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Die Assistentin von Kingsby, der ein Herausgeber von Krimi-Groschenheften ist, engagiert Philip Marlowe, um die verschwundene Frau besagten Herausgebers zu finden. Marlowe hat in der Folge einige Zusammenstösse unter anderem mit dem Liebhaber der Verschwundenen und einem zwielichtigen Polizisten, der irgendwie in die Sache verstrickt zu sein scheint. Da wird ein Zimmermädchen ertrunken im See nahe eines Wochenendhäuschens der Kingsbys gefunden; Frau Kingsby ist die Hauptverdächtige. Und dann folgt auch noch ein zweiter Mord…
Regisseur (und Haupdarsteller) Robert Montgomery hat hier ein interessantes kleines Experiment gewagt: Beinahe der gesamte Film wird in subjektiver Kamera gefilmt, das heisst, die Kamera steht an der Stelle von Marlowe, der Zuschauer nimmt dessen Blick ein. Ausnahmen sind ein Vorwort, ein Nachwort und ein Zwischenstück, in welchen Marlowe sich direkt ans Publikum wendet (im Zwischenstück erzählt er uns von seinem Besuch am See; anscheinend fehlte es da entweder an der nötigen Technik oder am Budget).
Die Idee dahinter ist wohl, dass der Zuschauer sich an die Stelle der Hauptperson und so mitten ins Geschehen hinein versetzt fühlt. Funktioniert leider nicht so ganz: Das Stilmittel der subjektiven Kamera ist sehr auffällig und macht beständig auf sich selbst aufmerksam, wodurch für das Publikum eher eine Distanz zum Geschehen entsteht (man „vergisst“ die Kamera nie, sondern wird ständig von ihr abgelenkt). Das funktioniert viel besser in Computergames, wo der Spieler nicht nur visuell die subjektive Sicht der Hauptfigur ein-, sondern auch deren Handlungen übernimmt (und so tatsächlich an ihren Platz versetzt wird).
Problematisch ist auch, dass man den Protagonisten nie zu Gesicht bekommt (ausser, wie gesagt, an den Stellen, in der er sich direkt an den Zuschauer wendet, oder wenn er sich selbst in einem Spiegel ansieht), so dass sich kaum eine Identifikation einstellen kann und der Zuschauer sich nicht involviert vorkommt. Weiterhin wird der Film visuell schnell sehr langweilig: Den technischen Grenzen geschuldet bewegt sich die Kamera recht langsam (besonders mühsam ist das, wenn Marlowe z.B. eine Treppe hinauf läuft, da wird der gesamte Vorgang in schneckenartiger Echtzeit gezeigt); es gibt ein paar Schwenks und Fahrten, aber die meiste Zeit über redet der jeweilige Gesprächspartner (es wird sehr viel geredet) von Marlowe in die statisch hingestellt Kamera; „Auflockerung“ durch die Montage (z.B. durch Schuss-/Gegenschusseinstellungen) gibt es auch nicht, da alle Sequenzen jeweils ohne Schnitte auskommen (ab und zu, wenn der Bewegungsfähigkeit der Kamera Grenzen gesetzt sind, sind Schnitte allerdings nicht zu umgehen).
Alles in allem ist die subjektive Kamera von der Idee her ein nettes Gimmick, das sich aber schnell totläuft, visuell zu langweilig ist und der Identifikation des Zuschauers mit der gezeigten Geschichte im Weg steht. Irgendein Mehrwert entsteht dadurch nicht und folglich ist es nur zu verständlich, dass sich dieses Stilmittel nicht durchgesetzt hat, zumindest nicht in dieser konsequent durchgehaltenen Form.
Besser funktioniert hätte die Sache vielleicht, wenn die Story etwas aufregender gewesen wäre. Diese basiert auf einem Raymond-Chandler-Roman, macht aber nicht wirklich viel her: Sie hält sich an die genrespezifischen Klischees, bietet kaum Überraschungen und ist ziemlich harmlos (nicht zuletzt durch auflockernde Anflüge von Humor). Alles schon hundertmal (und besser) gesehen. Die Charaktere sind Stereotype ohne Charaktereigenschaften, die über „klugscheisserischer Dedektiv“ oder „Polyp mit Dreck am Stecken“ hinausgehen, da können auch die Schauspieler nicht viel dran ändern, deren Leistung zwischen „geht so“ und „unfreiwillig komisch“ pendelt. Vorabendkrimi-Niveau.
Fazit: LADY IN THE LAKE kann weder inhaltlich noch formal überzeugen und bleibt eine blutleere und lahme Angelegenheit. Das Gimmick der subjektiven Kamera sorgt ab und zu für ein Grinsen, schadet dem Film insgesamt aber. Ein nettes, einmaliges Experiment, das man sich mal ansehen kann, aber im Grossen und Ganzen ordentlich misslungen ist.

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