Review

Lange Zeit hat man von Andrew Niccol nichts mehr gehört, was wohl auch daran lag, dass sein vorangegangener „S1m0ne“ weitestgehend ignoriert wurde. Dem „Gattaca“ – Regisseur wehte bereits in der frühen Entwicklungsphase seines aktuellsten Projekts heftiger Wind entgegen, denn angesichts der provokativen Aussagen seines Skripts wollte sich (vermutlich) kein U.S. - Major-Label die Finger an „Lord of War“ verbrennen, weswegen letztlich ausländische Investoren in die Bresche sprangen und die nötigen 50 Millionen Dollar aufbrachten, bis sich dann zumindest Lions Gate, für Nischenware bekanntlich immer zu haben, zu einer amerikanischen Kinoauswertung entschloss. Wohl auch dank negativer PR seitens der Waffenlobby wurde daraus zwar kein Hit (das halbe Budget wurde gerade einmal eingespielt), aber ein Film, der immerhin keine Kompromisse einzugehen braucht.

Denn Niccols „Lord of War“ ist eine bissige Satire, die zwar vornehmlich die internationalen Waffenhändler aufs Korn nimmt, nebenher aber auch noch peitschende Seitenhiebe auf die U.S.A. und die U.N. verteilt.
Szenenweise absurd und comichaft überzogen, lässt Yuri Orlov (Nicolas Cage, „The Rock“, „Windtalkers“), seines Zeichnens gefragter, global operierender Waffendealer, tief in ein lukratives Geschäft blicken, an dem unglaublich viel Blut klebt und in dem klare Regeln gelten.
In den Siebzigern floh er, als Jude getarnt, mitsamt seiner Familie aus der Sowjetunion, respektive Ukraine, und fand in Little Odessa (New York) eine neue Heimat. Sein dortiger, erster Kontakt mit der tödlichen Wirkung einer Waffe in einem Restaurant soll dem ziellosen Emigranten endlich einen Lebenssinn bescheren: Du machst ein Restaurant auf, um ein Grundbedürfnis des Menschen, das Essen, zu befriedigen. Mit den Waffen ist das sehr ähnlich...

Nicolas Cage spielt den von Waffen faszinierten Yuri Orlov mit der geboten lässigen Haltung, als hätte er sein Leben nichts anderes gemacht. Ganz nüchtern stiehlt er sich aus der Verantwortung, in dem er sich simpel sagt, er liefere die Waffen ja nur - andere drücken ab. Wenn er nicht mit ihnen handeln würde, würde es jemand anderes tun. Wozu als Bedenken und Gewissensbisse?
Orlov ist ein wahrer Pragmatiker und schlitzohriger, mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann, der seine ganz eigene Sicht der Dinge hat und seinen Job auf das Natürlichste der Welt reduziert, mit polarisierenden Fakten ganz selbstverständlich das erstaunte Publikum konfrontiert und sich darüber hinaus, obwohl er sich seines illegalen Handelns bewusst ist und ihm der Interpol-Agent Jack Valentine (Ethan Hawke, „Gattaca“, „Training Day“) im Nacken sitzt, nie aus der Ruhe bringen lässt. Er ist der professionellste Profi in einem Geschäft von Profis.

Andrew Niccols Drehbuch ist vor allem in den ersten zwei Dritteln richtig gut: Zynisch, ätzendend sarkastisch, scharfzüngig und darüber hinaus sehr informativ. Der in Neuseeland geborene Filmemacher arbeitete während der Dreharbeiten tatsächlich mit echten Waffenhändlern zusammen, lieh sich Panzer, Hubschrauber und Militärtransporter von ihnen, um aufgrund seines knappen Budgets überhaupt mit seinem Projekt zurande zu kommen, ließ sich beraten und informierte sich über ihre „Szene“. Dass seine Offenlegungen in gewissen Kreisen wenig Freude hervorgerufen werden, ist klar, zumal Niccol sich seinem Ziel sehr bewusst scheint und kein Blatt vor den Mund nimmt.

