Agatha-Christie-Verfilmungen gibt es reichlich, aber Werktreue ist dabei so eine Sache, denn Whodunits tragen sich selbst meistens nur in Buchform, während das auf Film gebannt meistens eine dröge Angelegenheit wird.
Da kann eine gewisse Aufpeppung nicht schaden, denkt man nur mal an Margaret Rutherfords Interpretation von Miss Jane Marple, für die die Autorin nun so gar nichts übrig hatte, auch wenn sie die Schauspielerin an sich schätzte.
Im Fall von Poirots Arbeiten ist die Umsetzung natürlich noch schwieriger, denn der kugelrunde und manierierte Belgier ist schon in Romanform weder eine brauchbare Hauptfigur leuchtender Art, noch ein ausgesprochener Sympath, sondern mehr ein kleinlicher Pedant mit einem klaren Köpfchen.
Im Falle von Sidney Lumets Verfilmung von "Mord im Orientexpress" mußte deswegen auch eine entsprechende Aufbereitung her und die lautete trotz anscheinender Unzugänglichkeit von Seiten des Publikums: Detaillierte Werktreue!
Der Film nimmt sich dermaßen ernst, daß es den modernen Zuschauer glatt verblüffen kann, denn die behäbige, immer wieder nur von Rückblicken und Zweiergesprächen weitergeführte Geschichte, wirkt selbst wie ein im Schnee festsitzender Zug, starr und ohne Ausweg.
Es ist nicht gerade Miss Christies wendigster und aufregenster Roman, aber er hat halt eine interessante Prämisse, einen exotischen Handlungsort und eine Vielzahl verdächtiger Personen.
Was lag da näher, als in zeitgenössischer Manier sich in die 20er oder 30er Jahre zu versetzten, den Express mit aller gebotenen Opulenz auszustatten und das Kabinett auseinanderzupuzzelnder Figuren mit den namhaftesten Schauspielern zu füllen, derer man habhaft werden konnte.
So liest sich die Besetzungsliste dann auch wie ein mörderisches Who's Who vom Besten, was es gibt, ungeachtet der Tatsache, daß keiner der Anwesenden richtig zum Zug kommt, weil ihm, abgesehen von dem jeweiligen Zwiegespräch mit Poirot fast keine eigene Szene bleibt, um die Figur weiterzuentwickeln.
Was bleibt, ist ein erlesenes Wachsfigurenkabinett, in dem John Gielgud den Butler aus dem Handgelenk serviert, Michael York und die Bisset so starr wie Statuen bleiben, Ingrid Bergman ihre Figur köstlich verzieht, Connery erwartungsgemäß einen Chauviarsch vom Militär gibt und daß Anthony Perkins sich sexuell uneindeutig durch seine Zeilen stammelt, als würde Mutter nebenan sitzen, versteht sich da von selbst.
Selbst Widmark als Mordopfer hat kaum mehr als ein paar kraftvolle Zeilen.
Womit die große Wirkung des Films voll und ganz auf Albert Finney liegt.
Sein Poirot ist die wohl passenste und ultimateste Darstellung von Christies Figur, penibel, geschniegelt, anspruchsvoll, selbstverliebt und arrogant, mit genau der Prise bissigem Humor, um den Zuschauer wach zu halten. Nicht daß man ihn deswegen irgendwie liebgewinnen könnte (tatsächlich bevorzuge ich Ustinov, wenn es um den Belgier geht), aber die Rolle sitzt wie ein Maßanzug oder brillantinisierte Haar angeklatscht an seinem Kopf. Finney ist Poirot, so wahr wie man ihn irgendwie nur machen kann und der Spaß der Rolle sickert durch all seine Zeilen.
Wäre Finney nicht in Höchstform, wäre der Rest zum Sterben langweilig, aber so bleibt man als Zuschauer an der Hand des Detektivs, der uns durch alle falschen Fährten bis eben zu doppelten Auflösung führt, die einmal nicht so vorgegeben wie in anderen Whodunits ist, sondern eine Variante beinhaltet.
Ansonsten bleibt der Film durchaus erlesen in Szene gesetzt und gespielt, doch eben wenig lebendig und über alle Maßen steif, weswegen er auch seltsam unmodern wirkt. Trotzdem eine Pflicht und Kür für Christie-Fans.
(7/10)