Mit „Wild at Heart“ zollte David Lynch dem Hollywoodkino früherer Tage Tribut, griff er hier doch ganz postmodern das früher beliebte Thema der „lovers on the run“ auf.
Die Liebenden sind Sailor Ripley (Nicolas Cage) und Lula Fortune (Laura Dern), er ist ein Kleinkrimineller, sie aus reichem Hause. Ihre Eltern sind gegen eine derartige Verbindung, doch einen Mann, der von Lulas Mutter angeheizt auf Sailor losgeht, schlägt Sailor kurzerhand tot, denn nichts soll sie trennen. Der darauffolgende Knastaufenthalt ist dann aber das Gegenteil von Gemeinsamkeit, da Sailor seine Lula da nur selten zu sehen bekommt.
Doch Lula holt ihren Sailor am Tag seiner Entlassung ab und gemeinsam düst das Paar davon – sehr zum Ärger von Lulas Mutter Marietta (Diane Ladd). Sie schickt Häscher los, um die Tochter heimzubringen...
Es ist bekannt, dass Lynchs Filme oft mehr Fragen aufwerfen, als sie dann schlussendlich beantworten und im Falle von „Wild at Heart“ wird alles am Ende aufgelöst. Doch im Gegensatz zu filmischen Puzzles wie „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“ erscheint es hier so, als habe man sich einfach dagegen entschieden gewisse Plotstränge ins Leere laufen zu lassen, gerade was den Krimiplot um die Verbindung von Sailor zu Lulas Familie angeht. Man erfährt, was damals vorfiel, aber wie das Ganze nun endet, das enthält „Wild at Heart“ dem Zuschauer vor und lässt ihn somit etwas in der Luft zappeln.
Auch als Fluchtgeschichte funktioniert „Wild at Heart“ eher im Sinne eines Lynchesken Bilderbogens, da sich die Geschichte im Endeffekt als sekundär erweist, stellenweise völlig in den Hintergrund tritt. Mehr oder minder eigenartige Begegnungen mit mehr oder minder eigenartigen Gestalten zeichnen den Weg des Paares nach, kurz wird die kriminelle Karriere ausgearbeitet, mit zwielichtigen Gestalten wie Bobby Peru (Willem Dafoe), aber auch diese Figur wird (kopfschussbedingt) irgendwann wieder zurückgelassen, es bleibt allein das Paar auf dem Highway.
Und so ist es dann vor allem Lynchs Bildsprache, die in den Bann zu ziehen weiß, wenn man dem ausgeflippten Liebespaar auf seiner Reise durch Amerika folgt. Immer wieder wird auf „Der Zauberer von Oz“ angespielt, egal ob Lula die Hexe in einer Vision am Wagen vorbeifliegen sieht und die hochgebogenen Schuhspitzen von Lulas Mutter eindeutig ins Bild gerückt werden. Sailor und Lula sind nicht mehr in Kansas, sie sind auf einem Lynchtrip, der seine rauschartigen Bilder immer wieder durch Gewalteruptionen konterkariert, das Rauschhafte neben den Schock stellt. Allerdings bleibt dies bei aller visuellen Schönheit Oberfläche, denn wirklich erfährt man kaum etwas über die Liebenden; das Paar ist vielmehr das Destillat aus den Rebellenfilmen der 50er, da hier noch mal anachronistisch über die Leinwand tollen darf.
Nicolas Cage und Laura Dern spielen dabei immer an der Grenze der Überzeichnung, man beachte den extremen Pogo, den die beiden zu den stets gleichen Klängen tanzen. Sie legen die Figuren auch als Poser an, denn so überzeichnete Rebellen waren anno 1990 an sich bereits passé. Wesentlich dezenter, aber auch eindrucksvoller steht Harry Dean Stanton als netter Häscher da, kaum auffällig ist hingegen Willem Dafoe in seiner Nebenrolle, herrlich fies dafür Diane Ladd als Übermutter mit üblem Gemüt.
„Wild at Heart“ ist kein Erzählfilm, vielmehr ein abgedrehter Trip in Lynchs Bilderwelten und ein buntes Zitatkino. Das ist schön anzuschauen, trägt aber keine zwei Stunden, zumal das Ende des Films etwas ins Leere läuft. Nett, aber Lynch hat schon mehr Eindruck hinterlassen.