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Regisseur Martin Scorsese, der ebenso Wie Robert de Niro, erstmals in einem seiner Filme zu bewundern, in „Little Italy", einem Teil Manhattans, aufgewachsen ist, hat hier einen Film nach dem Muster seiner erlebten Kindheit und Jugend geschaffen, der so oder ähnlich das tägliche Leben in diesen kleinen Teil von Manhattan nachbilden soll. „Mean Streets" ist ein Film den man als typische Milieustudie bezeichnen könnte. Er soll das alltägliche kleinkriminelle Treiben im New Yorker Stadtteil „Little Italy" beschreiben.Der Film wurde von Kritikern in den Himmel gehoben und auf diversen europäischen Filmfestspielen bejubelt. Mit Robert de Niro, der den neurotisch-psychotischen Johnny Boy spielt, der Allem und Jedem etwas schuldet und der immer blank ist und Harvey Keitel, der den etwas gelackten, stets diplomatisch wirkenden Charlie spielt, der trotzdem sehr loyal und aufopferungsvoll für seinen freakigen Partner einsteht, ist der Film dann auch Top besetzt. Von der Handlung gibt „Mean Streets" nicht wirklich was her. Es ist der graue Alltag der kleinen Verbrecher, der sich da um kleine Gangstereien, Schulden und Gefälligkeiten dreht. Authentizität kann man den Film dann bestimmt auch nicht absprechen. Martin Scorsese hat hier allein durch die Wahl der Hauptdarsteller, auch Harvey Keitel ist ja ein waschechter New Yorker und in Brooklyn geboren, kein Zweifel daran gelassen, dass er den Zeitgeist einer kleinkriminellen Subkultur, Anfang der Siebziger , die sich innerhalb aber auch im übertragenen Sinne im Schatten dieser pulsierenden Metropole New York selbst organisiert, so realistisch wie möglich darstellen möchte. Zeitgeist kann man nicht filmen. Darstellen kann man ihn am besten musikalisch und so ist dann der Soundtrack mit Interpreten wie Rolling Stones, Eric Clapton usw. ganz sicher ein Highlight, was aber nicht heißt, dass er jederzeit passend wirkt.

Realismus allein kann zudem richtig langweilig werden. Der Geschichte fehlt der rote Faden. Es fehlt das ganz große Ding um das sich alles dreht. Der Traum vom großen Geld fehlt - Der Traum vom großen Deal fehlt. Wenn man es filmisch so genial umsetzt, wie ca. zwanzig Jahre später Quentin Tarantino in „Pulp Fiction", dann kann sogar der ganz normale kleinkriminelle Alltag spannend sein. Aber das hat Martin Scorsese 1973 nicht vermocht. „Mean Streets" setzt nur auf das Zusammenspiel dieser zwei kongenialen Parts Robert de Niro und Harvey Keitel, wobei ich beide in späteren Werken schon souveräner gesehen habe. Zumindest Robert de Niro kann sich hier noch nicht selbst das Wasser reichen, wenn man sich seine Meisterleistung drei Jahre später in „Taxi Driver" vor Augen hält, der wieder von Martin Scorsese gedreht wurde und in dem er abermals - kürzer aber vielleicht bedeutender- auf Harvey Keitel trifft.

Robert de Niros Charakter des Johnny Boy war hier ganz sicher nicht voll ausgereift, obwohl das Potential ganz sicher schon damals bei de Niro vorhanden war - Scorsese hatte es nur nicht im vollen Umfang abgerufen. Johnny Boy, der kleine Psychopath, der vor niemanden Respekt und überall Schulden hat und immer noch eine neue Frechheit in der Lage ist oben drauf zu setzen - ganz egal mit wem er es zu tun hat... klar hat das was und es ist sogar in gewisser weise komisch - eine Zeit lang. Einen Film über einhundertsieben Minuten tragen kann Johnny Boy aber nicht und die Figur des Charlie, gespielt von Harvey Keitel, ist dazu ebenso wenig in der Lage, da zu farblos - zu facettenarm.
So ist dann auch das Ende von „Mean Streets" lange vorhersehbar. Wer den bösen Buben so lange und ausdauernd auf die Nase herumtanzt, wie der kleine Johnny Boy, der kriegt dann am Ende so richtig den Arsch voll und das tut dann auch richtig weh.

Vielleicht ist „Mean Streets" ein wichtiger Film, weil er Wegbereiter ist. Hier findet was in den Kinos Einzug, was noch unausgereift ist - was heute hundertfach perfekter ist. Aber gerade wenn man sich das Vermögen des Regisseurs und der beiden Hauptdarsteller mit Blick auf ihre späteren Werke ansieht, wird klar, was diese wirklich im Stande sind zu leisten.
„Mean Streets" ist für mich kein hochklassiger Film - „Mean Streets" ist aber ein wichtiger Film. Martin Scorsese würde es so ausdrücken: „Du bezahlst deine Sünden nicht in der Kirche... du zahlst sie auf der Straße!"

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