Der Ausbruch ist ein Standard des Gefängnisfilms, immer wieder gesehen – doch es ist schon ein reizvolles Konzept, eine Serie daraus zu stricken.
Hauptfigur ist der Architekt Michael Scofield (Wentworth Miller), ein wahres Genie, der einen Banküberfall begeht, um im Foxriver-Gefängnis zu landen, wo sein Bruder Lincoln Burrows (Dominic Purcell) auf die Todesstrafe wartet – für einen Mord, den er nicht begangen hat. Michael hat einen Ausbruchsplan, in Tätowierungen auf seinem Körper verewigt, doch er muss feststellen, dass hinter dem Versuch seinen Bruder zu beschuldigen eine ganze Horde Verschwörer steckt.
Soweit also das Konzept der ersten Staffel, doch aktuell wird ja jede quotenträchtige Serie auf Gedeih und Verderb verlängert – doch wie soll das bei einem Serie gehen, der Staffelziel schon im Titel erklärt ist: Der Ausbruch. Was soll danach kommen? Werfen wir einen Blick auf die verschiedenen Staffeln:
In der ersten und unbestreitbar besten Staffel geht es nun um besagten Ausbruch. Kleine Details sind wichtig, z.B. die Chemikalien, die Michael bei jedem Besuch auf der Krankenstation ins Abwasser kippt, eine kleine Schraube, die er aus einer Bank entfernt usw. Allerdings bleiben seine Pläne nicht unbemerkt, wodurch die Ausbruchscrew ungewollt Verstärkung bekommt, darunter Michaels Zellenkumpan Fernando Sucre (Amaury Nolasco), der Mörder Theodore ’T-Bag’ Bagwell (Robert Knepper) oder der Mafiaboss John Abruzzi (Peter Stormare). Kleine Animositäten kochen hoch und erschweren den Ausbruch, der natürlich erst in der finalen Folge kommt – insofern ist dem Zuschauer schon klar, dass jeder frühere Versuch scheitern wird.
Doch das zehrt kaum an der Spannung, welche die erste Season aufbaut. Parallel zu den innerknastigen Vorgängen wird die Verschwörung beleuchtet, die extrem weite Kreise zieht und gleichzeitig auch Potential für eine Verlängerung der Serie bietet. Auch die Tatsache, dass „Prison Break“ hin und wieder arg auf Knastfilmklischees setzt, stört kaum, da die erste Season einfach extrem dicht und stimmig erzählt ist (8,5/10).
Season 2 setzt nun folgerichtig dort an, wo die erste aufhörte: Beim Ausbruch. Denn die Flucht verschiedener Schwer- und Schwerstkrimineller lassen die Behörden natürlich nicht auf sich sitzen, die Verschwörer wollen das Brüderteam zur Strecke bringen, wodurch die Geschichte zwar vom Kammerspiel zur Freilufthatz wird, doch Season 2 fügt sich erfreulich homogen ins Gesamtbild ein. Michaels Tattoos sind erneut der Schlüssel, denn auch der Fluchtplan ist dort eingeschrieben – den allerdings auch FBI-Agent Alexander Mahone (William Fichtner), ein beinahe ebenbürtiges Mastermind, entschlüsseln könnte. Ein würdiger Gegenspieler für die Hauptfigur. Gleichzeitig wird häppchenweise immer mehr über die Verschwörer, die so genannte Company, enthüllt, während die Gruppe der Flüchtigen sicht aufsplittet: Wechselnde Allianzen und Ränkespiele, mal getrennte, mal gemeinsame Fluchtwege und eine konsequente Weiterentwicklung der Beziehungen innerhalb des Kreises von zentralen Charakteren sind angesagt.
Natürlich leidet die Glaubwürdigkeit ein wenig, wenn man bedenkt, was Michael alles eingeplant haben soll, der eine oder andere Handlungsstrang wirkt wie Füllmaterial, doch insgesamt ist Season 2 nur etwas schwächer als der tolle Vorgänger. Vor allem der gesteigerte Actionanteil mit diversen Schießereien und einigen schick choreographierten Nahkampfeinlagen bringt Sympathiepunkte und gleicht andere Schwächen aus (8/10).
