"Es befinden sich weltweit über 550 Millionen Schusswaffen im Umlauf. Das heißt, auf diesem Planeten hat jeder zwölfte Mensch eine Schusswaffe. Das führt zu der einen Frage: Wie bewaffnet man die anderen elf?"
Nach einer erlebten Schießerei der Russenmafia fühlt sich Yuri Orlov (Nicolas Cage) zu höherem berufen. Statt der Gastronomie wendet er sich dem Waffenhandel zu. Die ersten Geschäfte laufen gut, ergeben aber nicht die von ihm gewünschte Ausbeute. Somit beschließt er mit seinem Bruder Vitaly (Jared Leto) international tätig zu werden. Während Vitaly von Gewissensbissen geplagt in die Drogensucht abrutscht, entdeckt Yuri sein Talent in der Waffenschieberei. Er transportiert ganze Schiffsladungen mit Waffen und Munition in den Ostblock und nach Afrika, ohne entdeckt zu werden. Selbst dem hartnäckigen Interpol-Agenten Jack Valentine (Ethan Hawke) kann er durch Kenntnis der Gesetze und deren Schlupflöcher immer wieder ein Schnippchen schlagen. Parallel baut er sich ein normales Leben auf, heiratet die schon seit Kindheit verehrte Ava Fontaine (Bridget Moynahan) die von seinem geschäftlichen Unternehmen nichts weiß. Allerdings soll seine Glückssträhne nicht ewig halten, denn obwohl das Ende des Kalten Krieges sämtliche Pforten der Kasernen in Russland öffnet, wird Yuri mit immer besser werdender Überwachung konfrontiert und handelt mit immer skrupelloseren Diktatoren oder selbsternannten Freiheitskämpfern. Eines Tages muss er sich zwischen Familie und Geschäft entscheiden.
"Lord of War - Händler des Todes" wirkt wie einer der üblichen, politischen Anprangerungsfilme. Doch im Gegensatz zu einigen gut gemeinten Werken, behandelt dieser Film das Thema Krieg, Waffen und Unmenschlichkeit auf eine sehr persönliche Art und Weise, bei der sich ein jeder etwas weltoffenerer Zuschauer in seiner Menschlichkeit und Güte sofort angesprochen fühlt und mit leichtem Entsetzen den Abspann sichten dürfte.
Andrew Niccol ("Gattaca") präsentiert vor realem Hintergrund eine erschreckende Geschichte um Waffenschiebereien, die durch ihre provokante und brisante Thematik lange Zeit keine Investoren fand. Völligst unabhängig amerikanischer Mittel wurde das zynische Kriegsdrama finanziert und lässt die USA neben anderen Ländern der Vereinten Nationen nicht besonders gut dastehen.
Bereits die Eröffnung von "Lord of War - Händler des Todes" hat sich Regisseur Andrew Niccol gut überlegt. Nach obrig ausgesprochenem Zitat verfolgt die Kamera den Lebenslauf einer Patrone. Von der Herstellung in einer Fabrik, über Kontrollinstanzen, bis zum laden in ein Gewehr und schlussendlich dem treffen des Kopfes eines Jungen, beispielhaft unterlegt zum Antikriegslied "For What It's Worth" von Buffalo Springfield. Die Aussage des Films wird bereits hier unbarmherzig deutlich und legt nahe, wie unschön und realitätsnah die nächsten zwei Stunden sein werden.
Durch die Erzählung der Geschichte von Yuri selbst, bleibt die Handlung spannend bis zum Schluss. Im halbdokumentarisch Stil erklärt der Waffenhändler akribisch Details von Schusswaffen, politischen Verhältnissen und den Tricks Waffenembargos zu umgehen.
Dass es dabei nie langweilig wird, verdankt "Lord of War - Händler des Todes" seinen satirisch bis bitterbösen Tönen. Wo sonst findet man eine aus Kokain skizzierte Ukraine? Unterhaltung und Information mischen sich zu einer perfekten Pseudo-Dokumentation, die auf tatsächlichen Ereignissen basiert. Gerade diese Tatsache hinterlässt zum Schluss einen bitteren Nachgeschmack, der zum geforderten nachdenken anregt. Erstaunlich ist dabei, dass der Film zu keiner Zeit wirklich Partei ergreift und seine Figuren stets grau zeichnet.
Der politische Hintergrund ist realitätsnah. Alle im Film gezeigten Lieferungen gehen in tatsächliche Krisengebiete. Von dem drogenfinanzierten Contra-Krieg über die Unterstützung des Bürgerkriegs im Libanon bis zu den westafrikanischen Konflikten, die über Blutdiamanten abgewickelt werden, sind auch die Zahlungsmittel weitestgehend glaubwürdig. Der gewaltige Ausverkauf und Diebstahl der Restposten der Sowjetischen Armee stellt dabei den Kernpunkt dar und wird entsprechend drastisch geschildert.
Da "Lord of War - Händler des Todes" in die Sparte der Dramen gehört, sind Actionelemente rar gesäht, die wenigen enthaltenen allerdings fulminant umgesetzt. Es sind aber insbesonders die aufwendigen Kamerafahrten und Zeitraffer sowie Farbsättigungselemente, die den Film zu einem visuellen Ereignis machen. So wird die Zerlegung eines Frachtflugzeuges in Afrika unter der Bemerkung "Man parkt seinen Wagen ja auch nicht in der dunkelsten Ecke der Bronx." zu einem der Höhepunkte. Ebenso befindet sich das Geschehen und die Musik im Einklang. Man nehme dabei das Beispiel der Offenbarung einer Lüge zu Leonard Cohens "Hallelujah".
Die Besetzung ist vorbildlich und figurenbezogen charismatisch. Nicolas Cage ("Knowing", "Next", "Windtalkers") ist ohnehin ein bemerkenswerter Schauspieler und fällt in den wenigsten Fällen aus der Reihe. Als Händler des Todes ist er das Zugpferd des Dramas und spielt seine Figur, egal ob als wegsehender Kaufmann oder sich auf einem Trip befindend, glaubwürdig. Aber auch die weiteren Nebenrollen sind mit Jared Leto ("Panic Room", "Fight Club"), Bridged Moynahan ("I, Robot"), Ian Holm ("Herr der Ringe"-Reihe, "From Hell"), Ethan Hawke ("Training Day") sowie einigen anderen charismatischen in handlungsrelevanten Rollen spielenden Darstellern weit mehr als nur zweckmäßig besetzt.
"Lord of War - Händler des Todes" ist ein eindringliches Drama, voller Informationen über die brisanten Themen um Waffenhandel, Regierungsvertuschung und Lücken in Gesetzesvorlagen. Anhand charismatischer Darsteller wird die Charakterstudie über die dunkle Seite menschlicher Natur greifbar und glaubwürdig erzählt, zynischer Witz sorgt für regelmäßige Auflockerung, technisch ohne wirkliche Höhen aber einwandfrei. Dass es hierfür keine Oscars gab, liegt wohl dem sich durchsetzenden, schwer verdaulichen Denkanstoss zugrunde.
10 / 10