Review

„Die plötzliche Erlösung ist nichts als Illusion. Egal wie schwierig das Leben ist, lasst uns nicht davon abwenden.“ - Keiichi Ikari

Die Designerin Tsukiko Sagi wird nachts hinterrücks überfallen und mit einem Knüppel niedergeschlagen. Die beiden ermittelnden Polizisten Ikari und Maniwa erfahren von der verängstigten jungen Frau, dass es sich bei dem Täter um einen Jungen auf goldenen Rollerblades mit einem goldenen, verbogenen Baseball-Schläger gehandelt hat. Ikari vermutet bald, dass Sagi den Überfall nur vortäuscht, um Aufmerksamkeit aus sich zu ziehen. Doch dann wird ein Journalist von dem Unbekannten niedergeschlagen. Ebenso zwei Schuljungen. In Tokio machen sich Gerüchte breit um „Shounen Bat“, dem geheimnisvollen Schläger.

Nach einer langen, ergebnislosen Suche kommt den beiden Polizisten Kommissar Zufall zu Hilfe: Einem korrupten Polizisten gelingt es, Shounen Bat bei einem Angriff zu überwältigen. Doch der Junge namens Kosuka entpuppt sich als verstörter Psychotiker, der ein eine Traumwelt flüchtet. Dort jagt er dem „Goma“ hinterher, das von harmlosen Bürgern Besitz ergreifen will. Maniwa ist sich schnell sicher, dass Kosuka nur ein Trittbrettfahrer ist, während Ikari den verwirrten Jungen so unter Druck setzt, dass es zur Katastrophe kommt. Nachdem die meisten Tokioter glauben, der Schrecken sei nun vorbei, setzt sich Maniwa an sein CB-Funk und verkündet: „Shounen Bat ist immer noch da draußen.“

Während Anime-König Hayao Miyazaki (Das wandelnde Schloss“) sein Publikum in Familien gerechte (und wunderbare) Welten entführt, nutzt sein Spezi Isao Takahata („Only yesterday“, „Die letzten Glühwürmchen“) das Medium, um mit ungewohnten Stilmitteln reale Geschichten sehr emotional zu erzählen. Irgendwo dazwischen liegt Satoshi Kon. Sein Debüt, der Psycho-Thriller „Perfect Blue“ (1997) um einen Stalker, der einer jungen Schauspielerin nachstellt und sie fast in den Wahnsinn treibt, sorgte nicht nur bei Animationsfreunden für Aufregung. Sein „Millennium Actress“ (2001) um die surreale Zeitreise eines japanischen Stars gilt als einer der besten Zeichentrickfilme aller Zeiten.

Bei den „Tokyo Godfathers“ (2003), einem Quasi-Remake des John-Ford-Weihnachtswesterns „Three Godfathers“ schlägt er auch den Weg des Familienfilms ein, wenn auch mit mehr als schrägen Protagonisten. Drei Obdachlose, eine kleine Ausreißerin, ein Alkoholiker und eine Tunte, entdecken in Tokio ein elternloses Baby. Auf der Suche nach der Mutter geraten sie auf eine merkwürdige Großstadt-Odyssee voller seltsamer Begebenheiten und Wunder.

Anders als Miyazaki und Takahata, die sich einst vom Fernsehen abwandten („Heidi“), zieht es Kon in seinem vierten Werk ins Pantoffelkino. Und dort gelingt ihm tatsächlich sein Opus Magnum. In den 13 Folgen seines „Paranoia Agent“ kann er seine absoluten Stärker ausleben: Das Vermischen von filmischer Realität und den Träumen und Ängsten seiner Protagonisten. So zeichnet er ein meisterhaftes Zerrbild der Stadt, die der bekennende Tokioter Kon zwar liebt, aber auch fürchtet. Urbane Ängste, sexuelle Obsessionen und Furcht vor Vereinsamung und Verelendung prägen die Bürger der Metropole durch alle Schichten. Und erst einmal in die Enge getrieben, sehen sie keinen Ausweg mehr. Bis Shounen Bat erscheint.

SPOILER: Schon nach der Hälfte der Serie verlässt Kon seine Erzählstruktur, die Täterhatz wäre auch nicht länger nachvollziehbar. Längst ist klar, dass Shounen Bat für die Angst vor den schweren, ausweglos scheinenden Herausforderungen im Leben steht, für den Wunsch nach schneller Erlösung. Und Selbstmord. Manche Momente sind für Europäer vielleicht nicht ganz nachzuvollziehen, aber die Hauptgedanken der Figuren dürften allen bekannt sein. Rückzug ins eigene Ich, Flucht in Fantasiewelten, der Beruf ersetzt das eigentliche Leben. Durch die Vermischung der verschiedenen Gedankenwelten der Hauptfiguren wird „Paranoia Agent“ immer skurriler, gleichzeitiger aber auch treffender. Sogar eine Art Superheld wird eingeführt. Dem auch das letzte erschreckende Bild gehört. SPOILER ENDE!

Am ehesten ist „Paranoia Agent“ wohl wirklich als großstädtisches „Twin Peaks“ mit „X-Files“-Anleihen zu sehen. Doch während David Lynch damals den Fehler (?!?) machte, zu viele Erzählfäden aufzugreifen und wieder fallen zu lassen, ist Kons Mini-Serie schlüssiger. Wenn der korrupte Polizist am Ende neben seiner apathischen Tochter auf der Bank sitzt und traurig in den Himmel blickt, weiß der Zuschauer nicht, wie es mit den beiden weitergehen soll, ein Happy-End wird es aber nicht geben.

Zu den Animationen braucht man bei Kon wohl nicht zu sagen. Wie in allen seinen Werken vermischen sich cartoonhafte Figuren und großartig Hintergründe zu einer eigenen Welt. Zu erwähnen bleibt noch die herausragende Musik von J-Popper Susumu Hirasawa („Berserk“) der ebenso hinreißende wie tieftraurige Melodien beisteuert. Übrigens: Ganz nebenbei erfährt der Zuschauer alles über den Stress bei der Entstehung einer Anime-Serie.

Also los. Reist nach Tokio. Besucht die Gedankenwelt eines ebenso begnadeten wie intelligenten Filmemachers und seht Euch „Paranoia Agent“ an. Dann begreift Ihr: „Shounen Bat“ ist immer noch da draußen. Auch bei uns.
10/10

Details
Ähnliche Filme