Review

Gesamtbesprechung

Manchmal verfolgt euch ein Bild oder eine Szene aus Film oder TV-Serie aus eurer Kindheit noch über Jahre hinweg – und manche sind sogar dahingehend verflucht, dass sie nicht wissen, aus welchem Format diese Kindheitserinnerung stammt.
Ganz so schlimm ist es in meinem Fall nicht, denn obwohl ich den Seriennamen nicht mehr parat hatte, fiel aufgrund des übernatürlichen Themas das Auffinden dann doch nicht so schwer.
Und so ein freundliches Willkommen bei „Unheimliche Geschichten“, einer dreizehnteiligen halbstündigen Serie, die anno 1982 in den Regionalprogrammen verwurstet wurde. (Für die Streaming-Generation: die Regionalprogramme umfassten den Timeslot zwischen 18 und 20 Uhr in der ARD und konnten individuell von den regionalen Funkhäusern wie NDR oder WDR mit Programm bestückt werden, was aber nicht bedeutete, dass da nicht durchaus auch eine amerikanische Krimiserie wie „Hart aber Herzlich“ oder „Simon&Simon“ laufen konnte).

Grusel aus Deutschland war damals eine Seltenheit im TV (ist es immer noch!), wenn schon Phantastisches, dann hielt man sich an das Utopische und so war mein damaliges elfjähriges Ich natürlich interessiert, diese Gelegenheit auszunutzen, vor allem, weil die Zeit es zuließ, die Serie zu sehen. Ich kann nicht viele Episoden gesehen haben und nach der aktuellen Sichtung ahne ich auch warum, aber eine Episode blieb halt hängen und bringt dich dazu, dir 40 Jahre später die vollen 13 Folgen noch einmal anzusehen.

Bringen wir es gleich auf den Punkt: Sofern dein Publikum nicht anno 1982 dabei war, kann man mit der Serie keinen müden Hund hinter dem Sofa hervorlocken.

„Unheimliche Geschichten“ ist in den seltensten Fällen unheimlich, meistens einfach nur seltsam und wenn man sich an ein Thema traut, ist es zumeist nicht zuende gedacht, genau definiert oder wird auch nur im Mindesten aufgelöst. Manche Folgen scheinen auf spontanen Eingebungen zu basieren, die aber dann nur rudimentär mit einem schlüssigen Plot verbunden worden sind. Und selbst wo sich eine konkrete Geschichte erahnen lässt, mangelt es an Dramaturgie und Spannungsaufbau oder so etwas wie Höhepunkten.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Serie eindeutig für kleines Geld und damit für einen gesetzteren Zuschauerkreis angefertigt wurde, nicht nur sind einige Episoden geradezu verblüffend geriatrisch besetzt und gespielt, sie ergehen sich auch in altersmüdem Blabla, das meist am Fokus vorbeiläuft.

Aber zu den Episoden und ihren Problemen im Einzelnen:

Schon „Wenn das Blut gefriert“(1) ist Etikettenschwindel par excellence. Uwe Friedrichsen gibt zwar gekonnt den gastronomischen Expertengaumen, dafür ist die Legende von der „Grauen Frau im Teufelsmoor“, die immer Autounfälle an Kilometerstein 27 verursacht, eine Nebelkerze. Friedrichsen muss sich mit wortkargen Norddeutschen rumschlagen, bis er die Hexenlegende endlich aus einem herauskitzelt und seine Damenbekanntschaft entpuppt sich dann – total unspektakulär – als Nachfahrin besagter Frau. Die Story torpediert sich selbst, indem die Frau nur denjenigen erscheint, die NICHT AN SIE GLAUBEN, womit Friedrichsen schon mal komplett außer Gefahr ist. Mit kostensparenden Day-For-Night-Aufnahmen und einer engagierten Nebelmaschine verläuft sich dieser Auftakt jedoch im Nichts.

