Edward Norton spielt einen Neo-Nazi, der nach einer brutalen Gewalttat in seiner Heimatstadt gefürchtet und in der Nazi-Szene zu einer kleinen Ikone geworden ist. Im Gefängnis erkennt er, dass er den falschen Weg eingeschlagen hat und versucht nach seiner Entlassung, sich um seine Familie zu kümmern, Abstand zu seiner ehemaligen Gang zu gewinnen und seinen Bruder, gespielt von Edward Furlong, der nun ebenfalls in der Nazi-Szene verkehrt, aus dieser zu befreien.
"Rassismus ist Scheiße", "Nazis sind blöd" - Bei vielen Hollywoodfilmen, die sich mit Rassismus- oder Gewalt-Thematiken beschäftigen, ist die zentrale Botschaft genauso plakativ, wie hier formuliert und wird entweder durch einen Moralappell mit dem Dampfhammer, oder durch ein paar rührselige Worte vor dem Abspann vermittelt. Dass damit jedoch kaum ein Zuschauer tangiert wird, im Grunde niemand ernsthaft zum Nachdenken angeregt wird, dürfte selbst den, im Grunde sowieso meist kommerziell motivierten Machern klar sein, zumal man die klischeehaften Aufrufe für Toleranz und Ähnliches wirklich kaum noch hören kann. Aber gut zu wissen, dass es fern ab der Mainstream und der Stereotypen Hollywoods noch Filme gibt, die mit der Thematik wirklich durchdacht, intelligent, anspruchsvoll und erwachsen umgehen.
Hält Edward Norton mit seiner unglaublichen Präsenz, der man sich als Zuschauer unmöglich entziehen kann, mit aller Entschlossenheit seine Hassreden gegen Ausländer, werden diese unkommentiert stehen gelassen, dem Zuschauer, zumindest für kurze Zeit die Gelegenheit gegeben, den einen oder anderen Gedanken nachzuvollziehen, womöglich die eine oder andere eigene Meinung in den Reden und Argumentationen zu erkennen, die stringent geführt sind und vom hohen Intellekt ihres Verfassers zeugen. Selbst die brutale Gewalttat, die letzten Endes zur Inhaftierung des Neo-Nazi führt, wird nicht umgehend, etwa von einem Richter im Gerichtssaal, oder von einem Dritten im Gefängnis als abscheulich bezeichnet, oder mit aller Härte verurteilt. Auch die Sühne, die Reue Dereks für seine Tat wird zum Ende hin eher subtil angedeutet und nicht unter Tränen, mit zum Gebet gefalteten Händen gebeichtet oder mit aller nötigen Theatralik beklagt. Der klischeehafte Moralappell bleibt also aus. Daher war in manchen Kritiken zum Film sogar zu lesen, dass das Werk durchaus für rechtsradikale Gedanken missbraucht und fehlinterpretiert werden könnte, aber diese Sorge ist in jedem Fall vollkommen unbegründet.
"Hat sich durch das was du tust dein Leben gebessert?" - Dies ist die zentrale Frage, die Derek schließlich gestellt bekommt. Und spätestens hier erkennt er, dass seine Zeit bei den Neo-Nazis nichts als ein Irrweg war und, dass er es, wie er es später selbst formuliert, leid ist, wütend zu sein. Und spätestens hier wird auch dem Zuschauer vor Augen geführt, dass der ewige Hass keine Lösung ist, auch ohne, dass dies direkt ausgesprochen wird. Ähnliches gilt für die Wutausbrüche Dereks, bei der Diskussion mit seiner Schwester, beim Mord an den Afroamerikanern, beim Überfall eines, von Asiaten geführten Supermarktes, bei denen dem Zuschauer ebenfalls deutlich vor Augen geführt wird, dass der Hass, die Gewalt keinerlei Lösungen sind und die Situation nur noch verschlimmern.
