REALITY BITES - A Comedy About Love in the 90's
Jaja, die guten, alten 90er. Der Bundeskanzler heißt Kohl, das "Twix" noch "Rider", Boris Becker ist noch als Tennisspieler und Dieter Bohlen als abgehalfterter Möchtegern-Musiker bekannt, das Handy ist noch so groß wie ein Schuhkarton, Tamagotchis, Pokemons und Britney Spears sind noch nicht erfunden und wer "hip" sein will, der streift sich einfach ein kariertes Holzfällerhemd und komplett zerrissene Jeans über, gewöhnt sich das Waschen ab und das Drogen nehmen an und macht in der Garage krachige Gitarrenmusik.
Hach, das waren noch Zeiten... Und genau zu dieser Zeit, in welcher die Apathie aus Seattle die gesamte Jugend ansteckte und sich langsam aber sicher der Begriff "Generation X" zu definieren begann, spielt unsere Liebeskomödie mit den sanften Tönen und stellt die These auf, dass niemand 50 Eier essen kann.
Die Story:
Eine kleine Clique bestehend aus Lelaina (Winona Ryder), Troy (Ethan Hawke) und der Männerfresserin Vickie (Janeane Garofalo) ist mit dem College fertig, doch keiner scheint so richtig Peil zu haben, was mit dem Abschluss in der Tasche und dem Leben vor sich nun anzufangen ist.
Troy wechselt vom einem miesen Job zum nächsten, Vickie jobbt im Klamottenladen und Lelaina gibt die Jobsuche bald auf und gammelt den ganzen Tag nur noch vor der Glotze rum.
Alle streben sie nach Freiheit und ein trockener Bürojob wäre das letzte, was für sie in Frage kommen würde.
Doch dann lernt Lelaina den Yuppie Michael (Ben Stiller) kennen und verliebt sich in ihn.
Nun muss Troy reinen Tisch machen: Er empfindet nämlich bereits seit längerem mehr als nur Freundschaft für Lelaina...
Wie wird sich Lainie entscheiden?
Von einem geradlinigem Handlungsstrang kann hier eigentlich nicht die Rede sein. REALITY BITES reiht vielmehr einzelne Geschehnisse oder "Realitätshappen" der im Mittelpunkt stehenden Charaktere aneinander (z.B. Vickies AIDS-Test, Lelainas Kunst-Video...), was aber eigentlich nur als Rahmenhandlung für die Liebesgeschichte zwischen Troy und Lainie dient, welche den roten Faden des Films darstellt.
Im Allgemeinen bemüht sich REALITY BITES aber hauptsächlich das Lebensgefühl der 90er und die Orientierungslosigkeit der desillusionierten Twens einzufangen, was ihm mit freundlicher Unterstützung des vorzüglichen Soundtracks (The Posies, Dinosaur Jr. ...) auch auf ganzer Linie gelingt.
...Und besser als mit der Textzeile "Just afloat on the Sea, i found myself on a Page of History..." oder Ethan Hawkes selbsterdichtetem "I'm Nuthin' "-Songs kann man die "unerträgliche Leichtigkeit des Seins" der 90er und die "No Future"-Ängste der Twens wohl kaum ausdrücken...
Winona Ryder am Zenit ihrer Karriere, Ethan Hawke, dem die fettigen, langen Haare so ununungeheuerlich gut stehen (...ich hab' jahrelang versucht so eine Frisur hinzubekommen...), in einer seiner schönsten Rollen und sogar Ben Stiller, der hier ja übrigens auch auf dem Regiestuhl saß, kommt hier ganz erträglich rüber.
Darsteller also durch die Bank erste Sahne.
Darüber hinaus bezaubert der Film noch mit einem sehr dezentem Sinn für Humor, einer realitätsnahen Situationskomik und einer riesigen Portion Alltags-Philosophie.
Im Großen und ganzen wird's aber weder zu komisch, noch zu dramatisch, womit der Streifen (bis auf sein Happy End) fast schon authentisch wirkt.
Was lernen wir hier also:
- "Hey, that's my Bike" ist ein toller Name für eine Band
- "Evian" ergibt rückwärts gelesen "Naive"
- in Tankstellen sollte man nicht zu wild zu "My Sharona" tanzen
- und niemand... NIEMAND... kann 50 Eier essen...
Mein Fazit:
Neben CLERKS, BEFORE SUNRISE, SO FUCKING WHAT und unter Umständen noch SINGLES, den ich persönlich aber gar nicht soooo umwerfend finde, definitiv einer der wichtigsten und besten Generation X-Kultfilme und ein sehr sympathisches, feinfühliges Portraits der 90er.
Wer den nicht kennt, hat echt heftigst was versäumt...