Prison Break ist das Paradebeispiel einer Superserie, die auch beim Publikum so gut ankommt, dass sich die Sender dazu entschließen, die Kuh solange zu melken, bis es nicht mehr geht - und leider darüber hinaus!
Ursprünglich als 13-teilige Miniserie konzipiert wird hier in 4 Staffeln und einem Abschlußfilm alles aus diesem Plot herausgequetscht, was geht.
Mit Abstrichen ist das sogar gut so, doch mehr dazu gleich en Detail, Staffel für Staffel betrachtet.
Staffel 1: Die Grundprämisse und der Ausbruch
Lincoln Burrows sitzt unschuldig im Todestrakt und sein jüngerer Bruder begeht einen Banküberfall, um sich ins gleiche Gefängnis einsperren zu lassen. Der Plan: Er will seinen Bruder aus dem Gefängnis befreien. Der Clou: Er ist irgendwie an die Pläne des Gefängnisses gekommen und hat sich dies auf seinen Körper tätowieren lassen.
Während der Vorbereitung der Flucht werden Allianzen geschlossen, gekündigt, Pläne geschmiedet, verworfen, neue Charaktere eingeführt, unverhofft bekannte Gesichter relativ früh wieder rausgeschrieben.
Zur gleichen Zeit versucht die Anwältin der beiden Brüder die Unschuld beider zu beweisen und stößt auf eine weitreichende Verschwörung bis in die oberste Regierungsbehörden.
Und über allem droht die Hinrichtung des Bruders in drei Wochen.
Im Prinzip kann man festhalten, dass die beiden parallel verlaufenden Handlungsstränge (Knast drinnen und Verschwörungsthriller draußen) nicht wirklich miteinander harmonieren wollen, die ganze Serie lebt nur von der Spannung und Atmosphäre im Gefängnis. Hier merkt man anfangs ganz genau, den Miniserien-Charakter der Serie und den Ballast der zweiten Handlungsebene. Dennoch: Je länger die Serie dauert und je weiter die Staffel voranschreitet, desto organischer und eher paßt es zusammen.
Die Spannung steigert sich von Folge zu Folge, die Serie nimmt sich tatsächlich auch die Zeit, die eingeführten Charaktere zu vertiefen und ihnen gewisse Dimensionen hinzuzfügen, was letzten Endes auch dafür sorgt, dass man für die Auflösung des ganzen mitfiebert.
Gestandene Charaktere wie Stacy Keach und Peter Stormare spielen eiegntlich gegen den Strich besetzt gute und interessante Figuren. Und genau da, wenn man glaubt, es würde langsam repetitiv und langweilig werden, wird mitten in der Staffel eine überaus interessante und gelungene Rückblendenfolge gezeigt, die die Spannung erneut auf den Siedepunkt treibt.
Und was definitiv zu den glücklichsten Fügungen der Serienlandschaft der letzten Jahrzehnte gehören dürfte: Robert Knepper spielt den Asozialen Kindsmörder und -triebtäter mit einer derartigen Innbrunst, dass man sich sogar fast fragt, was so eine schillernde Figur in einer Pop-Serie zu suchen hat. Denn es macht eine unglaubliche Freude, diesem Mann zuzuschauen. Da hat sogar Peter Stormare das Nachsehen, obwohl das ja eigentlich der Mann für skurille Figuren ist.
Auch ist bemerkenswert, dass von Vornherein eine gewisse Stimmung aufgebaut wird, die impliziert, dass es nicht unbedingt auf ein Happy-End hinauslaufen muß: Der Anfangs strahlende Held Michael Schofield (ja, die Brüder haben unterschiedliche Nachnamen) verleirt recht früh mehrere Zehen und ist auch mal indirekt für den einen oder anderen Tod mitverantwortlich, vor allem auch als eine Gefängnisrevolte in die Wege leitet, um weiter mit seinem Plan voran schreiten zu können.
Alles in allem gipfelt die Serie in einem Weltklasse-Finale, welches sich über mehrer Folgen hinzieht und auf dem spannendsten Punkt abrupt endet.
Wie gesagt: Fast perfekte Serie mit einigen Durchhängern und Verschmelzungsproblemen der beiden Handlungsebenen, die aber gegen Ende allesamt nicht ins Gewicht fallen, da man nicht vergesssen darf, dass 22 Folgen nun mal auch etwas Füllmaterial benötigt.
Superstaffel: 9 Punkte
2. Staffel: Die Flucht
Und hier muß man sagen, dass es fast so wirkt, als hätte es nie eine Pause gegeben: Atemlos geht es weiter: 8 Gefangene sind geflohen und das FBI sowie die geheime Organisation sind hinter ihnen her. Manchmal ist es sogar so, dass beides Hand in Hand geht, die Flüchtigen zu kriegen: Tot oder Tot!
