Als Schreckgestalt ist der Weihnachtsmann nicht unbedingt bekannt. Bei genauerer Betrachtung steht ihm diese Rolle aber ziemlich gut. Seine Arbeitskleidung trägt die Farbe der Gefahr, der weiße Saum seines Mantels droht vom Blutrot verfärbt zu werden. Die schwarzen Stiefel eignen sich zum Waten durch Schmutz und Lachen von Blut. Der Gürtel samt goldener Schnalle taugt hervorragend zur Züchtigung. Mütze und Zottelbart verbergen das Gesicht eines Unbekannten hinter der autoritären Gesamterscheinung, was es schwierig macht, seine wahren Absichten zu erkennen; ähnlich wie beim Clown, hinter dessen Schminke sich ebenfalls Monströses verbergen könnte. „Santaclausophobie“ nennt sich diese Angst vor dem Oberhaupt des Weihnachtsfestes. Sie hat wohl viel mit der Abstinenz väterlicher Fürsorge zu tun, die ersetzt wird mit unterkühlter Strenge, resultierend in einer Bewertung der blanken Taten sowie entsprechender Sanktionierung. Warst du ein braves Kind, darfst du auf eine Belohnung hoffen… aber wehe dir, wenn du unartig warst. Es ist die Furcht vor dem Kerl, der dich mustert und evaluiert, das Zuckerbrot in einem Fäustling, die Peitsche im anderen. Der, der urteilt und das Urteil in einem Zug vollstreckt. Aber was, wenn er sein Amt missbraucht… oder schlichtweg nicht zurechnungsfähig ist?
Kein Wunder, dass „Stille Nacht, Horror Nacht“ (immer noch eine Überwindung, den Titel ohne Bindestrich auszuschreiben) Proteste von Familien und Moralhütern sammelte, beinahe wie als Kompensation für Auszeichnungen, die man einem schmierigen Slasherstreifen wie diesem niemals verleihen würde. Schließlich trifft er einen empfindlichen Nerv, indem er die tradierte Hülle des fröhlich-wohlgenährten Geschenke-Überbringers zum Psychopathen-Kokon umfunktioniert.
Dieser Film ist aus den frisch gebackenen TriStar-Studios ist nicht der Erste und bei weitem nicht der Letzte, der Böses in roter Folie verpackt. „Black Christmas“ (1974) setzte die Verknüpfung von Weihnachtsambiente und Slasherfilm sogar gleich an die Anfänge des Genres. „Teuflische Weihnachten“ griff dann 1980 bereits auf eine sehr ähnliche Konstellation zurück. Danach gab es eine regelrechte Bad-Santa-Explosion: Vom französischen Kevin-allein-zu-Haus-Vorreiter „Deadly Games“ (1989) über die ironischen Wortspiele der 90er („Satan Claus“ und „Santa Claws“, beide 1996) hinein in die skandinavischen Landschaften von „Rare Exports“ (2010) legte der Rentier-Schlitten eine weite Strecke zurück. Demnächst soll sich sogar Kevin Smith an einer eigenen Version der „Krampus“-Variante versuchen, die Michael Dougherty 2015 im gleichnamigen Film bekannter machte. Inzwischen geht es dabei oft um die Dekonstruktion einer Werbeikone für Softdrinks und andere Industriewaren, die nach dem Vorbild erzieherischer Aufklärung („es gibt gar keinen Weihnachtsmann“) ihres Schreckens beraubt werden soll. Im Vergleich mit neueren Versuchen wirken jene aus den 80er Jahren ungleich sleaziger, dabei aber auch mystischer und unberechenbarer.
„Stille Nacht, Horror Nacht“ trägt als Kind der Slasher-Hochphase einen gehörigen Anteil zu diesen Eindrücken bei. Dabei handelt es sich oberflächlich betrachtet um einen typischen, billig hergestellten und reißerisch inszenierten Vertreter seiner Art: Über ein Schlüsselerlebnis im Prolog wird die Geburtsstunde eines Axtschwingers eingeläutet, dessen Blutspur in den folgenden 85 Minuten den Takt angibt. Gestorben wird möglichst laut und kreativ, gerne auch mal textilfrei, selbst wenn es inhaltlich keinen Sinn ergibt. Linnea Quigley kommt so in einem Cameo zu ihrer obligatorischen Topless-Szene, die sich aus dem Handlungsverlauf heraus eigentlich von selbst verboten hätte (wer hat denn die Geistesgegenwart, sich noch schnell ein Paar Hotpants überzustreifen, vergisst dann aber den Oberkörper und geht mitten im Winter oben ohne an die Haustür, um die Katze reinzulassen?). Mit ausgefeilter Logik kommt man hier nicht weit.