Dieser Enthusiasmus für den eigenen Stoff soll sich dann auch in der einfallsreichen Inszenierung widerspiegeln, denn zusammen mit Edel-Kameramann Amir M. Mokri („Coyote Ugly“, „Bad Boys II“) bettet er seine Ideen in einen sehr schicken Look mit vornehmlich blauen und grünen Farbfiltern, die die Optik auf Hochglanz bürsten.
Die Bilder unterstreicht er derweil mit Songs wie „Money (That's What I Want)“ (Flying Lizards) oder „Cocaine“ (Eric Clapton) in den richtigen Momenten, um zusätzlich noch einen ironische, augenzwinkernde Fußnote zu setzen. „Lord of War“ ist auch deswegen ein sehr spezielles Filmvergnügen, bei dem Aufmerksamkeit belohnt wird.
Allein das aberwitzige Filmintro, das den Lebenslauf einer Patrone von der Entstehung in der Fabrik bis zum Abschuss aus einem Maschinengewehr und letztlich den Einschlag in den Kopf eines afrikanischen Kindes zeigt, mit seinem bitteren Beigeschmack lohnt den Kinobesuch beziehungsweise den Griff zur DVD.
Von einer Kamerafahrt durch ein Meer von Patronenhülsen bis zu einer schier unendlichen Reihe von Panzern aus Sowjet-Zeiten, die mit Mengenrabatt verhökert wird, kristallisieren sich immer wieder immens beeindruckende, teilweise surreal anmutende Bildmontagen heraus, die sich nachhaltig einbrennen.

„Lord of War“ erhebt trotz seines ersten Themas nie den moralischen Zeigefinger, sondern findet einen leichtfüßigen Weg die offensichtliche Kritik mit einer sehr unterhaltsamen Handlung zu kombinieren und großzügig dosierten Hohn und Spott auszuschütten. Besonders Afrika und seine grausamen Bürgerkriege unter dem blutgetränkten Mantel der Freiheit haben es Niccol so sehr angetan, so dass er dorthin immer wieder zurückkehrt.

Der Werdegang von Yuri, der mit dem Verkauf einer Uzi beginnt, hält neben internationalen, Waffenmärkten, auf denen sich eifrige Geschäftsmänner ganz selbstverständlich wie auf einem Basar tummeln und die Ware mit Effektshows und Bunnys angeboten wird, auch die Kriegsgebiete parat, denn Naturtalent Yuri hat, schnell aufsteigend, bald bei fast jedem wichtigen Konflikt die Finger mit ihm Spiel. Er beliefert die Afghanen im Kampf gegen die Russen und meint dabei übrigens, dass er nie mit Osama Bin Laden gehandelt hat, was für ihn aber keine Frage der Moral war, sondern ganz einfach weil dessen Schecks immer platzten. Drogenhändler und Warlords sind ihm allerdings die liebsten Kunden, weil sie ehrliche Geschäftsmänner sind und pünktlich zahlen. Der Mann, der zu Beginn seiner beruflichen Karriere noch von den U.S. – Streitkräften in Krisengebieten zurückgelassene Waffen kiloweise verkaufte, verfügt schnell über finanzielle Mittel, die ihm erlauben einen Frachter nebst Antonow einzusetzen. Bald ist er mit afrikanischen Diktatoren per Du, die Jugendliche mit Kalashnikovs ausstatten, und geht bei ihnen ein und aus. Nie kann Interpol ihm etwas nachweisen.
Seinen beruflichen Höhepunkt erlebt er allerdings mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als er die Gunst der Stunde nutzt und in den Osten reist, um dort einen General zu bestechen, der ihm Restbestände der Sowjet-Armee in Hülle und Fülle zu Dumping-Preise verkauft, was zur Folge hat, dass Yuri endlich Simeon Weisz (Ian Holm, „From Hell“, „The Day After Tomorrow“), den Meister seiner Zunft, aussticht. Eine besondere Genugtuung für ihn, behandelt Weisz ihn bei seinem beruflichen Einstieg doch wie einen dummen Jungen.

