In „American History X“ beweist Edward Norton erneut, dass er einer der besten Schauspieler seiner Generation ist.
Schon die Anfangsszene ist ziemlich krass: Neonazi Derek Vinyard (Edward Norton) und seine Freundin Stacey (Fairuza Balk) poppen in Dereks Zimmer voller Nazi-Equipment, als drei Schwarze Dereks Auto klauen wollen. Dereks kleiner Bruder Danny (Edward Furlong) bemerkt dies und weckt der Derek, der sich sofort bewaffnet und zwei der Schwarzen tötet. Ganz in schwarz-weiß gehalten schockt die Eröffnung durch knallharte Gewalt (die in einer zweiten Rückblende später noch expliziter gezeigt wird) und durch das schockierende Porträtieren von Derek: kahlrasierter Schädel, Hakenkreuz auf die Brust tätowiert etc. Derek wird verhaftet.
Die eigentlich Filmhandlung (im Gegensatz zu den Rückblenden in Farbe) spielt einige Zeit später, nachdem Derek aus dem Knast entlassen wird. Sein Bruder Danny ist in die gleichen Kreise geraten wie Derek damals und rennt nun mit rasiertem Schädel rum. Schon hier zeigt „American History X“ ein beindruckendes Gespür für Atmosphäre; eine Atmosphäre der unterschwelligen Bedrohung; die Gewalt liegt nahezu in der Luft.
Doch Danny muss erkennen, dass sich Derek im Knast verändert hat. Er hat dem Rassenhass abgeschworen, will mit seinen Skinhead-Bekannten von früher nichts mehr zu tun haben und versucht Danny aus dem Dunstkreis der Faschisten zu befreien. Dieser erinnert sich dabei an Dereks Werdegang, da er in der Schule einen Aufsatz über seinen Bruder schreiben soll...
Auch wenn „American History X“ sehr kontrovers und schonungslos ist, so sollte man gleich von Anfang an sagen, dass es sich hierbei „nur“ um ein unterhaltsames Drama handelt. So wird man wohl keine neuen Weltanschauungen erfahren, aber auch die diskutierte Identifikation mit dem Faschismus aufgrund der Darstellung Edward Nortons ist meines Erachtens nicht gegeben.
Der Plot könnte zwar simpel in wenigen Sätzen zusammengefasst werden, aber das besondere an „American History X“ ist eigentlich die Tatsache wie der Film erzählt wird. Denn die gegenwärtige Handlung nach Dereks Freilassung wird immer wieder mit Rückblenden durchsetzt, die von Dereks Zeit als Anführer der örtlichen Skinheads und seiner Zeit als Häftling erzählen. Aufgrund dieser Plotstruktur kann dann auch das abrupte Ende noch einmal schockieren.
Ebenfalls eindrucksvoll ist die Atmosphäre, die Regisseur Tony Kaye geschaffen hat. So gelingen wirklich eindrucksvolle Momente, z.B. wenn Derek zuerst seine Schwester und ihren kaputten Teddy liebevoll zudeckt, um danach Dannys Zimmer zu betreten, welches voller Propagandamaterial hängt. Dabei legt sich Tony Kaye nie auf irgendeine Stimmung genau fest; er porträtiert sowohl schöne als auch abstoßende Momente – nur das Gefühl der ständigen Bedrohung bleibt.
Den größten Verdienst am Gelingen des Films trägt zweifelsohne Edward Norton, der den (geläuterten) Skinhead Derek eindrucksvoll und facettenreich verkörpert. Auch Edward Furlong erbringt als Danny eine sehr gute Leistung. Eigentlich spielt das gesamte Ensemble gut, welches einige prominente Darsteller vorzuweisen hat: Beverly D’Angelo als Dereks Mutter, Stacy Keach als heimlicher Anführer der Skinheads, der immer im Hintergrund die Fäden zieht, Fairuza Balk als Dereks Hasserfüllte Freundin und Avery Brooks als aufrechter, schwarzer Lehrer an Dereks und Dannys Schule.
„American History X“ ist ein ziemliches krasses und eindrucksvolles Drama, dem allerdings noch ein paar Kleinigkeiten zur Vollendung fehlen und dass daher „nur” sehr gute Unterhaltung ist.