Review
von Leimbacher-Mario
Disneymagie mit G'schmäckle
„Melody Time“ aus dem problematischen Disneynachkriegskatalog strotzt noch (wie damals typisch für die heute so weltoffen und freundlich tuende Firma) vor seltsamen Darstellungen fremder Kulturen, Religionen und Menschen. Dennoch kann man der musikalisch-künstlerischen Quasi-Anthologie ihre Qualitäten nicht absprechen, sodass man sich an den „Karikaturen“ kaum lange aufhalten sollte. Disclaimer vor, schämen und draus lernen, fertig. Erzählt wird von winterlicher Romantik und Mut auf hoher See, von ansteckenden Sambarythmen und einem legendären „Jäger“, der Liebe und Apfelbäume säte…
Früher war selbst ein Meisterwerk wie „Fantasia“ weniger Kunstwerk als leider viel mehr erweiterter Bildschirmschoner für mich. Was für ein Banause man in jungen und jugendlichen Jahren doch ist. Heutzutage schätze ich solche Zwitterwesen aus Musik und Animation, wie eben auch „Melody Time“ eines ist, dafür umso höher ein. Wenn auch eher in ihrem artistischen Wert als in Sachen Unterhaltung. „Melody Time“ geht dabei sehr weite Wege, von eher abstrakten Shorts bis zu klassischen Abenteuern im Takt zur Musik. Natürlich noch handanimiert und wahrhaft komponiert im Einklang. Herausstechen können dabei immer wieder kleine Details und besondere Momente, die auch heute noch für Grinsen und Staunen sorgen können. Mein Highlight ist wohl der Mythos des „legendärsten Cowboy von Texas“. Selbst wenn die bunte Collage der Kurzgeschichten und Ideen insgesamt ganz klar nicht zu den allerstolzesten Höhepunkten des Maushaus gezählt werden sollte.
Fazit: tolle Rhythmen und Songs, meisterhafte Animationen und kreative Kurzfilme. Und dennoch kein „Fantasia“. Plus mit etlichen fiesen Stereotypen, Klischees und Minderheitenverunglimpfungen. In seinen schlimmsten Zeiten ein Mittelfinger in feinster Zuckerwatte. Ein massiv zweischneidiges Schwert. Und etwas zäh obendrauf.