Noch schlimmer gerät „Der eingemauerte Schrei“ (2), der seine übernatürlichen Elemente nun gar nicht unter einen Hut bekommt. Eine vor Jahrzehnten auf Föhr verschwundene Mama, beunruhigende Träume von einem Reethaus und eine betulich vorgehende Dame, die dem Rätsel eines angeblich nicht vorhandenen Kellers auf die Spur kommen will, ist wie ein zahnloses Damenkränzchen. Eva-Ingeborg Scholz ist einfach zu sehr besorgtes Muttchen, wenn sie sich in den Haushalt des wirklich schon fast immobilen Peter Lühr drängt, um zu klären, ob der vielleicht eine Leiche im Keller hat. Einer der vielen Rentner-Episoden geht das Interesse alsbald flöten und die Bedrohung durch den Stockträger gleich mit. Dass der Mann am Ende tatsächlich eine Leiche im Keller hatte und welche das war, bleibt hinterher so nebulös wie nebensächlich, denn dem Publikum wird nur davon erzählt, dass es so gewesen sei.

Die Folge, die ich persönlich nie vergessen konnte (und da war ich offenbar nicht allein), war „Zwei Augen im Dunkel“(3), in dem Drombusch-Mama Witta Pohl in ihrem neuen Haus mächtig Schiss hat, weil sich im Keller unbekanntes Gerümpel vom Vorbesitzer stapelt und ihr ziemlich arschiger Männe so gar kein Verständnis für ihre Ängste hat. Die sind aber berechtigt, weil ihr im Keller alsbald glühende Augen schwebend entgegen starren, einer der wenigen praktischen (und wirklich sehr einfachen) Spezialeffekte. Mit elf Jahren hatte das dennoch was, die Auflösung ist jedoch wieder antiklimatisch, wenn eine Sperrmüllräumung des Kellers ergibt, dass der Vorbesitzer offenbar Sprengstoffe gelagert hatte, vor dem aus dem Jenseits gewarnt wurde. Auch hier gilt wieder: muss hinterher erklärt werden, wurde nicht dramatisch visualisiert. Stört Oma dann nicht bei Teestunde. Dennoch die wohl atmosphärischste Episode.

„Eine schwarze Katze“(4) spielt wiederum mit dem alten Hut der als Katze wiederkehrenden Ehefrau. Allerdings nicht als Racheengel, sondern als Beschützerin. Denn Psychiater Dr. Betelsen hat einen sehr seltsamen Patienten namens Krispin, der zunehmend bedrohlich wird. Wer jetzt auf Kitty-Attacken setzt, ist jedoch falsch gewickelt, denn die Katze dient als Muse, die dem Doc die Eingebung vermittelt, dass er seinen Familienschmuck doch mal bitte zur Bank bringen sollte. Was er auch tut. Das ist so unspektakulär, wie es sich anhört, da kann auch Peter Wagenbreths unheimlicher Patient nichts dran ändern. Und über den „Höhepunkt“ lässt sich auch eher die Stirn in Falten ziehen. Immerhin: nicht gänzlich unsympathisch, nur unausgegoren.

Ein absoluter Verkehrsunfall ist „Nur ein Tropfen Blut“(5), bei dem die urbane Mär von der Persönlichkeitsveränderung durch Bluttransfusion ins Spiel gebracht wird, als ein adoptierter Bub nach einer OP plötzlich spanisch im Schlaf parliert und sich später als Idealkopie eines vor zwölf Jahren tödlich verunglückten spanischen Zirkusakrobaten entpuppt. Hier liegt genug im Argen, um sich die Haare zu raufen. Da ist zunächst mal die wortkarg-agressive Adoptivmama, die Infos nur nöhlend gegen Waffengewalt herausgibt, dann die Krankenschwester, die mal eben einen Kinderpatienten aus der Klinik mitnimmt, um eine Theorie zu beweisen – um dann, als wirklich alles nach Wiedergeburt aussieht, offenbar heillos den Rückzug antritt, aus einer Situation, die sie wissentlich selbst beschworen hat.
Dabei kann das Blut gar nichts damit zu tun haben, da der Junge auch vorher schon ein Zwillingsabbild seines früheren Lebens ist. Aber eine Pointe ist dieser hastig abgebrochenen Geschichte eh nicht abzugewinnen.

