Als das Sorgenkind der Familie, die eigenwillige Julie, ihre Eltern und ihren Bruder Jacob (Nikolaj Lie Kaas) mit der Nachricht, heiraten zu wollen, überrascht, wirken diese wie von einer zentnerschweren Last befreit: die junge Frau, nach einem Selbstmordversuch im Rollstuhl, scheint erstmals nach Jahren wieder glücklich zu sein. Ein wenig schnell ging es zwar schon, daß der ruhige, rundliche Anker (Nicolas Bro) erfolgreich um ihre Hand anhielt, aber ein jeder vergönnt Julie ihre vermeintlich traute Zweisamkeit. Während die Hochzeitsgesellschaft noch ausgelassen feiert, zieht sich das Brautpaar schon etwas früher zurück. In der Nacht jedoch erwachen Jacob und seine Frau durch Schreie aus dem Badezimmer: als sie nachsehen, finden sie dort den schluchzenden Bräutigam mit der leblosen Julie: sie hatte sich in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten...
Einige Zeit nach diesem tragischen Ereignis sortiert Jacob den Nachlass seiner Schwester aus und stößt dabei in einem Buch, das Anker gehört, auf zwei ausgeschnittene Todesanzeigen unterschiedlichen Datums mit allerdings gleichem Textinhalt. Darüber stutzig geworden, beschließt der Journalist, Anker aufzusuchen, um Aufklärung darüber zu erlangen. Doch die Suche nach dem verwitweten Schwager gestaltet sich schwierig, da über den Einzelgänger, der ohne familiäre Begleitung zur Hochzeit erschienen war, nicht viel bekannt ist und überdies dessen Handynummer nicht stimmt. Schließlich gelingt es Jacob doch noch, Ankers Wohnort ausfindig zu machen: es ist das titelgebende dänische Provinzdorf Mørke, wo er dank der Hilfe des örtlichen Polizisten Carl (Morten Lützhøft) auf einem abgelegenen Gehöft fündig wird. Anker scheint von dem Besuch nicht sonderlich überrascht, erst als weiterer Besuch eintrifft, wirkt er etwas betroffen: denn die beiden Schwestern, von denen eine sichtlich gehandicapt an Krücken geht, begrüßen den verdutzten Jacob mit der frohen Botschaft, daß Anker die körperbehinderte Schwester in Kürze heiraten wird...
Das Thema Selbstmord ist das vorherrschende Thema dieser dänischen Produktion, und was sich anfangs wie ein Thriller anfühlt, wird schnell zu einem psychologischen Ratespiel, denn die Rollen des vermeintlichen Mörders und seiner Opfer scheinen von Anfang an klar, allein das Motiv und die Verhaltensweise des Verdächtigen geben beständig Rätsel auf. Raffiniert läßt Regisseur Jannik Johansen den Zuseher im Unklaren, ob der melancholisch wirkende, keinen Moment lang aus der Fassung zu bringende Anker ein planvoll vorgehender Mörder ist oder der harmlos wirkende rundliche Riese doch nur Opfer diverser Zufälle ist. Jacob (Darsteller Nikolaj Lie Kaas verlor übrigens beide Elternteile durch Suizid), voller Zweifel an Ankers Integrität, entdeckt bei seiner auf eigene Faust unternommenen Spurensuche eine ganze Menge Indizien, doch reichen diese nie ganz aus, seinen immer stärker werdenden Verdacht wirklich 100%ig zu bestätigen.
Während also die Figur des undurchsichtigen Anker und seiner Motivation immer mehr in den Vordergrund rückt, verhält sich der Journalist Jacob zunehmend unlogisch, indem er völlig allein herumschnüffelt, dabei erstaunlich schnell belastendes Material findet, dieses jedoch nie polizeilich sichern läßt und seinen Verdacht überhaupt nie öffentlich ausspricht. Spontan zu Ankers erneuter Hochzeit eingeladen mag er seinen Ohren nicht trauen, als dieser bei der Vermählung genau dieselben Sätze hervorbringt wie Monate zuvor auf Julies Hochzeit. Als es dadurch dann doch aus dem lange stillen Jacob förmlich herausbricht, mag niemand der Anwesenden seinem Verdacht Glauben schenken, im Gegenteil, der Journalist aus der Großstadt wird als Störenfried angesehen und fast rausgeworfen - nur Anker bleibt geradezu stoisch ruhig...
Während Nicolas Bro (Dänische Delikatessen, Kommissarin Lund) seinen indifferenten und insgesamt wenig sympathischen Part geradezu beängstigend ruhig spielt, dabei nie eine Miene verzieht geschweige denn einer schnellen Bewegung fähig scheint, wirkt Nikolaj Lie Kaas (In China essen sie Hunde, Erbarmen, Schändung, Erlösung) eher gehemmt und nicht in der Lage, seinem durch erdrückende Beweise manifestierten Verdacht ausreichend Gehör zu verschaffen. Dennoch von der Richtigkeit seiner Theorie überzeugt, begibt er sich leichtfertig in große Gefahr, die ihn am Ende selbst verdächtig macht. Vielleicht liegt es an seinen vielen anderen Rollen, in denen der mehrfach mit dem Bodil ausgezeichnete Schauspieler mit dem markanten Gesicht meist entschlossen bis dominant auftrat, daß sein Jacob in Mørke zu unentschlossen wirkt, vielleicht ist es aber auch gerade dieses Zaudern, das seinen Gegenpart Anker umso ominöser (und damit für den Zuschauer interessanter) wirken läßt.
Sei´s drum, der in kühlen Tönen ohne jegliche Actionsequenzen abgedrehte Mørke bietet (vor allem durch die überraschende Schlußsequenz) Stoff für einen gewissen Interpretationsspielraum und liefert darüber hinaus auch einen gedanklichen Anstoß zum Thema Sterbebegleitung - sofern man sich darauf einlassen möchte. 7 Punkte.