Review

Dieses Jahr wird es wohl politisch-kritisch in Hollywood: Bald startet „Syriana“, „Jarhead“ und „München“ liefen bereits und mit einiger Verspätung kommt auch „Lord of War“ in die deutschen Kinos.
„Es gibt rund 550 Millionen Waffen auf der Welt, demnach trägt quasi jeder zwölfte eine Waffe mit sich rum. Die Frage ist nur: Wie bewaffnet man die anderen elf?“ Mit diesen Worten begrüßt Waffenhändler Yuri Orlow (Nicolas Cage) den Zuschauer. In Verbindung mit der Creditsequenz, die aus der Perspektive einer Patrone deren Lebensweg von Fertigung bis hin zur Benutzung zeigt, erweist sich „Lord of War“ schon in den ersten Minuten als extrem bittere Satire auf das Waffengeschäft.
Mit Yuri als Off-Erzähler folgt man nun dem Lebensweg von Yuri, der als ukrainischer Immigrant in Brooklyn zu Geld kommen will, indem er Waffen verkauft. Nach anfänglichen Straßenverkäufen steigt es ins „richtige Geschäft“ ein: Die Belieferung von Kriegsparteien…

Von da an folgt man Yuri zu den wichtigsten Stationen seiner Karriere, sieht wie er anfangs mit seinem Bruder Vitaly (Jared Leto) zusammenarbeitet, den Agenten Jack Valentine (Ethan Hawke) ein ums andere Mal austrickst und seine Traumfrau, das Model Ava Fontaine (Bridget Moynahan), erobert – ohne ihr je zu erzählen, was er wirklich beruflich macht. Dabei springt Regisseur Andrew Niccol zwar zeitlich etwas sehr stark (z.B. kommt Yuris erster Besuch auf einer riesigen Waffenmesse schon kurz nach seinem ersten Straßenverkauf von Uzis), doch trotzdem wirkt „Lord of War“ nie wie Stückwerk und die Auslassungen scheinen nie etwas Wichtiges unter den Tischen fallen zu lassen.
Auf makabere Weise ist es ziemlich amüsant, wenn Yuri auf seine kalte, berechnende Art vom Geschäft mit dem Tod erzählt. Ihn interessiert nicht, wer stirbt, sondern nur wie viel Profit das Ganze bringt, sodass seine Kommentare zum Geschäft oft in Kontrast zu den blutigen Bildern stehen. Auch auf filmischer Ebene bringt Andrew Niccol den beißenden Spott entsprechend rüber, z.B. wenn das Geräusch eines schnappenden AK-47 Verschlusses in den Sound einer Registrierkasse überblendet. Doch trotz seiner höchst amoralischen Art wirkt Yuri trotzdem sehr sympathisch, dass man sich freut, wenn der an sich hoch idealistische Valentine stets den Kürzeren zieht, wenn er Yuri verhaften will.
Doch wie es sich für eine gute Satire gehört, bleibt dem Zuschauer auch bei „Lord of War“ oft das Lachen im Halse stecken. Yuri mag zwar versichern er liefere nur, die anderen wären, die sich umbringen würden, und er wenn er nicht wäre, dann würde es jemand anders es machen, doch angesichts der Menge von Tod und Krieg um ihn herum, wirkt das Ganze wie eine Ausrede, wie man bald erkennt. Gleichzeitig wird auch gezeigt wie das Geschäft Yuri immer weiter verändert und er vor allem auf menschlicher Ebene Verluste erfährt, von denen der Verlust der Achtung seiner Familie noch der geringste ist. Besonders bitter ist die finale Pointe, die vor allem im realistischen Kontext zum Nachdenken anregt.

So besitzt „Lord of War“ nur im Detail Schwächen, denn trotz des spritzigen Tons und der bitteren Kritik gibt es gelegentlich kleinere Längen (z.B. bei Yuris drogenberauschter Odyssee durch die Nacht), die den Filmfluss etwas bremsen. Sehr mutig hingegen ist das Ende des Films, das keine Schönfärberei begeht und den Zuschauer mit einem recht pessimistischen Bild entlässt.
Nicholas Cage geht in der Titelrolle geht auch voll und ganz und spielt mal wieder ganz groß auf, doch auch die Supportcast ist fantastisch. Ethan Hawke als Idealist ist fantastisch (vor allem in der Verhörszene gegen Ende), Jared Leto als Yuris Bruder ebenfalls und auch Bridget Moynahan besteht inmitten der Männerriege ohne Probleme. In einer Nebenrolle mischt auch Ian Holm als Vertreter der älteren Waffenschiebergeneration mit.

Bleibt ein bitterer, auf unaufdringliche Weise moralischer Film über einen höchst unmoralischen Menschen – trotz kleinerer Längen eine sehr treffende, beißende Satire mit tollen Schauspielern.

Details
Ähnliche Filme