Verwunderlich, dass es nicht wesentlich mehr Filmproduktionen gibt, die Nostradamus und seine ominösen Prophezeihungen thematisieren. Schaut man sich etwa nur mal den unüberschaubaren Output an Sekundärliteratur an oder führt sich vor Augen, wie viele Menschen noch heute von Nostradamus Schriften fasziniert sind, sich gar davon beeinflussen lassen, dann kann man dem Mann und seinem Werk eines sicherlich nicht absprechen: cineastisches Potential.
Da macht es scheins kaum einen Unterschied, dass die Welt wiederholt nicht untergegangen ist und je nach Auslegung mögliche Katastrophen gottseidank auch weiter auf sich warten lassen - die Popularität von Nostradamus ist dennoch ungebrochen. Seltsam, dass sich da nicht einmal die Privatsender auf das Sujet stürzen, um mal eben schnell Germany's next billig Blockbuster abzudrehen und die hauseigene Katastrophenfilmreihe auch noch um diese Variante zu erweitern.
Die 1994 in internationaler Gemeinschaftsproduktion entstandene Verfilmung spielt zwar mindestens eine Liga über derartigen Produktionen, bereichert jedoch nicht unbedingt die Palette verfügbarer Verfilmungen über den sagenhaften Propheten, trotz durchaus respektabler und prominenter Besetzungsliste, handwerklich ordentlicher Umsetzung und, wie bereits gesagt, einem fantastischen Sujet, das eigentlich ein Selbstläufer darstellen müsste. Trotzdem fehlt es dem Film über fast zwei Stunden hinweg merklich an Biss und Spannung, was auf den Zuschauer wiederum überhaupt nicht faszinierend wirkt. Woran liegt's?
Vielleicht an der mangelnden Bereitschaft, Schwerpunkte zu setzen. Ein unaufgeregtes Biopic hätte es werden können, vor der Fassade eines seriösen Historienfilms über die Epoche der frühen Neuzeit mit all ihren Neuerungen und tiefgreifenden Veränderungen, das hätte sicherlich schon genügt, um zwei Stunden sinnvoll zu füllen. Tatsächlich macht dieser Aspekt auch einen guten Teil an der Handlung aus, bleibt in der Realisation aber schließlich doch zu oberflächlich, zu beliebig und wirkt stets dazu bereit, typische Reizthemen, wie etwa die unsägliche "heilige" Inquisition, banalerweise auf gänsehautfreundliche Klischees zu reduzieren.
Rutger Hauer als mysteriöser Mönch ist da zwar idealbesetzt, aber an Anspruch gewinnt man mit dieser Art der Darstellung nicht unbedingt. Apropos Biopic: bisweilen hat man den Eindruck, als ginge es weniger um das Leben, als vielmehr um das Liebesleben des großen Propheten. Und dennoch ist angesichts derartiger als (Tele-)Visionen aufbereiteter Bettgeschichten das ganze Drama weder romantisch noch neckisch noch überhaupt sonderlich dramatisch.
An den wenigen Ausflügen ins (jugendfreundliche FSK12) Schauerkino ist von der Umsetzung her an sich nichts auszusetzen. Eine Familienaufstellung der Königsfamilie gerät da mit Ausblick auf die Bartholomäusnacht für den guten Michel zu einer überaus blutigen Angelegenheit und wenn man die in die starren, blassgrünen Gesichter der Inquisitoren unter ihren Kapuzen schaut, dann hat das mindestens so viel Atmo wie anno dazumals bei Lucio Fulci. Letzendlich sind diese Szenen jedoch nicht mehr als vereinzelte Farbtupfer auf blassem Hintergrund.
Richtig mysteriös hätte es werden können, hätte man den Fokus auf die rätselhafte Poesie des M. de Notredame gelegt. Stattdessen gibt es überhaupt erst ab schätzungsweise dem zweiten Drittel des Films hier und da überhaupt mal eine Vision in Form von Dokumentaraufnahmen aus dem Dritten Reich, von Atombombentests oder anderer unerfreulicher Erscheinungen des 20. Jahrhunderts wie etwa Saddam Hussein.
Geheimnisvolle Stimmung kann bei solch plumper Präsentation jedoch mitnichten aufkommen und wenn Nostradamus einmal gar ein blutig rotes Hakenkreuz(!) an die Wand schmiert, erinnert das fast schon an die surreale Komik eines besonders respektlosen Monty Python Gags - unfreiwillig, versteht sich - und bringt zugleich die gefühlte Botschaft des Films auf den Punkt. "Was bedeutet das, Michel?" - "Ich habe keine Ahnung." Ganz genau.
Am Ende entlässt man den Betrachter mit einer Binsenweisheit vom Abreisskalender indem man an die Verantwortung des Menschen für Gottes Schöpfung erinnert, sich aber jeglichen weiteren Kommentars hinsichtlich der Darbietung der vorausgegangenen zwei Stunden enthält. Wäre verschmerzbar, wenn der Film nicht einfach nur aufhören würde, sondern vorher vielleicht noch eine dramatische Zuspitzung geliefert hätte.
So bleibt als Fazit nur auf die Expertenmeinung vom "Cinema" zu verweisen, die dem Film auf dem DVD-Cover immerhin das bescheinigt, worauf scheins bereits bei der Konzeption das Hauptaugenmerk lag, nämlich auf "schillernde[n] Helden[?], willige[n] Frauen[!], Schurken, Krieg und Pest[!!!]". Eine Fokussierung auf eine straffe Dramaturgie hätte überdies sicherlich nicht geschadet...