Ein kleiner nostalgischer Flashback vorneweg: Es müsste Anfang Dezember 2000 gewesen sein, als der Potter-Hype auf seinem vorläufigen Höhepunkt ankam; ich holte mir dann letztendlich auch den ersten Band, und was eigentlich als "mal kurz anlesen, um mitreden zu können" geplant war, entwickelte sich schnell zur Sucht. Die ersten drei Bände waren innerhalb von drei Wochen gelesen, unter dem Weihnachtsbaum lag zu meinem Glück der Vierte: "Harry Potter und der Feuerkelch", ein 750-Seiten-Wälzer, analog zur Potter-Hysterie auch das bis dato unbestrittene Highlight der Serie. Wenn ich da nur an den Auftakt, die Quidditch-Weltmeisterschaft, manche Aufgabe beim Trimagischen Turnier und vor allem den Schluss denke (die letzten 200 Seiten muss man fast zwanghaft am Stück lesen), läuft es mir immer noch eiskalt den Rücken runter.
Das Jahr 2006: Ich sehe den vierten Teil auf DVD, Regie führt dieses Mal Mike Newell, nicht mehr Alfonso Cuaron, der mit dem Vorgänger die Meßlatte ziemlich hoch setzte. Die Erinnerungen ans Buch sind noch immer präsent, als Newell gleich zu Beginn einen visuellen Rausch sondergleichen startet: Die Quidditch-WM ist wohl das bisherige optische Highlight aller vier Potter-Verfilmungen. Ein absoluter Bombast-Auftakt, der aber nur wenig später auch das offensichtliche Problem dieser Verfilmung offenbart: Das Buch hat zuviel Fülle für eine entsprechende 150minütige Umsetzung. Cuaron konnte dies im Vorgänger noch meistern, Newell hat damit phasenweise doch arge Probleme.
Sicher, er spart keine essentiellen Informationen aus, aber Charaktere wie Rita Kimmkorn, Igosr Karkaroff, Cho Chang und Barty Cruch kommen allzu kurz, andere werden gleich ganz ausgelassen. Wie sich die Hauptfiguren Harry, Ron und Hermine weiterentwickeln, dass sie langsam erwachsen werden, und es zu Spannungen unter ihnen kommt, wird nur sehr kurz behandelt, die aufflammende erste Liebe Harrys nur angedeutet.
Newell hat kaum Zeit, darauf einzugehen, denn der Fokus muss natürlich auf der Story liegen. Die ist zu komplex, um auf anderweitigen Nebenschauplätzen zu verweilen, wenn sie auch nicht so viele Wendungen schlägt wie der Vorgänger. Der Film drückt ordentlich aufs Tempo; wer das Buch nicht kennt, kann sich trotzdem prima unterhalten lassen, aber das an manchen Stellen wertvolle Hintergrundwissen fehlt natürlich.
Das schlägt sich in vielen Verständnisschwierigkeiten nieder: Was genau bei der Quidditch-Weltmeisterschaft geschieht, dürfte sich dem buchunkundigen Zuschauer kaum erschließen, die Wichtigkeit und Tradition des Trimagischen Turniers hingegen wird recht gut vermittelt. Vorlagengemäß ist das recht düster inszeniert, die Tricks sind brauchbar, werden aber manchmal unnötig lange zur Schau gestellt. Den Kampf Harrys gegen den Drachen in der ersten Runde hätte man beispielsweise kürzen können, um mehr auf die Charaktere einzugehen.
Die größte Gefahr lauerte für Newell aber im megaspannenden und im Buch genial konstruierten Showdown: Hätte er den vermurkst, die Potter-Jünger hätten ihn vermutlicht gelyncht. Wie nach den vorigen zwei Stunden zu erwarten war, ist die Umsetzung hier ebenfalls sehr gehetzt, aber die letzten 150 Seiten des Buches adäquat einzufangen, ist in 25 Filmminuten einfach nicht möglich. Atmosphärisch ist das jedoch wunderbar umgesetzt, die Maskerade und das Schauspiel Ralph Fiennes als Lord Voldemort mehr als gelungen (und für die kleinen Zuschauer sicher zuviel des Guten).
Die Stimmung bleibt dankbarerweise auch nach dem Finale sehr düster: Es gibt einen toten Turnierteilnehmer zu beklagen, Lord Voldemort ist endgültig zurück und in Anbetracht dessen stehen die Vorzeichen für unsere Helden auf Sturm. Selbst wenn Harry, Ron und Hermine am Ende wieder ein Herz und eine Seele sind und der Film mit einer schönen Schlusseinstellung schließt: wie schon der Vorgänger macht auch dieser vierte Teil ernst und trifft damit den Ton der Vorlage.
Bezeichnend für diese vierte Potter-Verfilmung ist die aus meiner Sicht gelungenste Szene, in der bei all der Hatz und Action ausgerechnet mal Innehalten angesagt ist. Die Rede ist natürlich vom Schulball. Gerade dort erfahren unsere Helden neue Charakterzüge, offenbaren sich typische pubertäre Schwächen wie Eifersucht und die Angst sich vor dem anderen Geschlecht zu blamieren. Newell ist für gewöhnlich ja sowieso ein Spezialist für romantische Komödien, was ihm in dieser (optisch mindestens genauso gelungenen) Sequenz sicher zugute kam.
Etwas mehr "Zurückfahren" hätte an anderen Stellen sicher nicht geschadet, aber der Buchumfang ist einfach zu gnadenlos, um das zu realisieren. Gegen eine zusätzliche halbe Stunde hätte ich nichts einzuwenden gehabt, wohl aber der Verleih. Das sind die Mechanismen des Geschäfts, und wenn die Kasse stimmt (und WIE die hier wieder gestimmt hat!) macht das die Studiobosse noch glücklicher wie den Potter-Fan. Viel kann man Newell also nicht vorwerfen, denn er hat auch den vierten Potter zu einem visuellen Rausch der Sonderklasse gemacht. Ich habe es jedenfalls wieder genossen, kann aber jedem nur empfehlen, zur Vertiefung das (erneut) bessere Buch zu lesen (falls das nicht sowieso schon jeder getan hat). Als Fantasyfilm sicher mehr als gelungen, als Umsetzung des bis dato besten Potter-Romans zumindest diskussionsürdig.