Nun, da Weihnachten seit einigen Stunden zu Ende gegangen ist darf aufgeatmet, der geschenkte Scheiß reuelos umgetauscht oder bei Ebay verscherbelt werden und ein jeder wieder unapologetisch Arschloch sein, jetzt, wo die moralisch-religiöse Verpflichtung zur Freundlichkeit abgelaufen ist. Grund genug für mich, nach dem künstlerischen Psychothriller "Jessy - Die Treppe in den Tod" mit "Stille Nacht, Horrornacht" (von deutschen Urverleih horribel falsch "Horror Nacht" geschrieben) das ultimative Stück Kohle im Horrorfilmsocken nachzustopfen und den Geburtstag unseres Herren und Erlösers mit einem Prä - Silvesterknall ausklingen zu lassen.
Vorherige Kontakte mit dem Film? Minimal: der Trailer begegnete mir als Youtubefundstück öfter mal und Teil 2 ist ja mit der legendären "Garbage Day!" - Szene ohnehin schon zu Internetruhm gelangt und damit auch an mir nicht vorbeigegangen. Der Trailer wirkte auf mich damals 17-jährigen Genrefrischling einerseits durchaus verstörend, andererseits aber auch zu billig und uninteressant, um mich wirklich dazu zu bewegen, dem dazugehörigen Film nachsagen zu wollen. Aber gut, 17 Jahre später kann man ja mal einen Blick auf diese Verkettung ungünstiger Umstände auf allen Ebenen zu werfen.
Auf Storyebene bedeutet das, dass Weihnachten und der Katholizismus dir so richtig das Leben versauen können. Beweisstück des Filmes: Die Lebens - und Leidensgeschichte des kleinen Billy! Der musste nach einem Besuch bei seinem kathatonischen Psycho-Opa (Psychopa???), der kurzzeitig seiner Starre entspringen dem Kleinen eine Heidenangst vor Santa Klaus einrichtet, mit ansehen, wie ein rotweiß gewandeter Tankstellenräuber (rotweiß im Sinne Santas, nicht im Sinne Fortuna Düsseldorfs) seine Eltern abschlachtet und hat seitdem eine verständliche Abneigung gegen den bärtigen Sackträger mit dem Dauergrinsen hat. Sehr zum Unverständnis der Heimleitung des katholischen Waisenhaus, in der Billy auf Adoptiveltern oder schlimmeres wartet. Die will ihm sein Trauma mit einer erzwungenen Kuschelsession auf Santas Knie austreiben (fiese Symbolik, wenn man mal drüber nachdenken - brr, mir fröstelts!), was selbstverständlich Billies Phobien nur verstärkt. Als der Bub dann noch ein Pärchen beim Pimpern bespannt und nach einem heftigen Alptraum von der Oberschwester des Prügelnonnenkonvents ans Bett gefesselt wird ist der Weg in die Abwärtsspirale vorprogrammiert.
Der angeweichte Keks des jungen Mannes bröselt dann zehn Jahre später bei einem Betriebsfest seines neuen Arbeitgebers - eines schmierigen Spielzeughändlers - total auseinander. Billy, der zuvor vom Lagerarbeiter zum Ersatzweihnachtsmann befördert wurde wird durch die sexuellem Umtriebe seines Vorarbeiters und seiner Angeschmachteten so hart getriggert, dass ab nun alles und jeder in seinem Schwarzbuch landet und entsprechend abgestraft wird. Geben ist halt selbiger als nehmen und genau wie Glück mehren sich auch Traumata, so man sie denn teilt.
Auf Billies Amoklauf werden wir ganz nebenher ZeugInnen höchst individueller amerikanischer Weihnachtstraditionen wie dem feierlichen Sex auf dem Billiardtisch, Schlittendiebstahl unter grober Gewaltanwendung und der rituellen Schenkung blutiger Teppichmesser an brave Kinder. "Bitte was!?" Ja , richtig gelesen, all das passiert hier mehr oder weniger akkurat und nebenher fliegen Pappköppe von spätpubertären Schlittenfahrern durch die Gegend und tote Blondinen hängen barbusig an Hirschgeweihen aufgespießt von den Wänden. Unterdessen bangen Bullen und Nonnen um die Sicherheit der Stadt und um die zu gewährleisten schießt man in bester NYPD-Manier auch gerne mal unschuldige schwerhörige Pfaffen in Kostümierung nieder. Zu der und anderen Gelegenheiten zeigt der Film, dass hier der schwarze Humor vorherrscht.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Film aussieht wie eine ausgeartete Folge einer generischen Mittachtzigersitcom, Overacting, grelle Kulissen und Tonnen an Haarspray inklusive und in bester Kaufhausmanier von festliche Beliebigkeitspop beschallt. Ja, optisch ist das hier bei weitem kein Fest wie "Jessy", aber dem grantigen Stoff durchaus angemessen.
Grantig waren im Übrigen auch große Teile des US-Publikums: nicht nur ein Haufen dauerempörter christlicher Sittenwächter, sondern auch namenhafte Kritiker wie Roger Ebert zeigten sich von der Idee eines von Prügelnonnen herangezogen en mordenden Weihnachtsmannes so dermaßen angewidert, dass der Film nach zwei Wochen aus dem US-Kinos verschwand, weil sich mittlerweile ein durchaus beachtlicher Shitstorm zusammengebraut hat, der einfach nicht mehr abebben wollte. Für uns Deutsche in dem Maß vielleicht nicht begreiflich, aber im Selbstverständnis eines Landes, in dem der Weihnachtsmann noch vor Jesus, dem Präsidenten und den Gründervätern die ultimative moralische Instanz darstellt noch zu milde. Für Platz 8 der US-Kino Charts reichte es bei unseren amerikanischen Freunden trotzdem, während bei uns nach dem Direct to Video - Strich der Indexknast wartete.
"Stille Nacht, Horrornacht" ist, um mal einen Marx Brothers-Filmtitel zu gebrauchen "Blühender Blödsinn". Aber immerhin ist es kurzweiliger Blödsinn, der unterhält und mit gerade mal 84 Minuten auch keine Zeit für Längen bietet. Leute, die nach drei Tagen opulenten Speisens Heißhunger auf pappige Cheeseburger bekommen und denen es zum Nachspühlen nach zimmerwarmem Oettinger Export gelüstet könnten hier auf ihre Kosten kommen.