Ein weiterer Gedanke, der im Vordergrund steht, ist der, wie aus dem intelligenten Derek, der aus einer normalen Familie mit einem etwas rechtsradikal angehauchten Vater stammt, in der Schule kaum bessere Noten hätte haben können und darüber hinaus mit seinem Englisch-Lehrer einen prägenden, liberal eingestellten Charakter hat, ein vom Hass zerfressener Neo-Nazi werden konnte. Der Tod seines Vaters, der manipulative Cameron Alexander, der ihn und später seinen Bruder mit ein paar kleinen Lügen und der Aussicht, wirklich etwas verändern / bewegen zu können spielend leicht um den Finger wickelt, die allgemeine soziale Situation im Wohnort, für die Ausländer, wie etwa die asiatischen Supermarktbesitzer nun als Sündenböcke herhalten müssen, all dies sind Gründe dafür, wie Derek schließlich zum hasserfüllten Neo-Nazi wird und diese Konstruktion könnte kaum vielschichtiger, realistischer und glaubwürdiger sein.
Genauso überzeugend sind schließlich die Abkehr von der Neo-Nazi-Szene, die Gründe, weswegen er sich ändert, dargestellt. Anschließend versucht Derek, seinen Bruder davon zu überzeugen, dass er nicht denselben Weg wie er selbst einschlagen darf und hier werden auch die letzten Illusionen der Neonazi-Szene entlarvt und ad absurdum geführt. Obwohl man nach außen sehr familiär und loyal wirken will, wird Derek sofort von seinem ehemaligen Mentor und von seiner Freundin verstoßen, weil er aus der Szene aussteigen will, einer seiner besten Freunde, versucht sogar ihn zu erschießen. Anhand von seinem Bruder wird gezeigt, wie schwer es ist, die Szene wieder zu verlassen, dass das Leben in der fanatischen Vereinigung auf Dauer zur Sucht wird. Das Bild, das dabei von der Rechtsrockszene gezeichnet wird, ist realistisch, unter Anderem, weil man eben nicht nur vom Hass zerfressene und nicht allzu intelligente Schläger aus kaputten Familien konstruiert hat, die der Szene angehören, sondern auch charismatische, intelligente Charaktere, wie Derek selbst, oder der Anführer Cameron, und gerade deshalb wirkt der Einblick auch sehr erschütternd. Hier wird ebenfalls große Konsequenz bewiesen, genauso, wie beim ernüchternden Ende, dass dem einen oder anderen überhaupt nicht gefallen mag, aber ein Happy-End hätte dem realistischen und unkonventionellen Drama überhaupt nicht gestanden.
Erzählt werden die Fragmente aus der Vergangenheit Dereks und seine Versuche, in der Gegenwart, seinen Bruder vor dessen Untergang zu bewahren, von Regisseur Tony Kaye, der hier ein enorm eindrucksvolles Spielfilmdebüt in Szene setzt, einfach überragend. Die Ereignisse in der Gegenwart sind stringent geführt und lassen den Film dramaturgisch nach und nach an Fahrt aufnehmen und fesseln den Zuschauer so durchgehend ans Geschehen. Die Vergangenheit hingegen, die passend in tristem schwarz-weiß gehalten ist, wird episodisch durch Dereks Bruder Danny wiedergegeben, der für seinen Lehrer die Ereignisse um seinen Bruder reflektieren soll. Und hier muss man Kaye, auch wenn es rund um den Film ein ewiges Gerangel um die endgültige Schnittfassung gab, ein Kompliment machen: Jede Szene sitzt genau an der richtigen Stelle. Hätte Kaye den brutalen Mord schon am Anfang gezeigt, hätte er Derek dämonisiert und den Zuschauer nicht unbefangen ins Geschehen einsteigen lassen. Da die Szene, in der Dereks Vater hinterfragt, weswegen in der Schule nun Bücher von schwarzen Autoren gelesen werden, erst gegen Ende gezeigt wird, wirken die Worte, mit denen der Feuerwehrmann seinen Sohn zu beeinflussen versucht, umso härter, weil man weiß, welchen Weg Derek schließlich aufgrund dieses und anderen Faktoren eingeschlagen hat. Und so verhält es sich auch mit den übrigen Szenen aus der Vergangenheit, so ist es dramaturgisch ebenfalls sehr geschickt, dass der Gefängnisaufenthalt erst gegen Ende gezeigt wird, nachdem der vom Hass getriebene Neonazi Derek und der veränderte, einsichtige Derek ausreichend konstruiert wurden. So werden die Übergänge virtuos geschaffen und die einzelnen Facetten am ambivalenten Derek erst nach und nach enthüllt. Einfach grandios!