Das betrifft auch den Werdegang der Hauptfigur. Die Verwandlung eines naiven Jungen mit festem Glauben an das Gute im Menschen hin zum verstörten Zwangsjackenkandidaten erzählt der Film zwar mit logischen Ungereimtheiten, dafür aber einem Schwung, den man eher bei ambitionierten Dramen erwarten würde als bei einer Schlachtplatte, die sich über punktuelle Tits’n’Gore-Highlights definiert. So mag es zwar grob fahrlässig, wenn nicht absurd erscheinen, dass der psychisch kranke Großvater an den Festtagen in einer mentalen Heilanstalt besucht und der 5-jährige Sohn (Jonathan Best) dabei einfach mit ihm in einem Raum gelassen wird – offenbar wusste man sich anders nicht zu helfen, um einen intimen Moment zwischen Kind und Großvater zu erschaffen. Andererseits ist es wunderbar, dass diese Szene überhaupt im Film ist: Dem eigentlichen Vorfall, der in der nächsten Szene aus einem unschuldigen Kind ein seelisches Wrack macht, verleiht die kurze Sequenz als Vorspiel jedenfalls gehörig Pfeffer und vor allem die psychologische Glaubwürdigkeit, die so vielen anderen Slasher-Streifen fehlt. Drehbuchautor Michael Hickey spricht hier von Einflüssen aus dem Kubrick-Streifen „Shining“, in dem Danny Torrance ebenfalls nicht „einfach so“ wahnsinnig wird, sondern schleichend wie bei einer Krankheit. So ist es nämlich nicht einfach nur eine unglückliche Erfahrung, die in dem Kind etwas irreversibel zerstört, sondern die grundlegend erschütterte Vorstellung von Erwachsenen als Vertrauenspersonen, ins Wanken gebracht durch ein Mitglied der eigenen Familie.
Der hiermit eingeschlagene Weg wird anschließend sogar noch durch eine zweite Phase der Vorgeschichte verstärkt. Danny Wagner übernimmt die Rolle der inzwischen 8-jährigen Hauptfigur, während das Drehbuch mit einer Zwischenepisode aus der Klosterschule weitere psychologische Erklärungsversuche liefert, unter anderem eine Schlüsselloch-Sequenz, mit der Sexualität tabuisiert wird. Der Knotenpunkt des für das Stalk & Slash so wichtigen Moments der Verwandlung wird weiter entzerrt und somit glaubwürdiger gemacht. Nebenbei wird mit der Mutter Oberin zudem eine wichtige Nebenfigur eingebaut, von Lilyan Chauvin markant in Tradition strenger, asexueller Aufseherinnen aus Internaten, Klosterschulen und Züchtigungshäusern verkörpert, um im Hauptakt langsam zum weiblichen Dr. Sam Loomis zu mutieren, den Donald Pleasence in „Halloween“ wie jemanden spielte, der seine eigene Schöpfung vor der Außenwelt zu beschützen hatte.
Robert Brian Wilson übernimmt dann im Hauptakt bereits die dritte (!) Verkörperung des nun bereits 18-Jährigen. Äußerlich macht er einen gesunden Eindruck, so dass man fast glauben könnte, er sei verstärkt aus dem Trauma seiner Kindheit hervorgegangen. Kaum blickt man in das freundliche Gesicht dieses Patrick Bateman Jr., freut man sich als Genre-Fan diebisch auf den Moment, in dem er seine wahre Gestalt zeigen wird. Dass ausnahmsweise mal kein alter, versoffener Widerling im Kostüm steckt, sondern ein normal aussehender Jugendlicher, lässt die Verkleidung um so unnatürlicher („falscher“) erscheinen und die Wirkung seiner Auftritte um so stärker. Nicht zuletzt wegen der vielschichtigen Vorbereitung der Figur, aber eben auch wegen Wilson (der zum Drehzeitpunkt fünf Jahre älter war als seine Rolle) baut dieser Weihnachtsmann eine durchaus furchterregende Präsenz auf.
Und dann wären wir auch endlich in der Welt der blutigen Morde und der barbusigen Schlüsselreize angelangt. Nicht, dass die Bildsprache je etwas anderes behauptet hätte, aber ja, dies ist mit Haut und Haar ein waschechter Schlitzerstreifen, einer der effektiven Sorte noch dazu. Es mag Horrorfilme mit intensiverer Weihnachtsatmosphäre geben, aber die im Mormonenstaat Utah abgefilmte Ödnis aus Eis und staubigem Nichts setzt eine ganz eigene Stimmung frei, die fast schon einem „Fargo“ nahe kommt.Charles E. Sellier, der sich im ersten Drittel noch recht linear durch die Lebensstationen der Hauptfigur manövrieren kann, verliert spätestens nach dem initialen Weihnachtsfeier-Massaker im Spielwarenladen möglicherweise ein wenig die Linie. Die Attacken werden danach ungeregelter, die Cops, wie zumeist viel zu schießwütig, nehmen auch mal aus Versehen den falschen Weihnachtsmann ins Visier. Einige Zwischenspiele sind nur lose oder gar nicht mit der Haupthandlung verbunden, sondern dienen nur dazu, weitere abgefahrene Gore-Momente einzubauen (Schlittenabfahrt). Das Interesse daran, wie es mit dem Werdegang des Amokläufers weitergehen mag, reißt aber selbst in dieser eher locker gestrickten Phase nie ab.
In letzter Instanz ein Verdienst des insgesamt sorgfältigen Aufbaus. Nicht in jeder Situation ist „Stille Nacht, Horror Nacht“ souverän, doch Fehler werden schnell verziehen, weil es eben nicht völlig egal ist, wer im Kostüm steckt oder was ihn zu seinem Handeln antreibt. Man sorgt sich ein Stück weit nicht nur um die Opfer, sondern auch um den Killer. Das unterscheidet ihn von seinesgleichen. Und dennoch sorgt ein ausgewogenes Verhältnis an dummen Figuren, Blut und nackten Tatsachen dafür, dass auch der Genre-Freund keine öde Charakterstudie für Filmstudenten vorfindet, sondern einen schamlosen Missbrauch des heiligen Weihnachtsmannkostüms, der auch nach der taufrischen De-Indizierung noch manchem Moralapostel die Zornesröte ins Gesicht treiben müsste.