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Immer auf der Suche nach der nächsten filmischen „Breakfast Club“-Erfahrung und mit einer leichten Schwäche für Winona Ryder gesegnet, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich auf Ben Stillers Spielfilm-Regiedebüt „Reality Bites“ aus dem Jahre 1994 stoßen würde. Das Drehbuch stammt von Helen Childress.

„Reality Bites“ versucht, in einer Mischung aus „Romantic Comedy“ und „Coming-of-age“-Streifen das Lebensgefühl junger Erwachsener in den 1990ern nachzuzeichnen, und zwar anhand einer Gruppe Collegeabsolventen, die versuchen, sich im Leben zurechtzufinden. Das erinnert nicht nur stark an das 80er-Pendant, den inoffiziellen „Breakfast Club“-Nachfolger „St. Elmo’s Fire“, tatsächlich dürfte Joel Schumachers Generationsporträt eine große Inspirationsquelle gewesen sein. Hauptunterschied ist die Ausrichtung auf die der Generation der 90er oft angedichtete Orientierungslosigkeit gepaart mit rebellischer Verweigerungshaltung bis hin zur mit der „Grunge“-Jugendkultur in Verbindung gebrachten Apathie.

Man wird mit fünf Hauptcharakteren konfrontiert: Auf der einen Seite die Clique bestehend aus der idealistischen, in die Medienbranche drängenden Lelaina (bezaubernd: Winona Ryder), dem arbeitslosen Hobbymusiker, Freizeitphilosphen und Kurt-Cobain-Lookalike Troy (Ethan Hawke), dessen Vater im Sterben liegt und der eine von Zynismus geprägte „Scheiß auf alles“-Phase durchläuft, die beruflich erfolgreich ihre ersten Karriereschritte machende, damit und mit ihrem sprunghaften Sexualleben aber ihr schwaches Selbstbewusstsein kompensierende und unter starken Bindungsängsten leidende Vickie sowie der schüchterne, sein „Coming out“ vorbereitende Homosexuelle Sammy, auf der anderen Seite der yuppiehafte Michael (Ben Stiller), der sich in Lelaina verliebt und dadurch die Cliquen-Strukturen durcheinander bringt. Dort ist es nämlich anscheinend ungeschriebenes Gesetz, dass Lelaine und Troy etwas für einander empfinden, aber keine Versuche unternehmen, zusammenzufinden.

Ok, das gibt natürlich Anlass für reichlich Romantikkitsch und nach der anfänglich recht klischeebehafteten Vorstellung der Charaktere mag manch einer schon vorschnell das Handtuch werfen und abschalten. Doch ähnlich wie seinerzeit „St. Elmo’s Fire“ entwickelt sich der Film bzw. entwickeln sich die Charakterzeichnungen, werden facettenreicher, interessanter. Die Beziehungskiste, das unheilvolle Dreieck zwischen Lelaine, Michael und Troy zieht sich zwar durch den gesamten Film, doch die zahlreichen Nebenschauplätze, die die Schwierigkeiten der Protagonisten im Alltag zeigen, sind häufig mit einem gelungenen Sarkasmus versehen worden und nehmen z.B. die verlogene Medienwelt, aber auch andere Branchen kritisch auf die Schippe. Das ist nicht nur dramaturgisch und inszenatorisch ziemlich gelungen, sondern bewahrt den Film vor einer eindimensionalen Sichtweise, die die Clique als realitätsfremde, faule und/oder doofe Wohlstandskinder hinstellen würde. So verkehrt sich die Aussage recht bald ins Gegenteil, denn die Arbeitswelt, der „Ernst des Lebens“ erscheint wenig attraktiv und erstrebenswert, und zwar aus gutem Grunde. Ein wenig US-typische „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Ideologie darf natürlich trotzdem nicht fehlen, aber es wird wohl auch niemand erwarten, dass der Film die Systemfrage stellt.

Die Romanze bzw. das, was einmal eine werden will, zwischen Lelaina und Troy entwickelt sich dann aber erwartungsgemäß dramatisch, wobei hier das Drehbuch leider arg dick aufträgt und es irgendwann nur mehr lächerlich wirkt, welch abnormales Kommunikationsproblem die beiden haben – „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ ist ein Scheiß dagegen. Trotzdem: Ich als „selbst Betroffener“ behaupte, dass es Stiller und Childress tatsächlich gelungen ist, das Lebensgefühl der 90er, sofern es wirklich etwas gegeben hat, das diese Bezeichnung verdient, zumindest partiell einzufangen und unterhaltsam aufzubereiten, ohne dabei allzu sehr zu verflachen. Die letztlich dann doch – mit Ausnahme Troys, das möchte ich ausdrücklich betonen – recht klischeearmen Charaktere, der rockende Soundtrack und natürlich der grenzenlose Charme Winona Ryders, die schlicht perfekt in ihre Rolle passt, machen „Reality Bites“ zu einem guten Film, der zwar gekonnt den Spagat zwischen Kommerzkitsch und halbsubversivem Anspruch meistert, dadurch zwangsläufig aber kein schwer begeisterndes, emotional nachhaltig aufwühlendes Filmerlebnis mit dem Potential, das Leben seines Publikums zu verändern, schafft.

Das ist zumindest mein Stand nach der Erstsichtung, die ordentliche 7 von 10 Punkten zulässt. Evtl. ist da aber noch Luft nach oben, das wird ein Wiedersehen ergeben.

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