Vier Jahre nach "Tod auf dem Nil" ließ sich Ustinov überreden, den Poirot noch einmal zu geben, diesmal in "Das Böse unter der Sonne".
Das dabei angewandte Rezept kopiert ein stark den Vorläufer, wobei einige Elemente verstärkt und andere abgeschwächt werden.
Getreu dem Vorsatz "Never Change a Winning Team" wurde auch hier auf ein namhaftes Ensemble gesetzt, dies dann in eine exotische Location versetzt und dort auf begrenztem Raum (eben eine Insel) ein komplizierter Mordfall inszeniert.
Spielte das Buch noch auf einer englischen Insel, ließ man hier die Anwesenden in das Mittelmeer reisen, in das fiktive Tyrrenische Meer, irgendwo an der Adria. Das gibt dem Film einen wesentlichen Farbanstrich, denn die Hitze des Mittelmeers macht die Locations wesentlich attraktiver als alles, was ein englisches Wetter hätte bewirken können.
Zwei alte Bekannte haben sich ebenfalls aus dem Guillermin-Abenteuer herübergerettet: Maggie Smith mutierte von der Gouvernante zur Hotelbesitzerin und mimt nebenbei den Part von Poirots unglücklichem Stichwortgeber und Vermuter, während Jane Birkin vom Mordopfer hier in eine neue Leidensrolle als betrogene Ehefrau schlüpft.
Ansonsten neigt der Film aber ein wenig zur Übertreibung, karikiert seine Figuren fast mehr, als daß es ihnen einen humorvollen Anstrich verpaßt, wobei auch die altertümlichen Kostüme ein wenig zu dick aufgetragen erscheinen.
Natürlich sind die Dialoge wie schon im Vorgänger mehr als geschliffen (ja, geradezu beißend gut), aber Roddy McDowells aufwändig tuntiger Verleger und Sylvia Miles geradezu monströse Theaterproduzentin (die ihren Partner, den bereits todkranken James Mason kaum zu Wort kommen läßt) sind dermaßen comichaft gezeichnet, daß die ernsteren Figuren, der Mann des Mordopfers und die Teenagertochter irgendwie deplaziert wirken.
Besonders boshaft dabei noch Ex-Emma-Peel Diana Rigg als fieses Mordopfer, die an alle und jeden Schläge zu verteilen hat.
Ustinov würzt den Film, weitestgehend auf sich alleingestellt, mit noch mehr Selbstironie und nimmt die Figur einige Male regelrecht aufs Korn (Waren sie schwimmen, Mister Poirot? - Sie haben mich gesehen? - Nein! - Jaaa, ich war schwimmen!).
Das ist auch nicht schlecht, denn der Film ist auf sein eines großes Rätsel, den extrem kompliziert aufgebauten Mord fixiert, dessen Aufklärung nicht von schlechten Eltern ist. Die Zusammenführung der Indizienkette ist schon eine unterhaltsame Sache, auch wenn für den finalen Beweis schlußendlich ein ganz anderer (Zu-)Fall herhalten muß, mit dem der Film begonnen hatte.
Dieser Mord, der fast kommentarlos an den Filmanfang gehängt wird, ohne daß man als Zuschauer jegliche Verbindung zum Filmrest herstellen kann, klärt sich erst in den letzten Szenen aus verständlichen Gründen.
Aber letztendlich ist auch dieser Film nur ein großer Spaß, gewürzt mit einer schier unendlichen Zahl weltberühmter Cole-Porter-Songs, eingeführt durch einige wunderschöne Vortitelkarten der handgemalten Sorte und in Szene gesetzt vom James-Bond-Regisseur Guy Hamilton, der hier eine seiner letzten Arbeiten vorlegt.
In seiner Konzentration auf einen Handlungsort und seine Möglichkeiten und der wirklich flirrenden Hitze (einer der wenigen Filme, dem man per Fernbedienung mehr Farbe verleihen sollte, um das richtige Mittagslicht heraufzubeschwören) wirkt dieser Whodunit wie ein kraftvoller und unterhaltsamer in sich geschlossener Kosmos. Was für ein Urlaub: 10/10.