Review
von Leimbacher-Mario
Da wird die Nonne in der Pfanne verrückt!
Zu seinem Release als höchst polarisierender Skandalfilm abgestempelt, mittlerweile dürfte eigentlich selbst der gute Roger Ebert in seinem Grab (RIP!) begriffen haben, dass Ken Russells kirchenkritischer, zutiefst vielschichtiger und ambitionierter „Exorzismus“-Schocker nicht weniger als ein Meisterwerk ist. Es geht um einen Orden voll besessener (?) Nonnen, die auf dem Höhepunkt der Hexenverfolgung einem attraktiven und (wortwörtlich) scheinheiligen Geistlichen (außerordentlich: der relativ junge Oliver Reed!) verfallen und ihn dann zum Tode verpfeifen...
„The Devils“ ist episch in jeder Beziehung. Seine Bilder, seine Ausstattung, seine Darsteller sind mächtig imposant. Seine Themen sind mutig und werden aggressiv, kompromisslos vorgetragen, ohne allzu plakativ zu werden oder nur noch dem Schock zugeneigt zu sein. Jeder Tabubruch hat hier Hand und Fuß. Seine Atmosphäre ist durchgehend einnehmend. Alles ist hier von Sekunde eins an fesselnd und beeindruckend, es gibt immer was zu sehen. Selbst wenn der Film definitiv surreale, orgiastische Töne hat und die Geschichte nicht immer klar und klassisch vorgetragen wird, kann man seinen Blick dennoch kaum von der Leinwand nehmen. Zu groß, zu heftig, zu krass ist das da Ausufernde. Natürlich im besten Fall mit der lange Zeit geschnittenen „Masturbationsszene“ am Kreuz. Gegen all diesen (wichtigen!) Wahnsinn wirkt „Der Exorzist“ fast handzahm. Kein Wunder, dass hier (nicht nur) die Kirche auf die Barrikaden ging. Und er hat noch immer kein bisschen an Kraft und Biss verloren! Blasphemischer Brunftschrei.
„The Devils“ geht in die Vollen und schämt sich nicht für seine Kontroversen. Er ist ein forderndes und verstörendes Mahnmal gegen die Ausnutzung von Machtpositionen, gegen die Verehrung falscher Götter und gegen die Scheinheiligkeit der Kirche als Ganzes. Auch ein cleverer, eindringlicher Kommentar zum Menschen als (versautes, sündigendes) Wesen an sich. Das muss man sich erstmal derart krass und bedingungslos trauen. Selbst/gerade heutzutage wäre das undenkbar. Erst recht in dieser monumentalen Größe. „The Devils“ gewinnt von Jahr zu Jahr mehr an Bedeutung - und das völlig zurecht. Gewagt und gewonnen. Ich war zu Beginn recht müde und wusste nicht, wie lange ich durchhalte - doch nach wenigen Minuten war ich schon so „drin“, dass die Nachtruhe noch locker warten konnte... Denn das ist eines dieser Seherlebnisse, die einen daran erinnern, warum man die Kunstform „Film“ liebt. Eine Großtat, die sich auf Dauer nicht unterdrücken lässt.
Fazit: Ken Russels massivster Wurf. Sein giftiges Meisterwerk und ein noch immer enorm potenter, beeindruckender Geniestreich. Ein lange Zeit vollkommen verkannter Grundpfeiler des modernen Horrors, dem in einer fairen Welt nicht weniger Ruhm und Ehre zukommen sollten wie einem „Exorzist“ oder „Wicker Man“. Absolut herausragend, intensiv, stark und ein unvergessliches Erlebnis. Ohne Wenn, ohne Aber, ohne Zweifel, ohne Punktabzug. Rebellisch, radikal, resolut, riskant. RIESIG.