Musikalisch ist "American History X" meist sehr ruhig unterlegt, aber dies ist auch besser so, denn mit langen, ruhigen Einstellungen, etwa von Derek, während er duscht, sich durch die Haare fährt, zwingt Kaye den Zuschauer förmlich das Gesehene zu reflektieren und dies ist bei diesem hochanspruchsvollen Film auch zu jedem Zeitpunkt nötig. Stattdessen vermittelt Kaye optisch sehr viele Eindrücke neben dem Geschehen und dies nicht nur durch das düstere schwarz-weiß, in das Dereks Vergangenheit gehüllt wird. So gibt es kaum eine Szene, in der kein Harkenkreuz, kein Bild von Hitler oder andere Nazi-Symbole zu sehen wären, seien es nun die Tätowierungen der Neo-Nazis, Plakate bei den Rechtsrockkonzerten, oder die Poster in Dereks und Dannys Zimmer. Das Harkenkreuz prangt auch nach seinem Ausstieg auf seiner eigenen Brust, in seinem eigenen Zimmer über Derek und ist derart präsent, dass man die Gefahr, die vom Gedankengut, von der Neo-Nazi-Szene ausgeht, förmlich spüren kann und die späteren Szenen, in denen Derek schließlich das Kreuz auf seiner Brust mit der Hand vorm Spiegel verdeckt, oder die Poster im Zimmer abhängt, wirken so unglaublich befreiend und sind auch ohne, dass gesprochen wird, oder ein auffälliger Score zu hören ist, derart ausdrucksstark und fesselnd, dass man sich unmöglich abwenden kann. Bei diesem Film sitzt beinahe jede Szene.
Wäre noch zu erwähnen, dass nicht nur die Neo-Nazi-Szene kritisch betrachtet wird, auch die konkurrierende afroamerikanische Gang wirkt sehr bedrohlich und wird als gewaltbereit und brutal dargestellt. Man denke auch hier an das Finale. Damit bleibt "American History X" auch hier im Bereich des Realistischen, Authentischen und zeigt sich durch und durch polyperspektivisch. Hier enden alle Stereotypen und Konventionen.
Bei der ambivalenten und komplexen Konstruktion Dereks wird natürlich auch ein wandlungsfähiger, vielseitiger Hauptdarsteller benötigt, aber der ist definitiv vorhanden. Dass Norton durchaus die verschiedensten Charaktere meistern kann, hatte er vorher bereits ausreichend bewiesen, als schüchterner Messdiener in "Zwielicht", als Anwalt in "Larry Flynt" und auch später, beispielsweise in "Fight Club" oder zuletzt in "Das Gesetz der Ehre". Aber dies hier ist die beste Leistung in der Karriere des Charakterdarstellers, so ist er als muskulöser, hasserfüllter Nazi beängstigend gut und bei den Reden derart präsent, dass man sich ihm kaum entziehen kann. Nach der Entlassung spielt Norton den Aussteiger, der nun versucht, sein Leben und das seiner Familie wieder auf die Reihe zu bekommen, enorm sympathisch und ebenfalls gänzlich überzeugend. Die Nebendarsteller sind ebenfalls gut besetzt. So zeigt Edward Furlong eine solide Leistung, wobei er leider das schwächste Glied in einem grandiosen Cast ist, während Avery Brooks als engagierter Lehrer ebenfalls grandios aufspielt, Ethan Suplee das Klischee des brutalen und primitiven Nazis kaum besser ausfüllen könnte und Stacy Keach mit seiner charismatischen, starken und vereinnahmenden Art als Anführer der Neo-Nazis im Grunde nicht besser besetzt sein könnte. Da die Kamera oftmals sehr dicht an den Darstellern agiert, werden die grandiosen Leistungen zudem überaus gelungen eingefangen.
Fazit:
Hier fällt es wirklich schwer, die passenden Worte zu finden, um dieses Meisterwerk auf den Punkt zu bringen, ist es doch so komplex, anspruchsvoll und polyperspektivisch. Im Wesentlichen ist es der klischeefreie Umgang mit der Rassismus-, Gewalt- und Neo-Nazi-Problematik, der "American History X" auszeichnet und die grandiose Art, mit der der Werdegang von Derek geschildert wird. Ansonsten ist der Film inszenatorisch wie darstellerisch ausgezeichnet und sei jedem ans Herz gelegt, der gern ein Drama sehen möchte, das fern aller Stereotypen liegt und nicht mit der Moralkeule kommt. In diesem Sinne: Unbedingt ansehen!
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