Review

Die Top 5 der widerlichsten, abartigsten und perversesten Sex-Praktiken der Filmgeschichte:
Platz 5: „Lolita“ - eine Minderjährige als Lustobjekt.
Platz 4: „Das große Fressen“ – Sex während des Essens.
Platz 3: „Die 120 Tage von Sodom“ – das „Stuhlgang-Abendmahl“.
Platz 2: „Nekromantik“ – Sex mit Leichen.

…uuuuund…
*Trommelwirbel*
…auf Platz 1: „Harold & Maude“ – Sex mit alten Leuten!
****würg!!!***ächz!!!***röchel!!!***kotz!!!**** Eine Nation erbricht im Chor…

Ne, Spaß beiseite… „Harold & Maude“ ist wegen seiner Thematik – knabenhafter Jüngling verliebt sich in greise Oma – schon irgendwie als leicht anstößig einzustufen (also kein Film, den man sich mit seinen spießigen Eltern oder dem Papst reinziehen sollte…), doch hinter seiner Fassade steckt mehr.
Der Film will nämlich gar nicht schocken. Er will uns die Augen öffnen…, doch dazu gleich mehr.

Erst die Story in Kurzform:
Der lebensunlustige und verzogene Bengel Harold, dessen liebstes Hobby es ist, seiner Mutter seinen Freitod vorzugaukeln, lernt zufällig die reife, um genauer zu sein, die steinalte Maude kennen.
Sie ist das genaue Gegenteil von ihm: Sie singt und lacht gerne, nimmt kein Blatt vor den Mund und zelebriert das Leben mit jedem Atemzug. Egal ob sie Gerüche sammelt, einen Cat Stevens-Song trällert oder mit einem geklauten Baum vor der Polizei auf der Flucht ist, Leben, Liebe und Freiheit scheinen ihr die größten Güter zu sein. Und genau das fasziniert Harold so an ihr.
So kommt es, dass die beiden mehr und mehr Zeit miteinander verbringen, bis sich eine innige und sehr tief gehende (nein, vorerst nicht was ihr denkt…) Freundschaft entwickelt.
Doch bei der Freundschaft bleibt es nicht…

Harold – der depressive Todesfanatiker – und Maude – die in die Jahre gekommene Hippie-Braut, die aber trotz ihres fortgeschrittenen Alters immer noch sehr „alternativ“ und „anarcho“ unterwegs ist. Zwei, wie sie im Grunde unterschiedlicher nicht sein könnten, … aber Gegensätze ziehen sich ja bekanntermaßen an.
Das besondere an der gesellschaftsunfähigen Liaison:
Zu Beginn sieht’s bei den beiden so überhaupt nicht nach Liebe aus. Erst das holprige Kennen lernen und dann die vielen Wesensunterschiede… Selbst als ihre Gespräche über Gott und die Welt langsam einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben, kommt ihre Beziehung höchstens einer sehr guten Freundschaft gleich, welche zwar zugegebenermaßen schon in gewisser Weise etwas von Seelenverwandtschaft hat, an Liebende denkt man, wenn man den beiden so zuschaut, aber nicht im ersten Moment.

Aber was ist schon Liebe? Muss Liebe denn immer körperlich sein? Oder kann man auch von Liebe sprechen, wenn sich zwei finden, beide ihre imaginären Mauern komplett fallen lassen und geistig miteinander verschmelzen?

…wo wir gleich an dem Punkt angelangt wären, der mir den Film so herausragend erscheinen lässt:
Er malt uns ein sehr unkonventionelles Bild der Liebe und weist uns zugleich die mannigfaltigen Wege des größten Mysteriums der Menschheit auf.
Gut, natürlich wär’ die LoveStory optisch einladender, wenn sie uns von Ethan Hawke und Julie Delpy („Before Sunrise“) oder von Zach Braff und Natalie Portman („Garden State“) erzählt worden wäre,
doch nie und nimmer wäre dies im Stande die Botschaft zu transferieren, dass in der Liebe einfach alles möglich ist, und dass die Wege der Liebe einfach unergründlich sind. Und genau diese Message macht „Harold & Maude“ so bezaubernd!

Eine Romanze, die auf den Schwingen eines Cat Stevens-Songs dahingleitet:

Well, if you want to sing out, sing out
And if you want to be free, be free
'Cause there's a million things to be
You know that there are

And if you want to live high, live high
And if you want to live low, live low
'Cause there's a million ways to go
You know that there are
...

Wem die Sache jetzt immer noch nicht ganz geheuer ist, dem sei gesagt, dass es nicht übermäßig visuell wird, „wenn’s bei den beiden dann endlich so weit ist“ (*räusper*... ihr wisst schon was ich meine…). Beide küssen sich lediglich und wachen dann nebeneinander auf, aber wie gesagt, der Sex, oder allgemein das Körperliche, ist bei den beiden hier eher eine Randerscheinung.

Fazit also:
Eine sehr, sehr unkonventionelle Liebesgeschichte mit ganz viel Alltagsphilosophie, deren wesentliche Kernaussage aber die ist, dass man zum Leben eine positive Einstellung haben muss, und dass man jeden Moment in etwas Einzigartiges und unschätzbar Wertvolles verwandeln kann.
Kein Kitsch, kein übertriebenen Gefühlswallungen und…---ACHTUNG SPOILER--- …kein Happy End… ---SPOILER ENDE---

The Word is Love.
Amen.

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