Tom Cruise und Nicole Kidman kämpfen sich für Stanley Kubrick durch die Verfilmung von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“.
William 'Bill' Harford (Tom Cruise) hat an sich alles, was man sich wünschen kann: Er ist respektierter Arzt, kann in höheren Kreisen verkehren und führt eine glückliche Ehe mit der bezaubernden Alice (Nicole Kidman). Auch die unschönen Seiten des Lebens lernt Bill eher aus zweiter Hand kennen, z.B. als seinem Freund und Gastgeber Victor Ziegler (Sidney Pollack) bei einer Party helfen muss, da sich eine Prostituierte eine Überdosis gegeben hat. Bill kümmert sich darum und bewahrt größte Diskretion. Ein derartiges Leben in einem Film von Stanley Kubrick – das schreit geradezu nach Dekonstruktion von Bills heiler Welt.
So kommt es dann auch: Bill ist uneinsichtig dafür, dass sich seine Frau langweilt und als er zu selbstgefällig wird, da platzt es aus ihr raus. Sie erzählt ihm von sexuellen Phantasien, die sie beim Anblick eines Marineoffiziers hatte, was Bill zutiefst verstörte. Aus dieser Verwirrung heraus startet Bill eine Odyssee durchs nächtliche New York…
Puristen können sich einen Ast freuen, denn Stanley Kubrick blieb der Vorlage größtenteils treu und veränderte in erster Linie Namen der Figuren, Schauplatz wie Zeit der Geschichte und fügte mit Ziegler eine neue Figur hinzu – aber dies sind eher kleine Veränderungen, vor allem da Kubrick seine Vorlagen oft stark abänderte (siehe „Shining“ oder „Dr. Seltsam“).
Doch gibt das wirklich Anlass zum Jubel? Nicht wirklich, denn „Eyes Wide Shut“ zieht sich oft wie Kaugummi. Kubrick schwelgt in Bildern, die aber oft keine Aussagekraft haben und nach einer Weile nur noch langweilen, z.B. die total ausgedehnte Orgienszene, die aber keinen Europäer im Geringsten schocken dürfte. So entstehen oft Längen, vor allem in Hälfte zwei. Dort gibt es viele Momente, in denen sich der Film wiederholt oder man Informationen bekommt, die man entweder schon hat oder gar nicht braucht. Relativ unnötig sind z.B. die Ausführungen Zieglers, weil sich jeder Zuschauer schon die wahren Hintergründe der Nacht zusammengereimt hat und nicht alles noch mal vorgekaut bekommen muss. Stattdessen wird (wie in der Novelle) ausgelassen, was in dem speziellen Gespräch zwischen Bill und Alice herauskommt. Sicherlich im Geiste des Buches, aber man fühlt sich doch sehr verarscht, wenn man alles andere viel zu ausgiebig erklärt bekommt.
Ganz misslungen ist „Eyes Wide Shut“ allerdings nicht, denn in vielen Szenen kann Kubrick doch Stimmung schaffen. Zwar sind es nur Momente während Bills Odyssee, die einen in ihren Bann ziehen (z.B. das Gespräch mit Nick Nightingale in der Bar oder Bills Nachforschungen über die Identität einer Frau), doch sie merzen doch einige Storylängen hinreichend aus. Auch Kubricks Bildsprache sorgt für interessante Anblicke (z.B. die von vielen Blautönen dominierte Ausleuchtung) und macht den Film zumindest optisch interessanter.
Auch schauspielerisch kann „Eyes Wide Shut“ überzeugen. Nicole Kidman und Tom Cruise überzeugen als Ehepaar in der Krise (noch bevor sie von der Realität eingeholt wurden), auch wenn beide noch bessere Leistungen vollbracht haben. Auch die Nebendarsteller agieren auf hohem Niveau.
Visuell interessant, gut gespielt und mit ein paar faszinierenden Momenten – das sind die positiven Dinge, die man über „Eyes Wide Shut“ sagen kann. Doch ansonsten ist der Film zu lang, zu langatmig und zu langweilig, um wirklich Kapital aus seinen Vorzügen zu schlagen.