Review

Potter wird erwachsen – denn das Böse nimmt Gestalt an!

Gleich einmal vorweg: Ich finde Newells Verfilmung genial – stimmig, actionreich, kurzweilig.

Die Geschichte dürfte einer überwältigenden Mehrheit ohnehin bekannt sein. Wenn nicht aufgrund eigener Lektüre, dann zumindest als treue Kinogänger und Vertraute der ersten drei Teile. Das ist auch gut so, denn wer sich vollkommen unvorbereitet auf das Abenteuer einlässt, wird keine große Freude haben, die Vorgänge zu verstehen. Sei's drum, das liegt in der Natur von Mehrteilern, und selbst bei Erfolgen wie "Herr der Ringe" ist man ohne Vorkenntnis im dritten Teil verloren.

Zunächst fiel mir im Vorfeld bereits negativ die ganze Stimmungsmache gegen den Film als zu wenig originalgetreu auf. Vom objektiven Standpunkt kann ich jedoch nur meinen Hut davor ziehen, wie 734 Seiten der englischen Buchvorlage in einen schlüssigen und fesselnden Film verpackt wurden; dass dabei einige Details unter den Tisch fallen müssen liegt einfach in der Natur der Sache – und da Frau Rowling ja auch nicht auf den Kopf gefallen zu sein scheint, hat sie sich bei Zeiten ihr Mitspracherecht an den Drehbüchern zusichern lassen, woraus ich nun mal ganz tolldreist schließen werde, dass schon nichts Relevantes bei den Filmen ausgelassen wird. Meine Lektüre des Feuerkelchs liegt nun entsprechend des Erscheinens auch schon mehrere Jahre zurück, und ich habe bewusst darauf verzichtet, das Buch nochmals vor dem Kinogang zu lesen. Kino ist nun mal nicht Buch!

Aber jetzt zur Inszenierung: Nach der bildgewaltigen Präsentation der Quidditch-Weltmeisterschaft rückt das Böse auf den Plan. Vorbei die schönen Tage, wenn sich selbst die Sonne hinter regenschwangeren Wolken versteckt, um ihren Blick auf das drohende Unheil unter ihr abzuwenden. Düstere Stimmung? Aber sicher – der Vorteil von Bildern ist einfach, dass man sie sehen kann. Und wie kann man das Bevorstehen düsterer Zeiten besser präsentieren, als die anfänglich noch spärlich auf Hogwarts scheinenden Strahlen immer weiter versiegen zu lassen. Die rätselhaften Ereignisse, das Dark Mark Voldemorts und die Auftritte der Death Eaters tauchen das süße Schulleben dank Newell in visuell atmosphärische Tristess.

Doch das macht aus dem Film noch lange keinen Horrorstreifen oder Thriller, wie viele Kritiken es vermuten ließen. Denn die Gratwanderung des Abenteuers zwischen Dunkelheit und Licht, Ernst und Humor sowie Freud und Leid gelingt hervorragend. Dumbledore ist keineswegs zum kaltherzigen Schuloberhaupt geworden und auch Witz und Spaß kommen nicht zu kurz. Durch auflockernde Momente und Lichtblicke unter dem dunklen Zelt des heraufziehenden Bösen werden dem Zuschauer immer wieder Einblicke ins Schülerdasein gewährt, die Lebensmut und Zusammenhalt, Freundschaft und Treue als roten Faden der Hoffnung durch schwierige Zeiten ziehen. Zweifelsohne ist der Film anders als seine Vorgänger, doch das ist gut so. Hat bereits Cuarón im dritten Teil (für meinen Geschmack leider bedauerlich erfolglos) versucht, eine neue Stimmung zu schaffen und die Geschichte "anders" zu inszenieren als die ersten beiden Teile, so gelingt dies Newell erfreulich gut. Die Zauberwelt ist mittlerweile ja auch detailliert bekannt, und so schadet es in keiner Weise, sich mehr auf diejenigen Elemente zu konzentrieren, die eine Story weiter voranbringen ohne sich mit eher belanglosen Einzelheiten aufzuhalten.

Besonders erwähnenswert sind zudem Filmmusik und Spezialeffekte. Das Motiv John Williams wurde zwar zum Glück weiter beibehalten, aber in die Notenzeilen des Meisterkomponisten durfte der mir eher unbekannte Patrick Doyle treten, der musikalisch bereits bei "Bridget Jones" oder "Sinn und Sinnlichkeit" an die Feder durfte. Und er macht seine Sache richtig gut, wenn er auch dem Soundtrack neues Leben einzuhauchen vermag. Er verziert die Geschichte stimmungsvoll nicht nur mit klassischen Arrangements, sonder schlägt hier mal etwas rockigere Töne, da mal eher sphärisch-melodiöse Klänge an – doch alles passt, und der "Hogwart's March" in Bläserbesetzung ist mein kleines Highlight!
Ja, und effektemäßig bekommt der vierte Teil der Pottersaga endlich mal das wohlverdiente Budget zugeteilt. Mit einem Wort: überwältigend! Nachdem bereits die anfängliche Quidditchszenerie um Längen besser war als je zuvor, haut einen der Drachenkampf fast vom Kinosessel. Doch dabei verkommt die ganze Sache nie zur Effekthascherei, sondern unterstützt in seiner Dosierung die Story, anstatt sie zu erdrücken.

Und selbst zum Schluss noch weiß der Film zu überzeugen. Das Böse nimmt in schrecklich-schönen Bildern die Gestalt des genialen Ralph Fiennes an, der für mich neben Brendan "Mad Eye" Glesson (der Ire ist mir v.a. als Hamish in "Braveheart" noch in bester Erinnerung) die herausragendste schauspielerische Leistung im Feuerkelch vollbringt – ohne selbstverständlich die Talente unserer drei Freunde zu schmälern, die auch von Mal zu Mal besser agieren! Das Ende schließlich überrascht vorlagengemäß doppelt, und Newell-sei-dank verkommt es auch nicht zum Hollywoodschmalz.

Ergo: Der für mich beste Potterfilm (noch knapp vor Teil 2) überzeugt in fast allen Belangen und ist großartig inszeniert. Die wichtigsten und relevanten Storyelemente der literarischen Vorlage wurden gekonnt und stimmig umgesetzt und setzen der bisherigen Trilogie eine bildgewaltige Krone ohne schauspielerische Schwächen auf. Effekte, Sound und Erzählung – alles passt zusammen. Irgendwie wünscht man sich zwar insgeheim ein wenig mehr Quidditch am Anfang und ein wenig mehr Rita Skeeter in der Folge, doch unterm Strich bleibt ein Fantasy-Gruselabenteuer der Extraklasse. (9/10)

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