Philip Marlowe ist eine der wohl bekanntesten Detektiv-Figuren in der Geschichte des modernen Kriminalromans. Autor Raymond Chandler erdachte sie 1939 in seinem Roman The Big Sleep - die gleichnamige Verfilmung des Stoffes von Howard Hawks folgte 1946 und gilt als Klassiker des Film Noir. Dort gab Humphrey Bogart Marlowe, der mit der Ambivalenz moralischer Grundsätze sowie seiner Vorliebe für Whiskey und Zigaretten zum Vorbild einer ganzen Generation von Detektiven oder Ermittlern in Kriminalromanen und -filmen wurde.
Weniger bekannt ist Chandlers Marlowe-Roman The Lady in the Lake und dessen gleichnamige Verfilmung von Robert Montgomery, der auch die Hauptrolle übernahm. Obwohl sich Montgomery redlich müht, kommt er in seiner Darstellung von Marlowe nicht an die Performance von Bogart heran. Zu steif agiert er, zu bieder, ihm fehlt schlicht und ergreifend die Coolness. Dass er nur in wenigen Szenen tatsächlich im Bild zu sehen ist, unterstützt noch diesen eher emotionslosen Eindruck der Hauptfigur im Besonderen und des Films im Allgemeinen.
Dies macht auch die Besonderheit dieses Films aus: The Lady in the Lake ist mit Hilfe einer subjektiven Kamera konsequent aus dem Point of View von Hauptfigur Philip Marlowe erzählt. Nach einer kurzen Einführung, in welcher Montgomery in einer Einstellung, welche an die einer Nachrichtensendung erinnert, kurz über die Eckpunkte der simplen Geschichte informiert, setzt mit wenigen Ausnahmen bis zum Ende des Films die Verwendung einer subjektiven Kamera ein, welche dem Gesichtsfeld von Marlowe entspricht. Die Hauptfigur ist - abgesehen von Aufnahmen, wenn er in einen Spiegel blickt - physisch nicht mehr anwesend, einzig über den Off-Kommentar noch präsent.
Diese Einzigartigkeit der subjektiven Erzählperspektive und Kamera sind jedoch gleichzeitig die Crux des Films: Körperkontakt wird zumeist vermieden und wenn doch vorhanden, wirkt er künstlich, da technisch vermittelt. Der Blick der Kamera soll zu dem des Zuschauers werden, was jedoch nicht funktioniert: In den Totalen fokussiert sie sich nicht auf einen Punkt (was durch eine detailierte Regulierung der Bildschärfe durchaus möglich gewesen wäre), sie wählt schlicht nicht aus und - auch wenn es banal scheint - blinzelt nicht.
Filmtheoretiker Rudolf Arnheim stellt in seinem Buch Film als Kunst für diesen Kontext durchaus fruchtbare Überlegungen an: Das Filmbild im Kino ist begrenzt durch das Ende der Leinwand, der zweidimensionalen technischen Projektionsfläche; das "Wirklichkeitsbild" hingegen ist quasi unbegrenzt. Während der Mensch bei der Rezeption eines Films gezwungen ist, dem eingeschränkten, fixierten "Blick" der Kamera zu folgen und darüber die (diegetische) Realität zu konstituieren, kann er in der (wirklichen) Realität durch den Raum laufen mit einem praktisch uneingeschränkten Gesichts-/Sehfeld und selbst die Bilder auswählen, die er sich vom betreffenden Objekt machen will. Es ist diese Differenz zwischen dem Filmbild, welches zugleich flächig und räumlich ist (durch den Raum im Film wird Tiefe geschaffen, die Leinwand ist jedoch flächig) und der räumlichen Realität, die nicht überwunden werden kann. Genau aus diesem Grund ist Film schließlich Kunst: Weil er eben nicht nur mechanisch die Wirklichkeit (und somit auch nicht den realen Blick) reproduziert.
Zudem verweilt die subjektive Kamera unnatürlich lang auf Gegenständen oder bewegt sich nur langsam, viele und lange Dialoge machen den Film geschwätzig - alles Aspekte, die einer Dynamik der Narration entgegen wirken. Diese technische Spielerei bremst den Erzählfluss des Films aus und lässt ihn behäbig wirken. Über weite Strecken wirkt The Lady in the Lake statisch, nur gegen Ende kommt aufgrund einiger Wendungen und Actionsequenzen echte Spannung auf. Die Story um die Suche nach der verschwundenen Frau des Herausgebers eines Magazins platter Krimis wirkt nahezu statisch, ist banal erzählt - und lässt letztendlich kalt. An diesem Eindruck kann auch die unterschwellig eingeflochtene Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptfiguren und die weihnachtliche Atmosphäre (auch was zum Teil die Musikuntermalung angeht) nichts ändern.
Andere Experimente in der jüngeren Filmgeschichte mit subjektiver Kamera erstreckten sich zumeist nur über wenige Filmminuten, was den hohen Anspruch von selbigen Szenen unterstreicht. In Halloween (1978) - als sich zu Beginn der junge Michael Myers seine Maske aufsetzt und schließlich seine Schwester ersticht - wie gleichsam in Das Schweigen der Lämmer (als Buffalo Bill im düsteren Keller mit seinem Nachtsichtgerät Clarice Starling immer näher kommt) diente die subjektive Kamera primär der Genese einer suggestiven Spannung, welche zudem zwangsläufig zu einer unbehaglichen Identifizierung des Zuschauers mit einer negativen Filmfigur führte. In The Lady in the Lake wirkt jedoch der Einsatz dieser aufwendig-unkonventionellen Technik eher selbstzweckhaft; der Versuch größtmöglicher Identifikation mit der Hauptfigur schlägt mangels emotionaler Tiefe und der gerade durch diese Technik aufgebaute Distanz fehl.
Am Ende bleibt der Eindruck eines mediokren Vertreters des Film Noir, dessen subjektive Kamera zwar allerlei filmanalytischen Diskussionsstoff hinsichtlich der Konstituierung des filmischen Raums durch die Hauptfigur (welche durch die Kamera identisch ist mit dem Blick des Zuschauers in die Diegese) liefert, aber letztendlich auch aufgrund seiner eher schleppend erzählten Story nicht zu fesseln vermag. So lässt dem Zuschauer dieses durchaus interessante, aber dramaturgisch wenig ausgereifte Film-Experiment schlicht kalt (5/10).