Yuris erfolgreicher Werdegang wird von Andrew Niccol lange Zeit denkbar gut gelöst, bis der Film im letzten Abschnitt einen leichten, qualitativen Abbruch erleidet.
Denn Yuris Ehe mit der gescheiterten Schauspielerin Ava Fontaine (Bridget Moynahan, „The Recruit“, „I, Robot“), aus der auch ein Sohn resultiert, wird lange Zeit nur nebensächlich behandelt und hat eigentlich auch keinen Einfluss auf den Verlauf des Films, soll dann aber Yuris Schicksal bestimmen, als Valentine sie mit dem Job ihres Mannes konfrontiert, nach dem sie wohlwissend nie weiter gefragt hat. Ihre Neugier bringt Yuri dann letztlich in die Bredouille, obwohl ihm bis dato nie etwas nachzuweisen war.
Auch das Verhältnis zu seinem Bruder Vitaly (Jared Leto, „Switchback“, „Urban Legend“), mit dem er anfangs noch das Geschäft führt, der später aber den Drogen verfällt und im Gegensatz zu Yuri ein Gewissen hat, bleibt nur oberflächlich ausstaffiert und die Entsorgung der Pistole seines Sohnes lässt nur kurz eine andere Seite von Yuri aufflammen, der sich sonst ambivalent zwischen dem Handel mit dem Tod und seiner liebevollen Familie bewegt. Aber hier geht es ja eigentlich nicht um Yuri, sondern um den Handel mit tödlichen Waffen auf globaler Ebene. Niccols Intention gerät hier etwas aus den Fokus, doch zum Schluss fängt er sich dann wieder.
Eine Reduzierung der Nebenfiguren wäre deswegen ratsam gewesen, weil ihr späteres Handeln zwar direkten Einfluss auf Yuri nimmt, aber gar nicht mehr so wichtig scheint, zumal er, als er zum ersten Mal selbst einen Menschen tötet, in seinen delirischen Rausch mit den eigenen Dämonen konfrontiert wird und letztlich dennoch nicht aufhören kann das zu tun, was er am besten kann – Waffen verkaufen.

Die genauen Mechanismen des internationalen Waffenhandels behandelt „Lord of War“ mit letzter Konsequenz dann leider nicht, denn er ist alles in allem, trotz seines bissigen Grundtenors ein Film der unterhalten soll und nebenbei, wenn es sich anbietet, auch ein paar bittere Pillen der Realität mit einwirft.
Die Fälschung von Papieren von Waffentransporten, das Umgehen von Embargos, die Zweckentfremdung von Materialien, die ursprünglich für humanitäre Einsätze bestimmt waren, und letztlich die insgeheime Unterstützung solcher Geschäftsmänner durch die Regierung beziehungsweise das Militär zeigt der Film aber auf.
Insgesamt betrachtet ist das Thema wohl auch zu komplex, um es in einen 120minütigen Kinofilm zu quetschen. Niccols eingeschlagener Weg ist deswegen auch weitestgehend der richtige.

Nichtsdesotrotz hat „Lord of War“ Klasse. Besonders die bizarren Momente, und davon gibt es einige, haben einen überaus eindringlichen Charakter: Als sich beispielsweise Yuri und der Liberia - Warlord Andre Baptiste zu „Hallelujah“ von Jeff Buckley ein letztes Mal in die Augen schauen und dann auch ihr falsches Handeln verstehen, macht sich Gänsehaut breit.
Niccol beweist öfter sein Händchen für beeindruckende Bildmomente und inszeniert versiert und souverän auf „Gattaca" - Niveau. Bleibt die Frage, warum der Mann so einen niedrigen Output hat.

Der Ausgang lässt den Zuschauer dann ohnmächtig und mit der Gewissheit zurück, dass hinter diesen Waffenhändlern einflussreiche Männer in wichtigen und einflussreichen Politpositionen sitzen, die auch nach diesem Film weiterhin Konflikte schüren werden, um den eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Denn Kriegstreiberei wird von oben initiiert, die Waffenhändler sind nur ein Katalysator. Das soll diese Männer nicht gut heißen oder gar verteidigen, aber ihren gar nicht so hohen Stellenwert innerhalb der Weltpolitik klarstellen. Wenn man so will, sind es Schmarotzer, die sich von den skrupellosen Plänen der Mächtigen dieser Welt ernähren.


Fazit:
Groteske, zynische Satire um den Aufstieg Yuri Orlovs vom ukrainischen Emigranten zum größten Waffenhändler der Welt. Andrew Niccol macht als Autor und Regisseur einen erstklassigen Job, wobei ein tieferer Blick in die Szene natürlich interessant gewesen wäre, sich aber kontraproduktiv auf den Satire-Charakter von „Lord of War“ ausgewirkt hätte. Mit seinen knapp zwei Stunden geht dem Streifen zum Schluss ein wenig die Puste aus, weil Orlovs familiären Probleme sich nicht so recht in die Handlung integrieren wollen, ansonsten darf der Zuschauer sich hier allerdings über freilich sehr provokant polarisierend vorgetragene Fakten, eine ehrliche Grundierung des Themas, aberwitzige Situationen und richtig gute Monologe des pragmatisch und gewissenlos handelnden Nicolas Cage freuen. Mehr von diesen gelungenen Kombinationen aus ambitionierter Wahrheit, nachhaltig zum Nachdenken anregenden Bildmontagen und treffsicherer Unterhaltung.

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