Etwas besser gestaltet sich die Wirkung bei „Die Fremde Macht“ (6), bei der die Ehefrau eines Firmenbesitzers unter den Bann eines Mannes fällt, der offenbar der Hypnose mächtig ist. Hier wird zumindest brauchbar mit dem Unerwarteten gespielt, wenn die Frau erst verschwindet, sich dann irrational aufführt und die Gründe lange im Unklaren bleiben. Am Ende ist die Ursache offenbar Hypnose, doch als kleinen Dreh bleibt die Wirkung der – nicht sonderlich klar verabreichten – Hypnose offenbar bestehen und die Folge endet offen und angesichts des Verhaltens der Beteiligten unbefriedigend:

„Tote schlafen nicht“ (7) variiert dann die Themen aus den Folgen 3 und 5, in denen Frauen von Visionen oder Wachträumen oder spontanen Eingebungen verfolgt werden, wenn eine Buchhändlerin vom Tod eines netten Kunden träumt und sich auf die Spur seines Verschwindens macht. Die Story hat nachgar romantische Untertöne, hält sich aber mit einem nervtötenden, unnötigen rauschgiftsüchtigen Hausbesetzer auf, der zwei wertvolle Kunstpuppen verkaufen will, die überhaupt keinen Bezug zum Rest der Story entwickeln. Dass man die „Absicht aus dem Jenseits“ etwas besser hätte herausarbeiten können, ist schon fast Standard, aber wenigstens hat die Geschichte so etwas wie einen Schluss.

„Der Gruss aus der Fürstengruft“(8) dagegen ist wieder eine Solidaritätsshow für alternde Darsteller und ein Rohrkrepierer sondergleichen, denn hier stimmt leider gar nichts. Ein im Ruhestand befindlicher Arzt wird an das Totenbett einer Adeligen gerufen, erfährt von einem angeblich lebensverlängernden Ring und bekommt ihn angeblich ausgehändigt. Später erhält er Besuch von einem uralten Mann, der wirres Zeugs brummelt und angeblich von der toten Gräfin geschickt wurde. Der präsentiert dann auch diesen Ring, woraufhin der Arzt eine Graböffnung anstrebt (eigentlich sollte er ja den Ring haben???). Da gibt es dann auch noch einen sturen Arsch von Butler, der aber auch nichts Aufschlussreiches zu dem Thema ablässt und irgendwann endet die Folge dann, ohne dass sie Folgen hätte oder irgendwas passiert sei. Ein veritables Wrack, mit brüchigen Stimmen vorgetragen.

Zum Ende der Staffel hin wird es dann noch ein klein wenig besser: „Als die Zeit still stand“ (9) hat zumindest einen brauchbaren Ansatz, wenn ein urlaubendes Paar in den Bergen nach einer Gletscherschmelze (!!!) einen Toten findet, der vor 50 Jahren wohl eingefroren wurde (und dessen Klamotten top ausschauen). Ferner geht es um die bei ihm gefundene Kamera, bis die Story in Richtung eines mysteriösen Todesengels abgleitet. Die Episode spielt damit, dass der Ehemann ständig in ultraschwarzer Motorradkleidung herumläuft, auch in Innenräumen ständig nicht den Helm abnimmt und sich auch sonst relativ verdächtig verhält. Das hält einen immerhin bei der Stange, wenn auch die Auflösung nicht wirklich erhellend ist.

„Gestern wird morgen sein“ (10) hat immerhin eine sehr interessante Prämisse, bei der ein schüchterner Versicherungsvertreter eine Frau vor einem Mordversuch rettet, diese sich dann plötzlich an nichts mehr erinnern kann und sich dann in seinem Leben festsetzt. Sie entwickelt eine Art zweites Gesicht und hilft – recht ruppig – seiner Karriere auf die Sprünge. Mit einer fiesen Pointe wäre das eine hübsche Folge geworden, aber die finale Wendung hinterlässt wieder einmal nur Fragezeichen. Auch hier: immerhin nicht langweilig.

