Eigentlich sollte „Alpträume“ ja nur der Pilot für Horror-Anthologie-TV-Serie für NBC werden, wurde jedoch zu einem Kinofilm unter Universal-Flagge umgemodelt. Regisseur Joseph Sargent hatte zwar den Miniklassiker „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ im Actionthrillergenre verantwortet, sollte aber mit „Der weiße Hai – Die Abrechnung“ vier Jahre später zeigen, dass er fürs Horrorgenre nicht wirklich geeignet ist. Zudem sieht man „Alpträume“ seine TV-Herkunft durch und durch an, gerade im Vergleich zu Flagschiff-Horrorfilmen seiner Zeit; man denke an „Alien“, „Das Ding aus einer anderen Welt“ oder „Poltergeist“, gegen die „Alpträume“ in Sachen Inszenierung und Production Values hemmungslos altbacken wird. Doch auch die erzählerische Qualität der insgesamt vier Episoden schwankt stark.
„Terror in Topanga“
Der Auftakt der ersten Episode wurde nach Angaben mancher Quellen nachträglich eingefügt, um dem Film ein R-Rating zu verschaffen, da die Produzenten sich dadurch eine größere Anziehungskraft bei der Zielgruppe versprachen. Also sieht man zu Beginn, wie ein Polizist von einem Messermann verhackstückt wird, nachdem er eine junge, adrette Cabrio-Fahrerin mit einer Verwarnung hat davonkommen lassen. Beziehungsweise man sieht es mehr oder weniger, da der Schnitt des Mordes reichlich hakelig ist. Die TV-Nachrichten enthüllen mehr Details: Ein mörderischer Irrer ist aus einer Anstalt entkommen – entgegen der Urban Legends zwar nicht mit einer Hakenhand, aber mit gewetzten Messern. Die junge Mutter Lisa (Cristina Raines) beschließt trotz der Nachrichten noch Zigaretten holen zu fahren – doch auf dem Rückweg wird das Benzin knapp.
Bis die Tabaksüchtige allerdings in diese Situation kommt, ist bereits ein Großteil der Episode um. Wenn es dann soweit ist, kann „Terror in Topanga“ punkten: Jede geschlossene Tankstelle, jeder Blick auf die Tankanzeige lassen den Spannungspegel etwas ansteigen und verdeutlichen das Gefühl des Unwohlseins. Kurz darauf kommen dann auch das Finale und die recht gelungene Schlusspointe. Cristina Raines in der zentralen Rolle macht einen soliden Job, die markigen Gesichter von Anthony James als Verkäufer und William Sanderson als suspekter Tankwart setzen ein paar Akzente in diesem soliden, aber etwas lahmarschigen Serienkiller-und-potentielles-Opfer-Stück.
„The Bishop of Battle“
Die zweite Episode ist ein klares Kind des Post-„Star Wars“-Sci-Fi-Booms und dem Aufkommen der Videospielkultur. Nur ein Jahr zuvor kam „Tron“ heraus, ein Jahr nach „Alpträume“ erschien „The Last Starfighter“, gegen deren Tricktechnik diese Episode allerdings kaum anstinken kann. Erzählt wird von dem arcadesüchtigen J.J. Cooney (Emilio Estevez), der fast jedes Game gemeistert hat – nur nicht das titelgebende „The Bishop of Battle“, dessen mysteriöses 13. Level er erreichen möchte. Bei einer nächtlichen Zock-Session in der Spielhalle gelingt ihm dies – jedoch mit unerwarteten Auswirkungen…
„The Bishop of Battle“ braucht noch etwas länger als die vorige Episode, um letztendlich in die Puschen zu kommen. Nach relativ langer Anlaufphase gipfelt das Ganze in einer Art Real-Life-Version eines Videospiels zwischen „Pac-Man“ und „Space Invaders“, die schon wenig gruselig daherkommt, effektmäßig der Konkurrenz aber so unterlegen ist, dass sie auch nicht mit Oberflächenschauwerten punkten kann. Ironischerweise hätten selbst diese Tricksequenzen die Produktion in den Ruin getrieben. Am ehesten bleibt der rockige Soundtrack von Bands wie Fear im Gedächtnis bzw. Ohr, denn beim Zocken dreht der Protagonist gerne seinen Walkman auf. Besagte Hauptfigur verkörpert Emilio Estevez dann auch mit Draufgängercharme, während die restlichen Darsteller bessere Staffage bleiben.
