Review

Staffel 1

Kurze Vorbemerkung - meine Betrachtung der Serie geht kaum auf Storyinhalte ein. Dadurch wurden Spoiler vermieden und die wenigen aufgeführten Beispiele sind ohne Zusammenhang beschrieben, so dass sie nichts über den Fortlauf der Story verraten.

Michael Scofield (Wentworth Miller) verfolgt ein klares Ziel - er will seinen grossen Bruder Lincoln (Dominic Purcell) aus dem Gefängins befreien, in dem dieser auf den Vollzug der Todesstrafe wartet, und den er für unschuldig hält. Da das aus seiner Sicht von ausserhalb nicht funktionieren kann, begeht er einen überwaffneten Überfall, wird selbst zu einer Strafe verurteilt und in das selbe Gefängnis, in dem sein Bruder sitzt, eingeliefert. Von Innen heraus versucht er für sich und seinen Bruder seinen Fluchtplan umzusetzen...

Mit diesem Szenario steht "Prison Break" in der Tradition von "24", denn es gibt dem Zuschauer von Beginn an einen zeitlich begrenzten Rahmen vor, in dem sich die Handlung abspielen muss. Der Zeitpunkt der Hinrichtung steht fest und bis dahin muss Scofield sein Vorhaben umgesetzt haben. Auch wenn "Prison Break" weniger starr angelegt ist als "24", spielen die Zeitangaben, in denen immer wieder auf die noch verfügbaren Tage hingewiesen wird, eine wesentliche Rolle, denn viele der Probleme, die immer wieder auftauchen, bekommen erst dadurch ihren Spannungscharakter, dass man sich kaum vorstellen kann, wie sie in der Kürze der Zeit gelöst werden können.

Zusätzlich wird das noch durch den strengen Gefängnisalltag betont, der exakt aufgeteilt ist. Sämtliche Tätigkeiten, die zum Ausbruch führen sollen, müssen zeitlich so verzahnt werden, dass Scofield dabei nicht entdeckt wird. Immer wieder kommt es zu Szenen, in denen es um Sekunden geht, und die teilweise in Jetzt-Zeit ablaufen, worin die Parallelen zu "24" wieder deutlich werden. Die Macher verstehen es dabei sehr gut, diese "Cliffhanger" für ihren Spannungsbogen so zu nutzen, dass über den gesamten Zeitraum der 22 Folgen kein Spannungsverlust entsteht.

Betrachtet man im Nachhinein diese so detailliert ausgespielten Situationen, überrascht die extreme Geschwindigkeit der ersten Folge, in der die Voraussetzungen für die gesamte Handlung in wenigen Minuten geschaffen wird. "Prison Break" vermittelt keinerlei Hintergrundwissen und der Betrachter erfährt auch nicht, warum sich Scofield für die Lösung entschieden hat, selbst ins Gefängnis zu gehen. Genausowenig weiß man über seine Vorbereitungen, so dass in den späteren Folgen immer wieder Überraschungen auf den Betrachter zukommen. Nachteilig an der ersten Folge ist die damit verbundene erzählerische Oberflächlichkeit, der es noch nicht gelingt, Nähe zu den Darstellern herzustellen.

Möglicherweise wurde das von den Machern beabsichtigt, denn angesichts des Tempos, in dem Scofield schon in den ersten Folgen seinen Plan umsetzt, fragt man sich, wie die Season ihre Spannung über den gesamten Zeitraum aufrecht erhalten will. Das gelingt vor allem dadurch, dass ständig neue Personen hinzugefügt werden, die das Geschehen immer komplexer werden lassen. Durch die steigende Interaktion, zu der Scofield oft unfreiwillig gezwungen wird, erschliessen sich die einzelnen Charaktere immer differenzierter. Parallel dazu entwickelt sich auch die Handlung ausserhalb der Gefängnismauern, da Lincolns frühere Freundin und Anwältin Veronica Donovan (Robin Tunney) versucht, dessen Unschuld zu beweisen. Dabei gerät sie in den Blickpunkt von Verschwörern, die bis in die politische Spitze reichen, und die völlig skrupellos vorgehen.

Die Stärke des Konzeptes liegt darin, dass die eigentliche Story immer mehr zur Rahmenhandlung wird, die für unzählige kleine Geschichten genutzt wird, ohne das "Prison Break" den roten Faden aus den Augen verliert. Interessant in diesem Zusammenhang ist die moralische Gewichtung, die sich mehr und mehr verschiebt. Auch wenn durch positive Figuren (Stacy Keach als liberaler, korrekter Gefängnisdirektor) das System selbst nicht in Frage gestellt wird, ist es immer wieder beeindruckend, wie die Amerikaner in einer Fernsehserie sehr viel kritisches Potential einfügen und zu einer Komplexität in der Charakterdarstellung in der Lage sind, die weit über die meisten Filme hinausgehen.

