Review

Lord of War ist ein schwieriger Film - und zwar deshalb, weil er so einfach ist. Er behandelt gleichzeitig ein komplexes, bitterernstes Thema, ist dabei aber keine Dokumentation, sondern ein äußerst unterhaltsamer Spielfilm. Einer, der mit knackig kurzen, markanten Sätzen, lockerer Musik und mit bösem Augenzwinkern inszenierten Bildern eine Satire schafft, die - genau wie der Hauptcharakter, der Waffenhändler Yuri Orlov - ohne große Reibung durch die kantige, rostige Kriegswelt schwebt und den Zuschauer mit einem seltsamen Gefühl zurücklässt - Abscheu und Begeisterung. Passt das überhaupt zusammen?

Sehen wir kurz nach. Trotz aller wunderbaren Hintergrundrecherchen konzentriert sich der Film auf den Aufstieg (ja, und auch auf den Fall; dazu gleich mehr) des obigen Waffenhändlers. Dies geht natürlich etwas zulasten der Authentizität dieses Werkes, schließlich geht damit ein ganzes Stück des pseudodokumentarischen Anspruchs verloren - ganz einfach, weil anhand der Lebensgeschichte dieser fiktiven Person die tatsächlichen Fakten und Geschehnisse in eine zurechtgebogene, unterhaltsame, gewissermaßen leicht(er) konsumierbare Form gebracht werden.
Dies ist gleichzeitig die große Stärke des Films. Denn bei all dem Blut, dass die ganze Zeit über fließt (der allergrößte Teil davon natürlich nicht sichtbar), ist die geradezu lockerleichte Inszenierung dieser Satire so unterhaltsam, dass sich der Zuschauer (so er denn zur Reflexion fähig ist) fragt, ob das gerade Gesehene mit der eigenen bösen Begeisterung in Einklang gebracht werden kann. Wenn Orlov mit meisterlichem Geschick und (meistens) unglaublicher Coolness den Fahndern entkommt, sich mit einem eigentlich unberechenbaren, brutalen Diktator anfreundet und trotz aller Widrigkeiten seine Ziele erreicht, kommt Sympathie für ihn auf. Ja, dieser Film spielt in seiner blendenden Darstellung mit diesem Reflex des Zuschauers, der im selben Moment bemerkt, wem er da eigentlich gerade im Stillen zu dessen Meisterleistung applaudiert hat.

Die Antwort also auf die Frage, ob Abscheu und Begeisterung zusammenpassen: Jein. Man kann sie zusammen zeigen, beide evozieren, trotzdem aber stehen sie im ständigen Widerstreit. Und deshalb funktioniert Lord of War. Das ist es, was ihn als Satire so glänzend funktionieren lässt, ohne zur reinen Unterhaltung oder zum moralischen Zeigefinger zu werden. Nur an seinem Schluss gerät er in die Gefahr, von seiner treffsicheren Schiene abzuweichen (wir kommen nun zum vorhin versprochenen "Fall" des Herrn Orlov). Um zu zeigen, dass auch Waffenhändler nicht ganz ohne Spuren davonkommen und auch seine bis dahin allzu perfekten Erfolge auszugleichen, kommt es für den "Händler des Todes" recht hart: Sein Bruder, den er zu einem Waffendeal überredete, stirbt im Versuch, die Waffen zu vernichten, seine Frau und Kind verlassen ihn, seine Familie verachtet und verstößt ihn. All diese Geschehnisse sind nur die Kulmination der mit dem Geschäft zwangsläufig einhergehenden moralischen Verrohung. Das geschickte Lügengerüsts Orlovs, das ihn selber glauben lässt, dass seine Handlungen eigentlich gar nicht so böse sind, bricht zwar bis zum Schluss nicht ein, lässt aber sein Umfeld stürzen. Nur er selbst steht auch ganz am Ende noch in der verschossenen Munition, die den gesamten Boden bedeckt und geht weiterhin seinem Geschäft nach.
Gerade, wenn der Wechsel ins echte Drama droht (dieser hätte dem Film die bissige Wirkung genommen), dreht der Schluss mit dem weiterhin voll aktiven Waffenhändler, der ohne zu zögern seinem Handwerk nachgeht, die Stimmung und hält die Kraft des Films aufrecht, ohne die (insgesamt eher oberflächlich behandelten) emotionalen Schicksale gänzlich auszusparen.

Das Kunststück, ein Gefühl für den globalen Zusammenhang, eben den internationalen Waffenhandel zu geben, ohne dabei zu sehr die Bodenhaftung zu verlieren, vollbringt der Film mit sehr einprägsamen, zugespitzten Bildern: Wenn zu Anfang etwa der Weg der Kugel von der neutral wirkenden, alltäglichen Produktionsanlage bis schließlich in den Kopf eines Kindes verfolgt wird oder - die für mich eindrucksvollste Szene - Orlov nach einer Zwangslandung mitten in der Savanne, um seine illegale Ladung zu löschen, die umherstehenden Menschen zu sich ruft und wie der Weihnachtsmann Granaten, AKs und Raketenwerfer verteilt.
Man mag dem Film natürlich vorwerfen, zu oberflächlich aufgebaut und allzu stark auf prägnante Phrasen versessen zu sein; allerdings bleibt er dabei (zum größten Teil) sehr originell und verfehlt gerade durch diese Aufmachung seine Wirkung nicht. Im Gegenteil, Lord of War ist äußerst beeindruckend und hinterlässt neben aller Unterhaltung einen bitteren Nachgeschmack. Wie uns die Geschichte Yuri Orlovs zeigt: Waffenhändler sterben nie.

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