Review

Tokyo ist verwirrt. Verwirrt, verängstigt und geschockt. Ein skrupelloser Schläger geht um. Ein Schläger mit goldenen Rollerblades und goldenem Baseballschläger. Er wird Shounen Bat getauft. Lange tappt die Polizei im Dunkeln über Motive des Täters und eventuellem Zusammenhang der Opfer, bis sie sich schließlich dazu durchringen müssen, eine der unglaublichsten Theorien zu glauben, die man nur anstellen kann: Shounen Bat scheint nur zu Leuten zu kommen, die in einer ausweglosen Situation sind, sei es eine unter Erfolgsdruck stehende Comiczeichnerin, gemobbte Jugendliche oder eine schizophrene Lehrerin, die an ihrem zweiten Ego beinahe zerbricht. Das Unglaubliche daran: Die Überfälle scheinen die Betroffenen nicht zu "brechen" sondern in gewissem Sinn zu erlösen ! So wächst der Mythos und Shounen Bat steigert sich zur Legende...

"Sic transit gloria mundi"...wie der Lateiner in mir zu sagen pflegt. Naja gut, ein Latinum haben sie mir nach der 11. Klasse trotzdem nicht gegeben, aber dieses Zitat von...wem auch immer... erscheint mir in letzter Zeit, bei diversesten Anlässen, äußerst passend.
Und der Spruch vom " vergangenen Ruhm..." kam mir auf ein Neues bei "Paranoia Agent" in den Sinn.

In gewissem Sinn kann ich hier meine "Zuneigung" zu Animes erklären. Animes sind schön aufgeteilt auf mehrere DVD's, präzise 4 bei "Paranoia Agent", somit auch separat kaufbar, zu irrwitzigen Preisen, somit auch manchmal separat empfehlenswert, oder eben nicht. Um diesen Relativsatzwulst in verständliche Bahnen zu lenken: Nach den ersten beiden DVD's sah ich mich schon in meiner Review mit Superlativen um mich schmeißen bzw. schon überzeugten Anime-Fan, der anscheinend von jedem ihm empfohlenen Titel begeistert ist. Nach der dritten DVD war ich etwas beruhigter, da hier doch ( Gott sei Dank! ) Kritikpotenzial vorhanden ist ( nervende oder überzogene Charaktere ). Dann kam die 4 DVD und ich muss sagen: NEIN !!!!!
An alle Leute da Draussen, ob Anime-Fan oder nicht, kauft euch die ersten 3 DVD's... und überlegt euch dann selber einen Schluß; er kann eigentlich nur besser sein, als das, was einem hier von den Machern vorgesetzt wird.

Die ersten 7-8 Folgen sind an Brillianz kaum zu überteffen und gehören mit zum besten, was ich jemals gesehen habe. Die einzelnen Episoden, die mit Ausnahme vom sporadischen Auftreten zweier Polizisten und eben Shounen Bats, nahezu komplett eigenständig ablaufen, sind psychologisch intensiver, schockierender und bedrückender als ein Großteil der Real-Psychodramen. Die unglaubliche Masse an verschiedenen " Verzweiflungsmöglichkeiten ", die das Leben so bieten kann, ist, ob schon einmal erlebt oder nicht, einfach glaubwürdig und vor allem nachvollziebar.
In den späteren Folgen dreht alles ( animetypisch ) zwar etwas ab ( Glaubwürdigkeit ade...), aber die einzelnen Geschichten bleiben nach wie vor faszinierend. Spätestens ab der zehnten Folge wurden eine Unmenge an falschen Fährten und Hinweise auf potentielle Lösungen für den ganzen Ramsch, ins Volk geschmissen. Wenn man einigermaßen dabei war, hat man fünf bis sechs ( zwar äußerst vage, aber immerhin...) Lösungsvorschläge bei der Hand. Tja, die Auflösung, die dann wirklich kam, hatte in ihrer Art, wie sie dargeboten wurde, nicht viel damit zu tun.
Das sich die extrem eigenartige Geschichte um Shounen Bat nicht einfach mit einem TV-Krimi mäßigen " Wir haben alle Beweise zusammengefügt und der Täter ist Herr Blablabla..." auflösen läßt ist klar. Allerdings, ob ein total sinnfreier, pseudoapokalyptischer, actionmäßig vollkommen überzogener, Psychomonster-Samurai-Duell Schlonz wirklich die bessere Alternative ist, möchte ich dann doch massiv bezweifeln, auch wenn die Grundaussage des Schlußes verdammt schlau ist.
Wie gesagt, irgendwie "sic transit gloiria mundi"...

Aber egal. Das Positive überwiegt trotzdem. Die Figur des Shounen Bat ist präsenter und beängstigender als die meisten realen Horrorgrößen. Die Atmosphäre, inklusive des genialen Intros, ist perfekt. Die Charaktere sind nahezu durchgehend glaubwürdig und einige Szenen wird man so schnell nicht vergessen. Sei es eine Gruppe von Leuten, die kollektiv Selbstmord begehen will, es allerdings aus verschiedensten Gründen nicht schafft. Sei es der Polizist, der sein Schmiergeld von der Mafia zu nicht bezahlbaren Konditionen zurückgeben muß und in höchster Verzweiflung Shounen Bat "herbeifleht". Oder seien es die tratschenden Hausfrauen, die durch irrwitzige Hören-Sagen Geschichten Shounen Bat zu einem übermenschlichen Dämon mystifizieren.( unangenehm und schwer gesellschaftskritisch )

Kurzum: Shounen Bat ist dort draußen...fürchtet euch, wenn ihr ihn nicht braucht...und hofft auf ihn, wenn ihr ihn braucht...Shounen Bat ist dort draußen...

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