Und auch hier, sogar mehr als in der ersten Staffel, gilt: Keiner der darsteller ist bis zum Schluß gesetzt, relativ früh werden zwei der wichtigsten Charaktere aus Staffel 1 beseitigt. Und Stück für Stück zieht sich die Schlinge um den Hals der Flüchtlinge enger, im wahrsten Sinne des Wortes.
Spätestens als einer der absoluten Sympathieträger der gesamten Serie zum Wohle seiner Familie nach seiner erneuten Gefangennahme dazu gezwungen wird, sich in seiner Zelle zu erhängen, dürfte auch dem letzten Zuschauer klar sein: Anything goes.
Dies gilt in dieser Staffel aber auch der Charakterzeichnung aller Beteiligten. War Staffel 1 noch hauptsächlich spannend wegen dem Zeitdruck bzgl. der näherkommenden Hinrichtung bezieht diese Staffel auch seine Spannung aus den verschiedensten Charakteren und ihrer Entwicklung auf der Flucht. Und hier muß man erneut den teuflisch guten Robert Knepper hervorheben, dem seine Autoren eine verdammt dankbare Aufgabe verschaffen, indem sie einen wirklich grandiosen Charakter zeichnen: Obwohl ein Triebtäter vor dem Herren und abgrundtief böse wird sein Charakter eigentlich als eine zutiefst tragische dargestellt ohne Aussicht auf Erlösung.
Ähnlich verhält es sich mit den meisten anderen Figuren: Erlösung ist nicht in Sicht. Genausowenig für die beiden Brüder, denn nun da die Freiheit in sichtbare Nähe rückt, meldet sich das Gewissen ob der fatalen Konsequenzen für manche Menschen.
Doch auch in dieser Staffel gibt es zur Mitte einige Längen und die zweite Hälfte kann (eigentlich nur natürlich) die Qualität der ersten Hälfte nicht mehr aufrecht erhalten. Vor allem fällt auch in dieser Staffel auf, dass die Cash-Cow Prison Break gemolken werden muß und daher wird relativ willkürlich eine dritte Staffel aufgebaut. Denn eigentlich sieht alles danach aus, als ob diese Staffel auch das Ende der Serie werden könnte, sei es nun mit einem Happy End oder auch nicht.
Und das Ende erhöht das Tempo wieder gewaltig, manche Charaktere stürzen ganz tief, andere wiederum werden rehabilitiert, doch das Ende an sich ist ein ganz böses Spiel.
Fast besser als Staffel 1, mit kleinsten Makeln: 9 Punkte
Staffel 3: Panama
Zum Glück kam der Autorenstreik, dadurch konnte diese Staffel relativ knapp gehalten werden. Es gibt keinerlei Längen, die Staffel ist superspannend, die Charakterzeichnung kommt nicht zu kurz, vor allem Bellick, der mega-arschige Wärter aus Staffel 1, wächst einem mit dieser Staffel sehr ans Herz. Auch Mahone bekommt genügend Raum zur Entfaltung, glücklicherweise hat man den gestandenen darsteller William Fichtner zur Verfügung.. Und nicht zu vergessen T-Bag (gespielt vom wie immer genialen Robert Knepper). Die Brüder haben wieder einmal alle Hände voll zu tun. Es wird ein neuer Bösewicht in Gestalt einer angeblichen Femme Fatale daher, welche für meinen Geschmack allerdings zu halbgar ist. Dafür gilt aber auch in dieser Staffel, dass niemand gesetzt ist, und man auch vor unpopulären Entscheidungen nicht zurück schreckt, um seine Story zu erzählen: So wird eine absolute Hauptfigur relativ früh in dieser Staffel geköpft!
An und für sich genommen ist auch diese Staffel sehr gut, aber sie paßt ein bißchen schlecht ins Gesamtbild, weil die eigentliche Verschwörungsgeschichte damit ziemlich in den Hintergrund rückt, und sie lebt nur von der Spannung. Die neu eingeführte Figur des Whistler bleibt lange mysteriös und das Ende der Staffel ist endlich das: Ein vernünftiges Ende mit genügend ausbaufähigem Potential, aber dennoch ein den Umständen entsprechend schönes Ende.
Eigentlich besser als ihr Ruf, aber weil es so gar nicht ins bisherige Universum der Serie paßt, dennoch ein leichter Abstieg: 8 Punkte
Staffel 4: Serienende
Die Quoten sanken von Staffel zu Staffel, das Budget sank und eigentlich gab es auch keine richtige Geschichte mehr zu erzählen. Ganz zu schweigen von Logiklöchern so groß wie der Grand Canyon.
Was tut man also? Man beendet die Serie mit einem letzten Griff zum Melkfett!!
Will heißen: Unlogische Entwicklungen, Verwicklungen, hanebüchene Wendungen und ärgerliche Charaktereinführungen.