Season 3 dagegen entpuppt sich als bemühter Versuch eines ’back to the roots’-Konzepts: Quasi alle noch verbliebenen Hauptfiguren werden durch eine Intrige der Company in einen Höllenknast in Südamerika verfrachtet, Michael soll gezwungen werden, jemanden von dort zu befreien, was unter den erschwerten Bedingungen ein harter Job ist. Eine ausgesprochen mäßig geschriebene Staffel, welcher der Autorenstreik sogar zugute kam, denn dadurch hat sie glücklicherweise nur 13 Folgen. Doch selbst diesen fehlt eine klare Linie, diverse Plottwists wirken arg gewollt und zwischendrin muss man sich immer wieder über Hänger beklagen. Figurenseitig wechseln sich Licht und Schatten ab: Während sich manche Verhältnisse interessant entwickeln (das von Michael zu Mahone, das von Bellick zu Sucre), werden andere kaum bis gar nicht weiterentwickelt (gerade Lincoln wirkt in manchen Folgen nur wie ein besserer Statist).
Einige handfeste, krachige Actioneinlagen, unter anderem ein Hubschrauberangriff auf das Gefängnis sorgen zwischenzeitig für Highlights, während die Ausbruchsvorbereitungen nur ein Schatten dessen sind, was Season 1 bot. Es fehlt das planerische Genie, da Michael von Folge zu Folge nur improvisiert und der Batzen an Subplots so groß ist, dass der Ausbruch nur ein Strang unter vielen bleibt (5/10).
Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für eine vierte Season, die es nur aufgrund massiver Fanproteste noch gab. Doch Season 4 beginnt durchaus vielversprechend, setzt Michael und seine Getreuen auf Scylla, die wichtigste technische Errungenschaft der Company, an. Wieder muss der Diebstahl organisiert werden und in der ersten Hälfte macht Season 4 alles richtig, doch zur Halbzeitmarke ist der Coup dann gelandet und „Prison Break“ wird zu einer Light-Variante von „24“: Ständige Seitenwechsel der kaum noch zu durchschauenden Figuren müssen als gewollte Plottwists herhalten, immer unglaubwürdigere Wendungen werden aus dem Hut gezaubert (z.B. wenn eine tot geglaubte Person aus Michaels und Lincolns Vergangenheit eine zentrale Rolle spielt). Immerhin: Gelegentliches Geballer sorgt für Kurzweil und man lässt jeder Figur seine Momente: T-Bags Aufstieg als angeblicher Geschäftsmann, Bellicks Heldentat oder Mahones Racheakt an einem Killer sind echte Gänsehautmomente, die in Erinnerung bleiben.
Zudem fängt sich Season 4 gegen Ende, kann in den letzten zwei Folgen (also den richtigen letzten zwei, nicht dem nachgeschobenen „The Final Break“) wieder fesseln und endet mit einem kleinen Zeitsprung in die Zukunft, welcher das weitere Schicksal der Figuren beleuchtet und die Serie damit würdig abschließt. Schade nur, dass der Mittelteil der Season solcher Salat ist (6,5/10).
Rein rechnerisch käme jetzt aus den Einzelwertungen der Seasons eine 7 heraus, doch aus verschiedenen Gründen erhält „Prison Break“ insgesamt eine 7,5 bis knappe 8 meinerseits. Zum einen kann man die dritte Season, die noch dazu kürzer als die übrigen ist, als Ausrutscher nach unten sehen, zum anderen tut sich „Prison Break“ durch das originelle Konzept der ersten Season hervor, auch wenn spätere Staffeln daran sägten. Außerdem muss man honorieren, dass die Figurenentwicklung über vier Seasons hinweg funktioniert, trotz gelegentlicher Schnitzer. Doch selbst für den Mörder T-Bag baut man eine Art Sympathie auf – obwohl er auch in der Serie eiskalt Leute beseitigt. Allerdings wirkt T-Bag auch als Gegengewicht, denn ansonsten scheinen ja fast nur unschuldige Leute in amerikanischen Gefängnissen (vor allem in Foxriver) zu sitzen, denn scheinbar hatten die Autoren Angst ihre Hauptfiguren zu negativ zu zeichnen.
Schauspielerisch ist die Serie auch durchweg hohem Niveau, wobei überraschenderweise Hauptdarsteller Wentworth Miller noch am blassesten bleibt, was aber auch an der etwas zu herzensguten Rolle liegt. In den Nebenrollen liegt dagegen Potential, gerade William Fichtner ist absolut fantastisch als von inneren Dämonen getriebener Mahone, während Robert Knepper den Widerling T-Bag zur heimlichen Hauptfigur aufbaut.
Insofern bleibt eine anfangs originelle Serie mit ausgesprochen guter Figurenzeichnung, wenngleich die letzten zwei Seasons deutlich abbauten – aber das Schicksal teilt „Prison Break“ mit vielen zu oft verlängerten US-Serien.