Review

In Amerika wurde dieser Film sehr unterschiedlich aufgenommen, viele loben ihn in den Himmel, andere finden ihn flach (siehe z.B. die Reaktionen auf imdb.com). Der Grund dürfte sein, dass die Stärken von "Lord of War" (im Folgenden "LoW") zugleich auch als Schwächen interpretiert werden können. Ich werde versuchen zu erklären, was ich meine, ohne den Plot vorwegzunehmen.

Ich persönlich habe den Film sehr genossen, dennoch hinterlassen gewisse Ambivalenzen einen Nachgeschmack, der eine 10er-Bewertung nicht zulässt.

Zunächst: der Film ist kein Kriegsfilm (auch wenn der Titel dies nahelegt), der Film ist auch keine allzu ernste Auseinandersetzung mit dem globalen Waffenhandel (wie einige Kritiken oder Inhaltsangaben nahelegen), er ist zuallererst Satire (vielleicht auch Humoreske, oder schlicht eine fiktive Lebensgeschichte mit satirischen/humoristischen Elementen). Wie jede Satire nutzt er reale Begebenheiten und Kontexte, er stilisiert und karrikiert Charaktere, auch trivialisiert er den Hintergrund (Waffenhandel) in bestimmten Hinsichten (spezifischer kann ich nicht sein, ohne auf die Handlung einzugehen, sorry).

Gleichzeit aber nutzt er diese Stereotypen (der böse wahnsinnige Tyrann, der moralisch angetriebene Ermittler - Ethan Hawke - sowie der unmoralische Waffenhändler - Nicolas Cage - dessen jüngerer, drogensüchtiger Bruder - Jared Leto (Drogensucht hat er in "Requiem for a Dream" ja fleissig darstellen gelernt ;-)) - der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt, etc.) nicht, um das typisch moralisierende Hollywood-Ende heraufzubeschwören (auch wenn der Regisseur Andrew Niccol Neuseeländer ist ;-) wäre es ja durchaus nach der "Truman Show" zu erwarten gewesen) .

Die Charaktere repräsentieren insofern schlicht Grundeinstellungen am Rande der möglichen Extreme, und bleiben diesen dankenswerter Weise auch treu (daher auch konsistent).

Die Bezüge zum realen Waffenhandel sind zwar vorhanden, werden aber oft nicht näher erläutert. Dass ein Waffenhändler Papiere fälschen, sowie wichtige Personen in der politischen Hierarchie kennen muss, die ihm in juristischen Grenzfall aus der Patsche helfen, ist wohl jedermann bekannt und erklärt die Mechanismen nicht wirklich. Auch auf die Ursachen der Konflikte, die den Rahmen bilden, wird nicht eingegangen, bzw. auf die Art und Weise der Verflechtungen der involvierten Staaten (UN/Nato-Länder/Dritte Welt Länder etc.). Insofern hätte der Stoff eindeutig mehr hergeben können, ist aber nicht wirklich notwendig für die Handlung.

Andererseits ist "LoW" eben Satire. Es gibt skurile Eigenschaften der Charaktere, die einige Szenen beinahe grotesk werden lassen und immer wieder signalisieren: "Dies ist keine Dokumentation!" Deshalb ist es auch nicht so schlimm, dass fiktive und stilisierte Gestalten in teils realhistorischen (Zerfall der Sowjetunion) und teils fiktiven Konflikten (in Afrika) agieren. Dennoch lebt der Film durch einige Schockelemente (Kinder werden erschossen, Frauen zerhackt), die sehr real wirken und tragischer Weise tatsächlich auf unserem Globus täglich geschehen. Ich bin dankbar, dass die Kammera meist ausblendet bevor die Kugel etc. ihr Ziel erreicht.

Nun kann man die Frage stellen, ob es legitim oder angemessen ist, ein solches Thema satirisch zu behandeln. Dazu ist dreierlei zu sagen: 1) Es gibt in der Filmgeschichte hervorragende und gelungene Beispiele, dass es möglich und vielleicht sogar erwünscht ist. Wer würde gern Kubricks "Dr. Strangelove" oder Lubitschs "Sein oder Nichtsein" missen? Im Unterschied zu diesen Filmen lebt "LoW" jedoch nicht durch Klamauk-Humor, sondern ist etwas stiller; 2) Die Satire macht das Unerträgliche darstellbar. Wie oben erwähnt, ist man in "LoW" gelegentlich dankbar dafür, nach harten Szenen lächeln zu dürfen; 3) Der Film ist eben allererst ein Kinofilm. Als solcher kann er zum Denken anregen, Situationen ins Bewusstsein heben etc., aber ist nicht der Darstellung der Wahrheit im Detail verpflichtet. Dadurch, dass nicht herumgeblödelt wird, nähert sich die Darstellungen von Realtität und Fiktion jedoch gelegentlich an (trotz aller Stereotype) - sodass man sich fragen könnte, was die Geschichte nun eigentlich will, wenn nicht moralisieren. Die Gefahr der stillen Satire.

Ethan Hawke, Nicolas Cage, Ian Holm etc. sind wie zu erwarten überzeugend in ihrer Darstellung. Einige der Randcharaktere hätten vielleicht ein wenig mehr Substanz im Skript vertragen wie z.B. Bridget Moynahan (Frau seiner Träume) und Jared Leto, auch wenn ihre Darstellung ok ist.

Die manchmal etwas zu hollywoodtypischen markigen Sprüche sind vielleicht nicht jedermanns Sache, passen meiner Meinung nach jedoch in den Film. Die Einblendung zum Schluss (wer den Film schaut, wird wissen welche ich meine), ist jedoch ein bisschen zu einfach und ist mitverantwortlich für den leicht faden Beigeschmack - ebenso wie die leichte Flaute in der Mitte des Films, die wohl dadurch mitverursacht wird, dass der Erzählcharakter des Films (Cage erzählt das Leben seines Figur Yuri, und leitet als VoiceOver oft über zu weiteren Sequenzen) sich etwas abnutzt im Laufe des Films, bzw. in einigen Fällen auch störend wirkt.

Technisch gesehen gibt es an dem Film nicht viel zu bemängeln. Im Gegenteil. Es gibt einige grandiose Kamerafahrten (insbesondere freilich die Eröffnungssequenz), gute Fotografie und gelungene Schnitte, die ihre Funktion stets erfüllen. Ein passender Soundtrack, dessen Kollektion zwar nicht gerade wahnsinnig originell ist, der aber an einigen Stellen ebenfalls komische Elemente in sich birgt, machen den Film rundum genießbar, solange man eben keine Dokumentation oder allzu tiefen Analysen bezüglich des internationalen Waffenhandels erwartet.

Zu leise für Hollywoodaction, zu laut für Autorenkino: Wer eher asiatisches oder kontinentales Kino bevorzugt, wird vielleicht seine Probleme mit ihm haben (Wirkung von Humor und Stereotypen läßt sich schwer vorhersagen), sollte ihm aber eine Chance geben.

Details
Ähnliche Filme