Zurück ins Traum- und Visionsland geht es mit „Grüne Ärmel“(11), in der Barbara Kramer, frisch aus der Therapie bei Jochen Busse (!), an einen bizarren Kunden gerät, der offenbar das Bedürfnis hat, den mörderischen Eifersuchtstrieben eines Tolstoi nachzugeben. Wieder ein Rohrkrepierer, der die Angstträume der Buchverlagsangestellten und die Mordtriebe des Kunden nicht in einen Zusammenhang stellen kann – und der noch dazu komplett offen endet, als sei einfach die Zeit um.

Klassisches „Urban Legend“-Potential steckt in „Der lautlose Ruf“(12), in der eine Fabrikarbeiterin davon träumt (wieder mal), dass ihr Vater in Hamburg in Gefahr ist. Erst unterdrückt sie den Hilfstrieb, entscheidet sich dann aber spontan zur Reise. Die Folge verärgert gerade wegen seiner Plotelemente, denn sie läuft komplett kopflos aus der Fabrik, denkt weder an Papiere noch an Geld und lässt sich so auf eine Odyssee per Auto und per Zug ein, bei der sie unsittlich angegangen und mehrfach erwischt wird. Immerhin ist das noch recht unterhaltsam, aber auf 25 Minuten und mehrere Verkehrsmittel gestreckt, ist das schon sehr offensiv.

Ein versöhnliches Finale gibt es in „Besuch aus dem Jenseits“(13), wo wieder die Küste das Ziel ist. Gesucht wird hier ein verschwundener Zwillingsbruder, der – natürlich – in Visionen oder Träumen auftaucht. Hier ist endlich mal ein kompletter Plot mit Anfang und Schluss vorhanden, der zu einer kleinen Fischerhütte auf einer Mini-Insel führt, wo des Rätsels Lösung zu finden ist. Das Schönste an einer Episode mit ziemlich hölzernen Darstellern ist der Auftritt von Gottfried Kramer am Ende, dessen Stimme allein eine Folge retten kann (war u.a. die Stimme von KITT in „Knight Rider“).

Fakt ist: alles kein Grund, sich darüber aufzuregen, aber rückblickend dürfte die Serie schon 1981/82 nicht mehr dem Stand der Zeit, vor allem von Autorenseite, gewesen sein. Deutschland hat großartige große und kleine Serien hervorgebracht, doch die Phantastik war nur selten eine „Waffe nach Wahl“, sondern schien immer wie ein unbequemes Paar Schuhe, das man nie so recht eingelaufen hat.

Brav und uninspiriert ist der Eindruck, der einen befällt. Kleine Ideen bedürfen guter Ausarbeitung, dann können sie auch mit kleinem Budget blühen, doch weder die Autoren, noch die Produktion mit ihrem Budget konnten hier in irgendeiner Form glänzen. Interessant ist immerhin, wie anno 1981 die meisten gut ausgestatteten Bürgerwohnungen so aussahen und dass eine Produktion des Hessischen Rundfunks zu einem ganz beträchtlichen Teil seine Folgen in Niedersachsen oder Küstennähe ansiedelte.
Tapfer arbeiten sich die teilweise namhaften Darsteller, die man nicht selten auch als Synchronsprecher kennt, an den überdehnten Drehbüchern ab. Eine Hauptrolle garantiert hier praktisch, die ganze Episode im Bild zu sein, da man die Fälle immer an einer zentralen Figur aufgehängt hat, aber genau das Konzept hängt auch wie ein Mühlstein an diesen übernatürlichen Entdeckerfahrten. Ähnlichkeiten sind allüberall und es mangelt an aufschlussreichen Erklärungen, narrativen Zielen oder – ganz furchtbar – an Pointen, an überraschenden Drehs oder auch mal an finsteren Enden, die im Vergleich doch sehr rar sind.

So geraten diese 13 Geschichten zu betulichem Puschenkino, das man noch ganz gemütlich hätte akzeptieren können, hätten die Stories mal immer Hand und Fuss gehabt. Doch meistens sind es nur Skizzen und Entwürfe, zu denen dem allein arbeitenden Jan Lester (der schon für „Merkwürdige Geschichten“ zehn Jahre früher schrieb) offenbar nicht mehr sonderlich viel eingefallen ist. (3/10)

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