„The Benediction“
In der dritten Episode geht es um den katholischen Priester Frank MacLeod (Lance Henriksen), der jedoch seinen Glauben verloren hat. Er will seine Gemeinde verlassen, wird jedoch auf der Fahrt von einem Pick-Up-Truck mit geschwärzten Scheiben angegriffen, der nicht von dieser Welt zu sein scheint.
„The Benediction“ ist eine Art Schmalspurvariante von Steven Spielbergs „Duell“, angereichert mit ein paar Teufelsmotiven on the road wie in „Vier im rasenden Sarg“. Größter Pluspunkt der Episode ist Lance Henriksen in der Rolle des zweifelnden Glaubensmannes, dem man den inneren Konflikt abnimmt, obwohl das Drehbuch diesen kaum mit Leben füllen kann. Ein paar Rückblenden zum Quell der Sinnkrise (MacLeod musste den Tod eines Jungen mitansehen) können keine Tiefe schaffen. Auch „The Benediction“ hält sich mit viel mäßig interessantem Vorgeplänkel (darunter die obligatorische Traumsequenz mit anschließendem, schweißgebadetem Aufwachen) auf. Der eigentliche Überlebenskampf ist auf wenige Minuten am Ende konzentriert, die ein paar nette Fahrzeugstunts bieten – immerhin inszenierte Sargent in den 1970ern auch den Burt-Reynolds-Reißer „Der Tiger hetzt die Meute“. Mit Grusel ist da freilich wenig, für große Actionschauwerte ist das Ganze dann doch wiederum zu unspektakulär.
„Night of the Rat“
Die vierte und letzte Episode besitzt einen Plot, den George Pan Cosmatos in ähnlicher Form in „Unheimliche Begegnung“ im gleichen Jahr in Spielfilmlänge erzählte. Hier geht es um das Ehepaar Clair (Veronica Cartwright) und Steven Houston (Richard Masur), die ein Rattenproblem im Eigenheim haben. Aber nicht irgendein Rattenproblem, denn der übergroße Nager erweist sich als Teufelsratte, die das Leben des Paares und deren kleiner Tochter Brooke (Bridgette Andersen) erst zur Hölle macht und dann bedroht.
„Night of the Rat“ ist die längste, aber auch klar gelungenste Episode der kompletten Anthologie, auch wenn sie durch schlurige Effekte im Finale runtergezogen wird, wenn man die Teufelsratte erstmals in voller Pracht sieht. Denn dabei handelt es sich offensichtlich um eine vergrößerte einkopierte Ratte, was eher Trashcharme als Horrorfeeling erzeugt. Dafür baut diese Episode wenigstens von Anfang einen Spannungsbogen auf, wenn der Krieg Mensch vs. Ratte nach und nach eskaliert. Befeuert wird das auch durch paarinterne Konflikte, denn Richard Masur – gerne mal auf unsympathische Charaktere abonniert – legt den Ehemann als selbstherrlichen Großkotz an, der auf der Arbeit gefühllos Leute feuert und daheim die Gattin anblafft. Diese wird von Veronica Cartwright vielleicht einen Ticken zu hysterisch verkörpert, doch sie bleibt die Identifikations- und Sympathiefigur, welche die richtigen Schlüsse zieht und Hilfe suchen will im Gegensatz zu ihrem Männe. Natürlich ist das Strickmuster bekannt (z.B. wird die Hauskatze zum frühen Opfer des Biests), doch „Night of the Rat“ erzählt durchaus stimmig davon, wie den Protagonisten die eigenen vier Wände unheimlich werden. Der Feind im eigenen Haus, ein klassisches, aber effektives Gruselmotiv.
Doch unterm Strich bleibt „Alpträume“ eine altbacken inszenierte, eher unspektakuläre Horror-Anthologie, bei der in erster Linie die letzte und mit Abstrichen die erste Episode funktionieren, wenngleich beide auch keine Innovationspreise gewinnen. Episode zwei und drei dagegen haben merkliche Schwächen. Immerhin ist es nett, dass sich die Einzelstorys in Sachen Sujet und Ansatz unterscheiden, doch Alpträume werden die wenigsten Zuschauer trotz des Filmtitels davon bekommen.