Für den europäischen Betrachter ist es teilweise erschreckend, wie hart die Einzelnen bestraft werden. An Hand der Historie der Mitgefangenen von Scofield ist zu erkennen, wie schnell schon hohe Gefängnisstrafen für vergleichsweise harmlose Delikte ausgesprochen werden. Und "Prison Break" vermittelt keine Sekunde, dass es im Gefängnisalltag um Resozialisierung oder Wiedereingliederung geht.

An einer Figur wie dem Kleinganoven "Tweener" (David Apolskis) ist im Gegenteil zu erkennen, wie das Gefängnis im Grunde harmlose Burschen zu Verhaltensweisen zwingt, die nur weiter in den Abgrund führen. Auch die drastischen Strafen, die auf Fluchtversuch stehen, schrecken Niemanden ab, so dass das gesamte Rechtssystem der USA hier keinen guten Eindruck hinterlässt. "Prison Break" wirkt dabei in seiner Inszenierung keineswegs anklagend oder aufklärerisch, sondern einfach nur realistisch. Eine Realität, die dem amerikanischen Zuschauer vielleicht nur noch ein Schulterzucken abringt. Stattdessen entsteht beim Betrachter immer mehr Sympathie für die "Verbrecher" und deren ungesetzliches Vorhaben - eine schöne Umkehrung des sonstigen bürgerlichen Empfindens.

In seinem Willen, bestens zu unterhalten und die Spannung immer hochzuhalten, geht auch "Prison Break" manchmal sehr konstruierte Wege. So ist es schwer vorstellbar, dass ein 6-facher Mörder wie "T-Bag" (Robert Knepper) nicht in der Todeszelle sitzt. Allerdings handelt es sich bei ihm um eine der interessantesten Figuren, denn bei dem zudem noch rechtsradikalen Pädophilen zeigt sich am deutlichsten, wie einem auch die widerwärtigsten Figuren vertraut werden, wenn man sie komplex erlebt.
Auch das der zum Tode verurteilte Lincoln lange Zeit am normalen Alltag mitmachen darf und sogar zu der Arbeitsgruppe seines Bruders gehört, dürfte unrealistisch sein.

Diese Verschiebung der Gewichtung zugunsten einer spannenden Story ist vielfach im Detail zu beobachten. So forscht der korrupte Gefängniswärter Bellick (Wade Williams) zwar hinter einer Striptease-Tänzerin her, die Scofield besucht hat, und dieser landet auch einmal in Einzelhaft, als er nach einer Verbrennung den Täter nicht verraten will, aber wenn es andererseits zu Messerstechereien kommt, bei denen schwere Verletzungen oder Tote zu beklagen sind, passiert gar nichts oder wird nur sehr oberflächlich nachgefragt (Stichwort "Zehen").

Manchmal übertreibt es "Prison Break" mit seinen "Cliffhangern" und schafft es nicht mehr, eine schlüssige Lösung anzubieten. Besonders deutlich in dem Beispiel, als Sucre (Amaury Nolasco) ein Loch im Boden des Wärteraufenthaltraumes zu verbergen versucht. Zum Einen ist es völlig unrealistisch, dass man diese Ausbesserung nicht sieht (ausser man spachtelt den gesamten Raum, wofür er keine Zeit hatte), und dann akzeptieren selbst die sonst wegen Kleinigkeiten härtest bestrafenden Wärter, seine Ausrede, warum er sich nachts draussen auf dem Gefängnishof befindet. Allein seine Behauptung, er wäre heimlich nicht mit in die Zelle zurückgegangen, hätte normalerweise eine Untersuchung beim wachhabenden Personal nach sich ziehen müssen, denen seine Abwesenheit hätte viel früher auffallen müssen. So genau und fast schmerzhaft konsequent "Prison Break" meist vorgeht, so grosszügig geht die Serie manchmal über bestimmte Situationen hinweg.

Solche Schwächen lassen sich wahrscheinlich bei einer so langen Laufzeit nur schwer vermeiden und ändern nichts am sehr guten Gesamteindruck einer Serie, auf deren Fortsetzung man regelrecht hinfiebert (8,5/10).

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