, gesprochen wird kaum, und das ist auch nicht nötig. Auf die Frage einer Vampirin läßt er Marie und Michelle die Geschehnisse einer guten halben Stunde kurz und knapp in wenigen Sätzen zusammenfassen.
Marie: "We ran away."
Michelle: "From a New Year's party."
Marie: "We were clowns."
Michelle: "We killed a man."
Marie: "We jumped over the wall."
Michelle: "Our friend was waiting in the car."
Marie: "We were followed."
Michelle: "He was killed."
Marie: "We got lost."
Mehr gibt es diesbezüglich nicht zu sagen, mehr muß man nicht wissen, denn im Vordergrund steht nicht das "was" sondern immer das "wie".
Und diese einzigartige, stimmungsvolle, visuell eigenwillige Umsetzung einer an und für sich unkomplizierten Geschichte ist es, die Rollins Filme im allgemeinen und Requiem pour un Vampire im speziellen auszeichnet. Diese überwältigende, ominöse, kaum greifbare Stimmung. Unwirklich und faszinierend. Traurig und märchenhaft. Romantisch und morbide. Hypnotisch und traumhaft. Erotisch und mysteriös. Poetisch und melancholisch. Unheimlich... und doch so vertraut.
Für die einen mag Requiem pour un Vampire ein sterbenslangweiliges, ohne Sinn und Verstand zusammengeschustertes Machwerk sein. Für die anderen - mich eingeschlossen - ist es filmgewordene Poesie, zum Träumen schön, die jedes Mal aufs Neue verzaubert und das Herz vor Freude schneller schlagen läßt. Die 23jährige Marie-Pierre Castel und die 20jährige Mireille Dargent sind absolut perfekt in ihren Rollen, und der Schauplatz - das Château samt Friedhof und Gruft - ist eine wahre Augenweide.
Requiem pour un Vampire ist das Meisterwerk eines unverwechselbaren Auteurs. Eines Auteurs, der auf etablierte Genrekonventionen gleichermaßen pfeift wie auf des Zuschauers Sehgewohnheiten. Regisseure vom Schlage des visionären Franzosen gab und gibt es in der Kinolandschaft leider viel zu wenige. Nach den zahlreichen feindlichen, zum Teil haßerfüllten Reaktionen auf seine Filme zu Beginn seiner Karriere freut es mich ungemein, daß Jean Rollin die aufkeimende Begeisterung für seine Arbeiten, die schließlich in einen regelrechten Kult gipfelte, noch miterleben durfte.
Schon von dem Moment an, als mich der Filmbug biß und mich die Leidenschaft fürs Kino packte, hatte ich ein Faible für den etwas anderen Film. Jean Rollin entdeckte ich Anfang der 1990er Jahre, als die britische Firma Redemption Films einige seiner Filme auf Video veröffentlichte. Requiem pour un Vampire war mein erster Rollin. Es war eine Liebe auf den ersten Blick. Bleibt mir nur noch eines zu sagen: Monsieur Rollin, merci beaucoup.
Jean Rollin, 3. November 1938 – 15. Dezember 2010
"... a little film made with almost no money. [...] I wanted to create the ultimate naive film, to simplify story, direction, cinematographie, everything. Like a shadow, an idea of an plot. [...] I wanted to make a film that was like a fairytale told by someone at the campfire, invented as it was being told."
- Jean Rollin über Requiem pour un Vampire im Gespräch mit Peter Blumenstock im Mai 1995 in Paris; aus Virgins & Vampires (1997), Seite 148 -