Review

Zwischen Publikums- und Kritikergeschmack liegen Welten, das ist öfter so, als daß beide Seiten einmal übereinstimmen.
Aber selten kam es zu so starken Gegensätzen, wie im Fall von Curtis Hansons "Wonder Boys", einer Adaption des Buches von Michael Chabon. Von den Kritikern hymnisch gefeiert und als Oscarkandidat gehandelt, versank der Film an der Kasse zwar nicht wie ein Stein, aber ging doch fast unbemerkt unter. Hollywood wagte tatsächlich (was noch seltener vorkommt) einen zweiten Versuch, aber Notiz nehmen wollte von diesem Film immer noch niemand.

Und deshalb steht "Wonder Boys" auch nicht selten in Lieblingslisten einiger weniger, die ihn kennen und die breite Masse, die an dem Film vorbeidriftet, reagiert zumeist mit Unverständnis und Langeweile.
Es ist aber auch nicht ganz einfach, sich diesem Film zu nähern, wenn er auch mit darstellerischen Freuden lockt.
Ein Cast wie aus dem Bilderbuch gibt sich die Klinke in die Hand: Michael Douglas, Tobey Maguire, Frances McDormand, Robert Downey jr., Katie Holmes, Rip Torn - das sind im richtigen Gewand Garanten für ein Filmerlebnis.

Um so überraschter muß man dann sein, wenn sich der Film in aller Gemütsruhe entwickelt und wenig wirklich Spektakuläres ans Licht bringt. Was den Massengeschmack betrifft, hinterläßt der Film tatsächlich nur einen schalen Geschmack. "Wonder Boys" setzt nicht auf Sensationen, auf nie Gesehenes, nicht auf Effekte oder Gags.
Und das, obwohl es im Grunde eine Komödie ist.
Oder sich als eine verkleidet hat.

Schon Michael Chabons Buch ist mehr eine ausufernde Übung in einer Wortgewalt, die einen wie in einem Strudel mitreist, obwohl eigentlich gar nicht viel passiert. Es ist der Ablauf eines Wochenende, des letzten Wochenendes, daß Grady Tripp, seines Zeichens Schriftsteller und Englischdozent an der Universität von Pittsburgh in seinem Hauptberuf zubringt. Seine Wege und die der Hauptfiguren in seinem Leben überkreuzen sich mehrfach an diesen zwei Tagen und am Ende wird Tripp ohne Frau, ohne Buch, ohne Job und sogar ohne Marihuana dastehen.

Was wirklich an dem Film fasziniert, ist seine grenzenlose Entspanntheit, keinen Erwartungen genügen zu müssen. Die Story ist abwechslungsreich und skuril genug, um einfach für sich selbst zu stehen und sie wird in größter Natürlichkeit inszeniert, so daß man tatsächlich das Gefühl hat, an einer wahren Geschichte teilzuhaben.
Nichts was geschieht, ist unmöglich. Es ist manches unwahrscheinlich, aber immer gleichzeitig folgerichtig.

Im Mittelpunkt steht Douglas' Grady Tripp, der allein schon aufgrund seines Anblicks jedes Herz öffnen mußte.
Der schneidige Michael Douglas präsentiert sich als schlurfiger Dauerkiffer mit wirren, angegrauten Haaren, die Hälfte des Films in einem ausnehmend häßlichen Bademantel wie eine Flipperkugel durch die Stadt treibend.
Es ist Murphy's Gesetz, was regiert und es ist gut so. Denn Tripp ist alles egal: wenn der Film beginnt, hat ihn seine Frau schon verlassen. Sein Lektor kommt in die Stadt und will sein Buch sehen, an dem er seit sieben Jahren schreibt (daher übrigens der Titel des Films). Dessen Abschluß wird jedoch nicht durch Schreibblockade aufgehalten, sondern durch rauschinduzierten Schreibdurchfall, es ist auf 2600 Seiten angewachsen und noch lange nicht fertig. Tripp liebt (oder glaubt es zumindest) die Kanzlerin der Uni, damit die Frau seines Chefs - und hat sie unpassenderweise noch geschwängert. Und sein bester Schüler hat in Rekordzeit ein Buch geschrieben, daß vieles in den Schatten stellt, dann leider ein wertvolles Marylin Monroe-Andenken gestohlen und den Hund der Kanzlerin erschossen.

Wem das wirr erscheint, sollte die Gemütsruhe sehen, mit der sich die Situation der Hauptfigur immer verschlimmert, was diese jedoch nur mit mehr Kiffen und einem stoischen Fluchtreflex wider besseren Wissens beantwortet. Es ist eine Geschichte unter all diesen seltsamen Geschehnissen und sie bedient tatsächlich auch die Figuren, die nur selten im Bild sind. Man sieht sich, man verliert sich, man trifft sich wieder, aber es wird nicht besser. Tripp muß alles verlieren, um sich zu finden und erstmals seit Jahren wieder eine Entscheidung zu treffen.

Das Drehbuch nimmt sich bei der Adaption des Romans vor allem in der zweiten Hälfte größere Freiheiten, vereinfacht das Ende, läßt längere Episoden wie ein Aufenthalt bei der Familie von Tripps Noch-Ehefrau ganz aus und konzentriert sich auf den Konflikt um das nicht fertigwerdende Buch, welches im Roman nur ein düsterer Auslöser für die Geschehnisse ist, hier aber immer wieder Tripps Situation reflektiert, da jeder resignativ weiß, daß er nicht abschließt.

Eine besondere Leistung liefert dabei noch Maguire als verschlossener, dauerhaft Lügen spinnender Student ab, der all das ist, was Douglas nicht mehr sein kann: versponnen, introvertiert, düster, erzählerisch brilliant, unerfahren, naiv und noch zu Überraschungen fähig.
In lebendigen, natürlichen Bildern eines winterlichen Pittsburgh entfaltet sich die Geschichte langsam und mit merklichem Augenzwinkern für den ein zarter und doch bißfester Wortwitz und die Wendungen der Story selbst sorgen, da die weitere Entwicklung unabsehbar und unberechenbar bleibt, genauso wie die Figur des Tripp.

Tatsächlich werden solche Filme heute nicht mehr gedreht (Hanson drehte überdies den Film in der Reihenfolge der Szenen, wie sie im Drehbuch standen), denn in seiner Natürlichkeit paßt der Film mehr in die 50er oder 60er Jahre, einer Epoche, der die Figuren selbst nachhängen, wenn man genau hinsieht.
"Wonder Boys" ist ein Film, der sich ganz einfach in den Herz stiehlt und dort bleibt. Man kann ihn nicht andauernd sehen, aber man sieht ihn gern wieder, weil er ehrlich ist und nie überzogen; natürlich und nie angestrengt. Eine Geschichte über einen Geschichtenerzähler und das Geschichtenerzählen und die Schwierigkeiten damit - der Beweis, das im Kino noch Lebendigkeit steckt. Und wer das Gefühl dafür noch besitzt, sollte ihn sich nicht entgehen lassen. (9/10)

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