Und über allem: Das Melancholische Summen des bevorstehenden Serienendes. Allein die Tatsache, dass relativ früh einer der profiliertesten und liebgewonnenen Charaktere das Zeitliche segnet und man sich auch die zeit nimmt, ihn zu ehren, zeigt, dass man sich des bevorstehenden Endes seitens der Macher bewußt war.
Ansonsten ist diese Staffel eher Mittelmaß: A-Team (nachdem sie gefangen wurden und für Robert Vaughn arbeiten mußten) und Mission Impossible (die Serie versteht sich) typisch werden Woche für Woche unlösbare Aufgaben gelöst, die ein großes Ganzes ergeben sollen. Und zur Mitte der Staffel ist auch das geschafft, so dass die Bösen hinter der ganzen Serie besiegt werden könnten, und endlich ein Ende mit Würde in Sicht käme. Doch nein: Es werden nochmal 10 Folgen rangequetscht, die - fast schon natürlich für diese Serie - ungeheuer spannend sind, aber fast noch mehr ärgerlich, weil die Intelligenz des Zuschauers ganz böse beleidigt wird.
Was einen besonders in dieser Staffel ärgert: Ganz "überraschende" Familienentwicklungen, ein vererbter Hirntumor, die Rückkehr mehrerer "gestorbener" Charaktere und ein Michael Schofield, der die gesamte Staffel eigentlich zur Passivität verurteilt scheint. Fast wirkt es, als wäre Wentworth Miller zu fett und träge geworden, um seine Rolle adäquat zu spielen. Auch ist die Wendung gegen Ende, um alles doch noch zufrieden stellend zu beenden, dermaßen abstrus und konstruiert, dass man sich am Endresultat kaum erfreuen kann. Und besonders ärgerlich ist Michael Rapaport, zwar ein guter Schauspieler und auch hier nicht schlecht, aber irgendwie wirkt er immer nur wie ein fünftes Rad am Wagen. Und zu guter Letzt: in der ersten Hälfte der Staffel befindet sich ein richtig "furchteinflößender" Handlanger der bösen Organisation auf den Fersen der Flüchtlinge, in Wahrheit mit dem Charisma eines netten Bud Spencer, also eine totale Verarsche.
Was einen dennoch etwas milde stimmt: T-Bags Entwicklung und die Möglichkeit, ein anderes, besseres gutes Leben zu führen, seine gesamte charakterliche Entwicklung seit Staffel 1 ist in sich stimmig und absolut rund. So wie eigentlich bei der gesamten Urbesetzung. Das Ende ist tatsächlich eines, ohne Wenn und aber, zumindest wurde die Serie hier glücklicherweise nicht vorher beerdigt. Und das Ende, bzw. die letzten fünf Minuten, wo man einen kurzen Blick in 4 Jahren in die Zukunft gewährt bekommt, sind einfach nur phänomenal.
So bekommt diese prinzipiell grandiose Serie nach schwacher Staffel doch noch das Ende, das es verdient.
Letzten Endes ist die Staffel an sich kein Beinbruch und nach wie vor besser als so manch andere Serie, aber den Ansprüchen der vorherigen Staffeln kann sie nicht das Wasser reichen: eigentlich 5 Punkte, aber wegen dem Superende 6 Punkte.
Abschlußfilm: Epilog
Dies ist ein weiteres Vehikel, um das Produkt Prison Break ein letztes Mal zu melken, allerdings mit einem relativ bescheidenen Budget, weil der Erfolg am Ende doch zu stark nachließ. Und das merkt man dem Film leider auch an: Es wird eine straffe Geschichte erzählt, die ein tragisches Ende haben wird, auf welches bereits am Ende der vierten Staffel verwiesen wurde.
Charakterliche Entwicklung gibt es in diesen knapp 85 Minuten natürlich nicht mehr, nur noch Spannung und ein finaler Twist, den wir ja auch alle kennen. Insofern lediglich ein leidlich interessanter Nachklapp, leider auch legitim und gerechtfertigt.
Muß man ihn sehen? Nein. Kann man ihn sehen und genießen? Nur als Fan der Serie.
5 Punkte (kommt nicht in die Gesamtwertung, weil es unter Staffel 4 subsummiert werden kann und hier keinerlei Einfluß auf die Gesamtwertung der Staffel haben wird)
Gesamtwertung:
Staffel 1: 9
Staffel 2: 9
Staffel 3: 8
Staffel 4: 6
Durchschnitt: 8 Punkte
Gesamtfazit: Eine der besten Serien der letzten Jahre, ungeheuer spannend und konstruktiv, sowie nicht scheuend, gewisse Risiken einzugehen. leider gegen Ende eine herbe Enttäuschung, was aber auch darin begründet liegt, dass die ersten beiden Staffeln das Nonplusultra waren.