Zwölf Jahre hat Stanley Kubrick benötigt, um seinen letzten Film zu planen, zu schreiben, zu drehen und zu vollenden, um dann beim Endschnitt dahinzuscheiden. Siebzig ist er geworden und das ist ein Alter, in dem die Reife des Regisseurs ebenso zum Tragen kommt, wie die Zeit ihren Tribut fordert. So ist "Eyes Wide Shut", ein werbetechnisch als Erotikdrama verschrieener Film, eine zwiespältige Angelegenheit geworden.
Der pure Look beweist dabei noch einmal Kubricks Meisterschaft, Filme auf die alte Tour zu drehen: individuell, wie es niemand sonst tut. Die Sets taucht er in weiches Licht, die Kamera mit grober Körnung, warme Farben herrschen vor, gelb, beige, braun, ocker, während draußen vor den Fenstern die Nacht die Realität in ein glosendes Blau verwandelt. Die Kamera schwebt hypnotisch durch feudale Räumlichkeiten der erlesenen Gesellschaft, während Tom Cruise, den die sexuellen Untreuephantasien seiner Frau in heillose Verwirrung gestürzt haben, nicht weiß, ob er ein erotisches Abenteuer sucht oder nur den (Männer-)Schmerz abtöten will.
Es ist virtuos, was Kubrick da abfilmt, eine Demonstration des Könnens, aber in diesem Fall werden seine sonstigen Schwächen, die Kälte zwischen den Personen, der weite Raum, das Fehlen von echter Nähe zur Stolperfalle.
Die Basis für die Story schrieb Arthur Schnitzler in seiner Traumnovelle in den 20er Jahren und Kubrick hat sie fast eins zu eins beibehalten. Doch die Relevanz der Geschichte ist in Frage gestellt, wirkt doch der Inhalt in heutiger Zeit weder besonders revolutionär, noch scheint der Macher gewußt zu haben, wo er mit seinem Plot hin will. Die erotischen Nacktszenen, die dem Film anhängen, sind im Rückblick kaum der Rede wert. Eher ist es die Tatsache, daß eben hier Nicole Kidman sich entkleidet, halbnackt herumläuft oder ihre Brustwarzen durchs transparente Nachthemd, die den Wert ausmacht. Die Wirkung der Szenen an sich ist enttäuschend, wo man heute in jedem besseren Unterhaltungsfilm zumindest eine kurze Liebesszene mitbekommt, die oftmals gewagter visuell daherkommt.
Der Reiz der Story hätte psychologischer Natur sein können, die Reaktion Cruises auf die Phantasien seiner Frau, die sich vernachlässigt fühlt (erfrischend unterbewußt), seine Flucht in die Nacht, die Suche nach Rache, Befriedigung, Bekämpfung der Ängste. Cruise ist plötzlich selbst nackt, als er sich immer wieder den Phantasien seiner Frau ausgesetzt fühlt, obwohl er seine Kleidung nie ablegt. Der einzige Moment der Blöße widerfährt ihm auf dem Höhepunkt der Sexorgie, als er vor versammelter Mannschaft seine Gesichtsmaske abnehmen muß.
Leider erscheint das, was Cruise auf seiner Reise durch die Nacht geschieht unweigerlich bieder und beliebig, eine Begegnung mit einer Prostituierten, eine scheinbare Avance der Tochter des Kostümverleihers, der Besuch der Sexorgie samt Bedrohung durch die Anwesenden. Cruise schreckt immer wieder vor sich selbst zurück, bleibt seiner Frau treu und in Gedanken getrieben doch wieder nicht.
Nur bleibt die Psychologie unterentwickelt, findet nur selten Entsprechung durch die Bilder. Nach einer sehr gut gespielten Einführung auf einem Ball und dem enthüllenden Schlafzimmergespräch von Kidman/Cruise kippt der Film ins Kryptische ab. Die Psychologie bleibt auf der Strecke, als sich die übrigen zwei Drittel mehr und mehr in einen schleppenden Psychothriller verwandeln, bei dem Cruise erst in eine sexsüchtige Geheimloge zu stolpern scheint, sich eine geheimnisvolle Nackte für ihn opfert und später im Leichenschauhaus wieder auftaucht und Cruise selbst verfolgt zu werden scheint. Mysteriös und bedrückend soll das sein und erfährt dann doch eine logische und harmlose Auflösung, ebenso wie die Verdächtigungen, die Cruise selbst zu Beinaheehebruch mit seiner Frau getrieben haben.
Das Ende jedoch, an dem Cruise seine verlorene Maske im Bett seiner Frau wiederfindet, ist die nötige Katharsis für seinen Charakter, der in einer Art gefühlskalten Übereinkunft endet, daß die Ehe-Zukunft wackeliger denn je ist. Kidmans finaler Satz, daß sie beide "dringend mal wieder ficken" müssen, erweist sich als bloß und leer, nicht wie die Lösung aller Dinge. Erfreulich unversöhnlich ist das Ende, aber gleichzeitig auch kalt und banal.
Kubrick hat mit diesem Film seinem Oeuvre einfach nichts Besonderes mehr hinzuzufügen. Der Film plätschert eh in gemächlichem Tempo vor sich hin und führt den Zuschauer nur bedächtig durch die Nacht, anstatt ihn in einen Rausch zu führen. Kidman erweist sich in den Dialogen als überraschend zwingende Darstellerin, die ihre Befreiung nach der Trennung von Cruise auf schauspielerischem Sektor schon vorweg nimmt. Cruise dagegen, in der Nacht auf sich allein gestellt, ist nur ein hölzern und zögernd agierendes Chiffre, ein Jedermann, der leider beweist, wie wenig Charisma der Strahlemann entwickeln kann, wenn er von seinen üblichen Plotkonstruktionen abweicht, die ihn als Zentrum der Aktion sehen. Hier sieht Cruise meist tatenlos zu und kann dabei nicht die geringste Tiefe entwickeln, um den Zuschauer eine Beziehung zu seiner Figur aufbauen zu lassen.
Sicher gibt einige sehr gute Sequenzen, doch das Geschehen ist so distanziert und wirklichkeitsfern, daß die Kälte zwischen den Figuren und Personen den Zuschauer in Gleichgültigkeit abrutschen lassen.
Es ist weder Fleisch noch Fisch, weder Erotik noch Thriller, weder psychologische Findung noch visionärer Trip; es ist eine Story von vor 80 Jahren, deren Transposition die Überalterung in keinster Weise beseitigt hat.
Auf dem technischen Sektor allerdings ist der Film topfit, wenn der Filmemacher die Fäden zieht.
Und aus der Distanz sollte man ihn betrachten. (6/10)